Vöhl

„Warum essen wir den Sigi ?“

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- Vöhl (resa). „Wir sind nicht die Krönung der Schöpfung“, sagt Norman Siegel. Und deswegen hat er sein Leben gemeinsam mit seiner Frau auf den Kopf gestellt: Im Mittelpunkt steht jetzt der Gnadenhof in Vöhl.

Schwein Sigi hat es sich in seiner Hütte gemütlich gemacht, doch als sich Besuch in das große Freilaufgehege traut, ist es mit der Ruhe vorbei. Erst vorsichtig, dann immer mutiger blickt das Minischwein aus seiner Tür, schnüffelt kurz und drückt voller Zuneigung seine große, runde Nase an das nächste Hosenbein. Mehr als 100 tierische Nachbarn hat Sigi im Vöhler Gnadenhof.

„Denn im Moment ist jeder Platz besetzt“, erklärt Norman Siegel. Hühner und Enten haben hier ebenso ein Zuhause gefunden wie 19 Katzen, Ziegen, Ponys, Pferde, eine Kuh, drei Hunde, Gänse Emus, Nandus, Bienen, Wildschweine und Affen. „Die Hälfte der Tiere wurde uns gebracht“, sagt Siegel, „die andere Hälfte haben wir gerettet.“ Auf dem Gnadenhof finden Tiere ein Zuhause, die sonst keiner mehr will – wie etwa Rotgesichtsmakaken-Dame Zacki, die im vergangenen Jahr in Fuldatal erst ausgesetzt und dann während eines aufwendigen Feuerwehreinsatzes gerettet wurde. Längst hat sie sich mit den anderen Kapuzineraffen angefreundet, die von den Tierschützern aus schlimmen Bedingungen gerettet wurde.

Aber auch Wildschwein „Schlitzohr“, das Wanderer aus Buchenberg als Frischling blutend im Wald gefunden haben, dann aufzogen und schließlich abgeben mussten, weil es den ganzen Garten zerwühlte, hat hier ein Zuhause gefunden. Sie alle begrüßen die Besucher aufgeregt, ebenso wie die drei Hunde und das Pony, die völlig frei auf dem schönen Hofgelände bei Vöhl unterwegs sind. Viele werden weiter vermittelt, einige aber dürfen hier in Ruhe ihren Lebensabend verbringen. „Ganz ohne Käfige geht es bei manchen Tieren allerdings nicht“, bedauert Siegel.

Es ist eine Lebensphilosophie voller Achtung und Respekt, die hinter dem Gnadenhof steckt. Norman Siegel, seine Frau und drei WG-Bewohner sind vor zwei Jahren von Bielefeld nach Vöhl gekommen, bereits zuvor hatten sie einen Gnadenhof. „Es gab einfach einen Punkt in unserem Leben, an dem wir nicht länger ein System unterstützen wollten, dass Schwächere ausbeutet“, sagt er. Und das gelte für Menschen wie für Tiere.

Viel Geld habe er früher mit einem Pflegedienstunternehmen verdient. „Aber wir brauchten diesen materiellen Tand nie“, erklärt er. Erst befreiten sie Tiere aus Versuchskliniken und Schlachtereien, dann entschieden sie sich für einen legalen Weg. Sie kauften einen Hof, stellten ihre Lebensweise völlig um. „Wir arbeiten nun alle halbtags“, erklärt er, „so können wir unseren Hof und unsere Tiere finanzieren.“ Außerdem sei immer jemand da, der sich kümmere.

Weitere Infos über den Gnadenhof gibt es unter Telefon 05635/9929292. Hier können sich auch Besucher anmelden.

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