Die Wache an der Hagenstraße: Erst Dienstvilla für den Landrat, dann Polizeistation

„Waldeck an Waldeck Sieben“

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Die alte Polizeistation in der Hagenstraße: Nach dem Auszug der Polizei zieht das Kirchenkreisamt vorübergehend ein.

Korbach - In die alte Polizeiwache zieht Ende März das evangelische Kirchenkreisamt vorübergehend ein. Das schmucke Gebäude an der Hagenstraße hat eine bewegte Geschichte, die weitgehend im Verborgenen liegt.

Bauzeit, architektonischer Stil, Besitzerwechsel, Anekdoten - Häuser erzählen viel Geschichte. Wer mehr wissen will über die Gebäude in der Hansestadt, der blättert etwa im Stadtarchiv in den Werken von Hermann Thomas über „Die Häuser in Alt-Korbach und ihre Besitzer“.

Doch bei zwei markanten Bauten an der Ecke Hagenstraße/Nordwall herrscht da Fehlanzeige: Ausgerechnet über die Polizeiwache und das Amtsgericht gleich gegenüber ist in den zehn Bänden von Hermann Thomas nichts zu finden. Was alte Korbacher vielleicht noch wissen: Die Polizeistation war ehedem ein Gebäude des Landkreises Waldeck.

Landrat mit Kutscher

Die tiefere Recherche führt in die Bauakten der Stadt Korbach, wo sich auch der Bauschein für das Haus an der Hagenstraße 5 finden lässt. Das „Kuratorium der Kreissparkasse zu Corbach“ ersuchte vor 94 Jahren um die Genehmigung für einen Neubau: „Landratsdienstgebäude nebst Wirtschaftsgebäude und Kutscherwohnung“. Der Landesdirektor des damaligen Freistaats Waldeck stimmte denn auch am 24. Juni 1920 zu.

Landrat im damaligen waldeckischen Kreis des Eisenberges mit seiner Hauptstadt Korbach war seit 1906 Ernst Klapp, der bis in die Nazi-Zeit auch Verwaltungschef blieb, bevor er sich im August 1936 in den Ruhestand versetzen ließ.

Im Sommer 1920 waren die Zeiten hart in Deutschland. Der Erste Weltkrieg (1914 bis 1918) hatte tiefe Spuren hinterlassen, die „Interalliierte Rheinlandkommission“ dirigierte nach dem Versailler Vertrag seit 1920 die von Briten, Amerikanern, Franzosen und Belgiern besetzten Zonen. Es ging ebenso um die „Helgolandfrage“- und vor allem den Aufbau der Weimarer Republik nach dem Ende der Kaiserzeit in Deutschland.

Umzug der Behörden

Bei aller Nachkriegsnot entstanden auch in Korbach ab den 20er-Jahren etliche neue Gebäude, etwa entlang der Ausfallstraßen. Untergeschoss aus Korbacher Kalkstein (wie die Kirchen), darüber Fachwerketagen, leicht verspielte Dächer, dazu Türmchen und Erker, die die Fassade prägen. An der Briloner Landstraße und Am Kniep sind solche Gebäude etwa zu finden. Und genau in diesem Stil wurde auch das neue Dienstgebäude des Landrats 1921 fertig gestellt.

Die Waldeckische Landeszeitung berichtete darüber am 28. Oktober 1921: „Nachdem das vom Kreise errichtete Wohnhaus unseres Landrats ,im Hagen‘ fertig gestellt und auch von ihm bezogen worden ist, konnte die bisherige Landrats-Wohnung im Kreishause in Diensträume hergerichtet werden.“

Kreishaus war damals das steinerne Gebäude in der Professor-Bier-Straße (später Brandkasse). Und schon die alte Wohnung des Landrats muss zweifelsohne äußerst geräumig gewesen sein. Jedenfalls entstanden dort neue Büros für „Versicherungsamt, Sektionsvorstand, amtliche Fürsorgestelle, Getreidewirtschaftsamt und Zuwachssteueramt“, wie die WLZ festhielt. Diese Behörden waren zuvor im damaligen Haus Wille am Berndorfer Torplatz untergebracht - genau im Zwickel zwischen Flechtdorfer und Briloner Landstraße.

Seit 1958 Polizeistation

Fast 40 Jahre später verfehlte die stattliche ehemalige Villa des Landrats ihre Wirkung nicht. Denn 1957 schickte sich das hessische Innenministerium an, die Polizeikommissariate und -wachen komplett neu zu gliedern. So wurden im Kreis Waldeck die übers Land verteilten 20 Polizeistationen aufgelöst und in Korbach als „Großstation“ zusammengefasst.

Da kam den Ordnungshütern die frühere Landratswohnung gerade recht, die immerhin Platz bot für rund 50 Beamte, die seit Januar 1958 zentral in der Hagenstraße ihren neuen Dienstsitz aufnahmen. Das Polizeikommissariat mit einem Hauptkommissar plus einem Verwaltungsangestellten und einer Stenotypistin als Unterstützung zog ins neugebaute Kreishaus an der Pommernstraße ein. Genau dort, wo heute Polizeidirektion, Kripo und Wache zusammengefasst sind.

Immerhin rückte die hessische Polizei 1958 von den vielfach noch üblichen Dienstfahrrädern ab und setzte auf „Vollmotorisierung“ der Stationen. So musste auch das alte Kutscherhaus des Landrats nicht als Fahrradscheune dienen, sondern konnte in Räume für die Polizei umgewandelt werden. Für die „grüne Minna“, VW Käfer mit Blaulicht, gab es einen eigenen neuen Garagentrakt.

Mitten in Korbach sollten die Polizisten damals „das Ohr am Herzen des Volkes haben“, wie Kommissar Otto Cerny am 4. Januar 1958 gegenüber der WLZ betonte. Cerny war Chef in der neuen Polizeistation und gab stolz Einblick ins System mit den brandneuen Funkstreifenwagen: „Achtung, Waldeck an Waldeck Sieben. Bitte melden! Verkehrsunfall an der Kirche in Usseln. Sofort hinfahren und aufnehmen.“

Rückwirkend zum 1. Januar kaufte damals das Land Hessen die Immobilie dem Landkreis ab. Mit dem Auszug der Polizei hat nunmehr das Hessische Immobilienmanagement in Kassel die Schlüssel in der Hand. Als neuer Mieter soll am 21. März das Korbacher Kirchenkreisamt an der Hagenstraße einziehen. Doch nur für rund anderthalb Jahre, bis die Erweiterung des evangelischen Dienstgebäudes am Kilian abgeschlossen ist. Dann wird neu entschieden über die weltliche alte Landratsvilla.

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