Quadro-nuevo-Wochenende begeistert große und kleine Zuhörer in der alten Vöhler Synagoge

Virtuos auf Instrumenten und mit Kindern

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Keine Angst vor großen Instrumenten (und Musikern): Die Besucher des Kinderkonzerts ließen sich nicht lange bitten, wenn‘s ums Mitmachen ging.

Vöhl. - Die vier Weltmusiker von „Quadro nuevo“ präsentierten sich in der alten Synagoge nicht nur als Virtuosen auf ihren Instrumenten, sondern auch als ausgezeichnete Didaktiker beim Musizieren mit Kindern.

Mit der Auflösung des „Blauen Einhorns“ gehört ein lieb gewonnenes Element im Konzertkalender der Vöhler Synagoge der Vergangenheit an. Das in guter Tradition zweimal gespielte Weihnachtskonzert der Weltmusiker von „Quadro nuevo“, in dem das Quartett die jahreszeitlich bedingten „Alle-Jahre-wieder“-Favoriten in seinem Stil interpretierte und in die eigene musikalische Biografie integrierte, hat allerdings auch das Zeug zum Klassiker - wenn auch wohl leider nicht jährlich.

Zwischen den beiden gut zwei Stunden umfassenden Abendterminen gaben die vier Musiker mit dem Schalk im Nacken noch ein Kinderkonzert, das sich angenehm von den üblichen, gut gemeinten Kinderbespaßungen unterschied. In gut 70 Minuten spielten die Weltmusiker Kinderliedklassiker, Volkslieder und Hits in eigenen Arrangements und ohne Abstriche am musikalischen Anspruch. Dabei nahmen Mulo Francel, Andreas Hinterseher, Evelyn Huber und D.D. Lowka ihr junges Publikum keineswegs nur mit auf eine faszinierende musikalische Weltreise. Vielmehr waren die Kids von Anfang als Mitspieler gefragt, und wer mutig genug war, kam in der zweiten Hälfte auch zu Einsätzen auf der Bühne.

Am Ende gab es keine Berührungsängste mehr. Der mit Bebop-Elementen angereicherte „Americano“ erwies sich nicht nur als gern angenommene Einladung zum lebhaften Tanzen und Springen, auch die Cajons wurden unaufgefordert zum Mitspielen in Beschlag genommen und zwar von Kindern, die sich bei „Drei Chinesen mit dem Kontrabass“ noch nicht zum Mittrommeln aufs Podium getraut hatten.

Denn die vier Virtuosen erwiesen sich als ebenso große Didaktiker und machten den Einstieg denkbar leicht. Nachdem sie sich und ihre Instrumente vorgestellt hatten, brachen sie mit dem clownesken „Paprika“ das Eis. Beim „Spannenlangen Hansel“ im bayerischen Volksmusikstil und dem mit zahlreichen ebenso komischen wie artistischen oder virtuosen Einlagen angereicherten Kakaolied konnten sich kleine und große Zuhörer noch einmal zurücklehnen und staunen. Doch bei der im Kopfstand vorgetragenen ersten Strophe von „Drei Chinesen mit dem Kontrabass“ machte Akkordeonist Andreas Hinterseher als „bester Sänger“ unüberhörbar deutlich, wo die vier Musiker unbedingt Hilfe aus dem Publikum nötig hatten. Simon, Lara und Katharina nahmen den Appell an die eigenen Talente beherzt an und kamen bei „Hejo spann den Wagen an“ spontan als Vorsänger auf die Bühne.

Gut aufgelockert ging es an die nächste Rhythmusaufgabe: das einschlägig bekannte „We will rock you“-Klatschen. Jazz und Rock, Kinder und Musikprofis waren in diesen Momenten absolut auf einer Wellenlänge.

Ein Hauch von Kindheit lag auch beim abendlichen Konzert für die Erwachsenen in der Luft, denn wer hat nicht schon mal Weihnachtslieder auf dem Glockenspiel geübt oder auch vorgespielt? Ganz dicht dran an Weihnachten wie früher klang denn auch der Anfang des Medleys, als Mulo Francel die Melodie von „Vom Himmel hoch“ auf dem Kinderinstrument spielte. Auch „Süßer die Glocken nie klingen“ als volkstümlicher Akkordeon- und Klarinetten-Walzer weckte Erinnerungen an manchen weit zurückliegenden Heiligabend.

Dank des suchenden Pling-plings des afrikanischen Fingerinstruments „Sasumi“, das sich mit dem Glockenspiel die Melodie teilte, klang die oft gehörte Weise „Leise rieselt der Schnee“ auf Anhieb gar nicht so vertraut. Beim anschließenden Bossa Nova, bei dem sich Harfe, Klarinette und gezupfter Bass in der Führungsrolle abwechselten, entwickelte sich das Thema von „Alle Jahre wieder“ erst spät aus dem rhythmischen Geflecht. Und nicht viel später kündigte Mulo Francel mit jubilierendem Sopransax „Es kommt eine herrliche Zeit“ an, ein Arrangement ganz im Quadro-nuevo-Stil, in dem auch Raum genug für einen Ausflug in John Coltranes „A love supreme“ war, ehe Bass und Hackbrett mit „Fröhliche Weihnacht überall“ das Finale einleiteten.

Mit einem einsamen Bandoneon, das sich allein durch die erste Strophe des schwedischen Weihnachtsliedes „Jul, jul strändele Jul“ tastete, hatte das weihnachtlich gestimmte Programm begonnen. Erst in der zweiten Strophe bekam Andreas Hinterseher Gesellschaft von seinen Mitspielern D.D. Lowka an der peruanischen Trommel, Mulo Francel an der Gitarre und Evelyn Huber an der Harfe. Zwischen den beiden Saiteninstrumenten entwickelte sich im weiteren Verlauf ein lebhafter Austausch.

Wo ein Bandoneonspieler auf der Bühne steht, ist der Tango nicht weit. In diesem Fall ein Tangotriptychon, das als ruppiger Tango nuevo begann, für den Lowka den Klangkörper seines Basses als Rhythmusinstrument nutzte, während Francel mit dem Tenorsax jazzige Akzente streute, ehe ein spritziges Harfensolo den Gipfel markierte.

Mit „Shtil, di Nakht ist oysgeshternt“ folgte eine Hommage an den Sternenhimmel der Synagoge mit Melodienwechsel zwischen Klarinette, Bass und Harfe. Die ganz zart geblasene Reprise zur Akkordeonbegleitung lief auf ein letztes Verklingen hinaus, ehe die abschließende Klezmerklage auf der Klarinette über sich verdichten Harfenakkorden an das schreckliche Ende des Komponisten Hirsch Glik gemahnte, der das Stück im Ghetto von Vilnius geschrieben hatte.

Im Verlauf der zweiten Hälfte erwiesen sich „Quadro nuevo“ weiterhin als Meister in der Kunst des Übergangs, als sich Gamelanharmonik von Gabriel Faurés „Noel“ in den schwebenden Klängen des englischen Weihnachtslieds „Carol of the Bells“ auflöste und anschließend nahtlos in die stürmische Dynamik der „Reise nach Batumi“ überging.

„Majuski“ war das Lieblingslied von Papst Johannes Paul II., das polnische Wiegenlied fürs Christkind ertönte als erste Zugabe. Mit der Hommage an Charlie Brown „Christmas time is here“ verklang das Weihnachtskonzert endgültig. (ahi)

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