Kirchenmusiker Bernd Wahl, Mitglied und Fan des FC Bayern, über das Urteil gegen seinen Clubpräsiden

„Uli ist so etwas wie der Familienvater“

Seit 1966 Fan, seit 2000 Vereinsmitglied: Bernd Wahl, Kantor der Korbacher Nikolaikirche. Fotos: Kobbe/dpa

Korbach - Rekordjagd in der Bundesliga, souveräne Spiele in der Champions League, aber nun soll Clubpräsident Uli Hoeneß hinter Gitter: FC-Bayern-Fans wie der Korbacher Kantor Bernd Wahl durchlebten in den letzten Wochen und Monaten ein Wechselbad der Gefühle.

Kantor und Chorleiter, Erfinder der „Musik zur Marktzeit“, Fußballfan und Finnland-Freund: Bernd Wahl begann vor 23 Jahren als Kirchenmusiker in Korbach. Sein Faible für Bach und die Bayern verrät ein Blick auf die Orgel in der Nikolaikirche: Dort liegt vor den entsprechenden Noten des Barockkomponisten meist eine Stiftetasche in den rot-weiß-blauen Vereinsfarben.

Seit 12. Juli 1966 schlägt sein Herz für den FC Bayern München. An diesem Tag verfolgt Wahl vor dem Fernseher der Nachbarn als Zehnjähriger das WM-Vorrundenspiel der Deutschen gegen die Schweiz. „Ich fragte meinen Vater, bei welchem Verein dieser großartige Franz Beckenbauer spielt. Von dem Moment an nahm mein Leben einen anderen Weg.“

Präzedenzfall schaffen

Drei Jahre und sechs Monate Haft: Das Urteil hat auch den aus Lohra im Kreis Marburg-Biedenkopf stammenden Kantor hart getroffen. Denn: „Wir gehören zur gleichen Familie, und Uli ist so etwas wie der Familienvater.“ In der Entscheidung des Münchener Landgerichts spiegelt sich nach Ansicht Wahls auch die Intention der Staatsanwälte wider, hier einen Präzedenzfall zu schaffen und den Fußballmanager als Sündenbock für andere prominente Steuerhinterzieher büßen zu lassen. Schließlich zähle Uli Hoeneß „weltweit betrachtet sicher zu den bekanntesten Deutschen“. Überhaupt habe der Medienrummel viel dazu beigetragen, dass die Verdienste des 35-fachen Nationalspielers in den Hintergrund gedrängt wurden. Und die lagen nicht nur auf sportlichem, sondern vor allem auch auf sozialen Gebiet, zählt er nationale wie internationale Projekte auf.

In der öffentlichen Wahrnehmung vernachlässigt wurde aus seiner Sicht auch eine möglicherweise pathologische Komponente bei dieser Steuerhinterziehung in großem Stil. Wer mit solchen Summen über längere Zeit jongliere, könne schon mit Spielsüchtigen verglichen werden. Deshalb teilweise auf Schuldunfähigkeit zu plädieren soll er seinen Anwälten bekanntlich nicht erlaubt haben.

„Er ist keine Lichtgestalt wie Beckenbauer, sondern direkt und gradlinig, deshalb hat er seine Schuld eingestanden und Fehler eingeräumt. Ich bin hundertprozentig davon überzeugt, dass er dem FC Bayern in einer wertvollen Position erhalten bleibt“, sagt der Kirchenmusiker und nimmt eine Prise Schnupftabak - aus der Dose mit dem Vereinswappen. Auch wenn die Verteidiger wahrscheinlich in Revision gehen, den Aufsichtsratsposten werde Hoeneß wohl abgeben. Dass Sponsoren auf das Urteil mit ihrem Rückzug reagieren, hält er allerdings für unwahrscheinlich.

Geht es um seine Zukunft als FCB-Präsident, „dann müssen wir gefragt werden“, erklärt Wahl, der seit 14 Jahren Clubmitglied ist. Er rechnet mit einer breiten Mehrheit, die Hoeneß den Rücken stärken wird, und damit, dass es zu ähnlich emotionalen Szenen wie bei der jüngsten Jahreshauptversammlung kommt. Auch beim nächsten Heimspiel am Samstag gegen Leverkusen dürften die Fans eindeutige Signale für ihren Präsidenten senden.

Einfluss auf die Leistungen der Mannschaft werde das Urteil nicht haben, schätzt Wahl: „Wenn die Spieler auf dem Platz stehen, denken sie nicht an die Haftstrafe von Uli Hoeneß.“

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