Korbach

Wachrütteln gegen Armut

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- Korbach (jk). „Armut“, das ist in Waldeck-Frankenberg vielfach ein Tabu. Eine Sonderausstellung im Korbacher Museum will das Thema näher beleuchten – und mit einer breiten Diskus-sion das öffentliche Bewusstsein schärfen. „Tabu Armut – und die im Dunkeln sieht man doch“, so heißt der Titel der Ausstellung vom 15. November bis 9. Januar im Wolfgang-Bonhage-Museum.

Die meisten Deutschen, die an Armut denken, haben Bilder aus Afrika oder Asien im Kopf, wo Millionen Menschen tagtäglich um Wasser und das nackte Überleben kämpfen. „Wenn wir hier bei uns von Armut reden, dann – im Vergleich zu Ostafrika – sicher auf relativ hohem Niveau“, sagt Oliver Breysach. Und darin ist sich Breysach als Vorsitzender der „Korbacher Tafel“ mit Pfarrer Oliver Okun einig. Aber gemessen am durchschnittlichen Lebensstandard in Deutschland gibt es auch in Waldeck-Frankenberg eine wachsende Zahl von Menschen, Familien, Kindern, die unterhalb der sozialen Einkommensgrenzen leben müssen.

„Und da wissen viele gar nicht, dass es Armut auch vor der eigenen Haustür gibt“, fügt Breysach an. Breysach und Okun gehören zu einer Arbeitsgruppe, die die Ausstellung im Museum samt einer Podiumsdiskussion am 22. November vorbereitet hat. Initiatorinnen sind dabei Lydia Oswald und Natalja Schens. Beide arbeiten für das Projekt „Migration, Integration, Teilhabe“ in Korbach. Träger ist die evangelische Stadtkirchengemeinde, die praktische Arbeit läuft über das Diakonische Werk. Brücken bauen, keine Grenzen, das ist ein Kern des Projekts – weder konfessionell, noch kulturell oder sprachlich.

Armut begegnet den engagierten Integrationsarbeiterinnen tagtäglich – ebenso wie in den kirchlichen Institutionen, erklären Alice Lessing (Caritas-Verband) und Ursula Hartmann-Samiec (Diakonisches Werk). Dabei äußert sich Armut hierzulande oft versteckt und mit Scham: wenn Menschen nicht zum Arzt gehen, weil sie die Praxisgebühr nicht aufbringen können; wenn Kinder nicht an Klassenfahrten teilnehmen; wenn Mütter plötzlich zum Monatsende anklopfen, weil sie kein Geld mehr haben fürs Essen.

Die Podiumsdiskussion am 22. November im Museum soll deshalb begleitend zur Ausstellung das öffentliche Bewusstsein schärfen, Menschen animieren, sich gegen Armut und für soziale Gerechtigkeit einzusetzen. Ansatzpunkte gibt es viele – ob Politik, Bildung, Gesundheitssystem oder Integration. Moderator am 22. November ist WLZ-FZ-Chefredakteur Jörg Kleine.

Die Motive zur Ausstellung stammen von der Reutlinger Fotografin Gerlinde Trinkaus. Daraus hat das „FamilienForum“ im Landkreis Reutlingen eine denkwürdige Wanderausstellung konzipiert, denn die Begegnung mit Armut in Deutschland ist vielgesichtig: im Alter, in der Arbeitslosigkeit, in der Hartz-IV-Falle, in der gesellschaftlichen Isolation.

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