Gottesdienst mit Muslimen in Kilianskirche - Mittagsgebet und kulturelle Vielfalt im Gemeindehaus

Unterschiede wie bei Geschwistern

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Ein Bild mit Seltenheitswert: Die Gäste im muslimischen Gemeindehaus beobachten Selçuk Dogruer und Gemeindemitglieder interessiert beim Mittagsgebet.

Korbach - Im Rahmen der Interkulturellen Wochen öffnete die Kilianskirche muslimischen Gästen ihre Pforten, im Gegenzug konnten Interessierte deren Mittagsgebet erleben.

Unter dem Motto „Wer offen ist, kann mehr erleben“ finden bundesweit die Interkulturellen Wochen (IKW) statt. Nach Veranstaltungen über die Geschichte der russlanddeutschen Spätaussiedler im Bürgerhaus und einem Kinoabend in der Moschee wurden am Sonntag in Korbach muslimische Gäste zu einem Gottesdienst in die Kilianskirche eingeladen.

Dekanin Eva Brinke-Kriebel zeigte sich erfreut über die zahlreichen Besucher aus der muslimischen Gemeinde Korbachs und begrüßte auch Landrat Dr. Reinhard Kubat und Selçuk Dogruer, den Landesbeauftragten für interreligiöse und interkulturelle Zusammenarbeit des türkisch-islamischen Verbandes DITIB. Die Gäste wohnten einem ökumenischen Gottesdienst bei, den Eva Brinke-Kriebel zusammen mit Pfarrer Markus Heßler von der Gemeinde der Kilianskirche, dem katholischen Domkapitular Gisbert Wisse und Pfarrer Stefan Paternoster von der Selbstständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche abhielt.

Der Gottesdienst konzentrierte sich auf die Themen Toleranz und Verständigung. Pfarrer Heßler rief dazu auf, Engstirnigkeit zu überwinden und nicht von „den“ Ausländern, Muslimen oder Flüchtlingen zu sprechen. Beim Glaubensbekenntnis mit Pfarrer Paternoster gelobten die Betenden, sich „für die Menschlichkeit aller Ordnungen und für jeden Menschen einzusetzen“. Und auch das folgende Lied 584 begann mit den Worten „Meine engen Grenzen, meine kurze Sicht, bringe ich vor dich. Wandle sie in Weite: Herr erbarme dich“.

Dekanin Brinke-Kriebel rief die Anwesenden am Wahltag auf, von ihrem Stimmrecht Gebrauch zu machen: „Wir können in vielen Dingen unterschiedlicher Meinung sein, aber nicht, wenn es um Menschenrechte und -würde geht.“ Sie richtete ihre Predigt am Motto der IKW, „Wer offen ist, kann mehr erleben“, aus. Bei allen Unterschieden würden „Begegnung, Gespräche und Sich-Kennenlernen“ zum Überwinden von Vorurteilen führen.

Sie nahm Bezug auf die schon vorher verlesene Bibelstelle Matthäus 15, in der Jesus einer andersgläubigen Frau zunächst die Hilfe versagt, sich aber überzeugen lässt. „Dieser Sinneswandel war eine grundsätzliche Neuausrichtung, mit der er sich allen Menschen zuwandte“, erklärte die Dekanin - ein Wandel, den sich jeder zu Herzen nehmen solle.

Gemeinsam sprachen die vier christlichen Geistlichen ein Fürbittengebet für mehr Verständnis, bevor die Gruppe ins Gemeindehaus zog, wo die muslimische Gemeinde vor den interessierten Beobachtern ihr Mittagsgebet abhielt.

Nach dem Gebet mit Imam Kadir Kimik erklärte Selçuk Do­gruer die Abfolge aus Stehen, Niederbeugung und Niederwerfen und beantwortete Fragen über diese Säule des Islams. „Es gibt Unterschiede zwischen unseren Religionen, aber die gibt es auch zwischen Geschwistern“, erklärte der Verbandsvertreter. Programme wie die Interkulturelle Woche seien wichtig und er hoffe auf nachhaltige Wirkungen.

Landrat Dr. Kubat bekannte in seinem Grußwort, dass das Mittagsgebet ihm vorher völlig fremd gewesen sei. „Aber das Lied, das darum bat, Kurzsichtigkeit in Weite zu verwandeln, unterstütze ich voll“, erklärte er.

Auch das folgende Unterhaltungsprogramm beim Kaffeetrinken im Gemeindehaus vermittelte multikulturelle Eindrücke: Die „Singenden Frauen“ präsentierten eine Mischung aus deutschen, ukrainischen und russischen Liedern, türkische Musikinstrumente sowie Gitarrenspiel und Gesang von Edgar Palacios rundeten das musikalische Angebot ab. Kinder konnten sich schminken lassen, und die Ballerinas von der Twister Ballettschule „Debüt“ zeigten ihr Können.

Der zweite Vorsitzende des Ausländerbeirats, Dimitrios Papageorgiou, zeigte sich beeindruckt: „Wir setzen uns seit Jahren für Anpassung und Zusammenführung ein. So wie bei dieser erfolgreichen Veranstaltung können wir das nicht immer.“

Die für die Organisation verantwortliche Lydia Oswald dankte Kilian Emde von der Ausländerbehörde des Kreises, der den Austausch zwischen den Religionen angeregt hatte. Sie zeigte sich zufrieden: „Wir sind dem Ziel der IKW - Kulturen, die sich verstehen - nähergekommen.“

Die nächste Veranstaltung der Interkulturellen Wochen in Korbach ist der Tag der offenen Tür in der Moschee am Donnerstag, 3. Oktober. (wf)

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