Melancholisch-melodische Musik mit dem Duo Soultrain in Kilianskirche

Welten begegnen sich in Jazzmusik

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Eine fünfköpfige Rhythmusgruppe hatte Peter Hamburger von seinem Workshop bei den Kirchenmusiktagen in Berndorf mitgebracht

Korbach - Jedes Konzert der 2. Korbacher Orgel-Woche sollte eine andere Nuance der Kuhn-Orgel zur Geltung bringen, die Eberhard Jung bei der Vorstellung des Duos „Soultrain“ als „Chamäleon unter den Musikinstrumenten“ bezeichnete.

Die beiden Instrumentalisten Peter Hamburger an der Orgel und Kurt Grützner am Tenorsaxofon sollten die Begegnung von zwei Welten in sämtlichen Mundarten des Jazz gestalten. Besonders eindrucksvoll gelang dieses Aufeinander-zu-Spielen bis zum harmonischen Miteinander in Antonio Carlos Jobims „Girl from Ipamena“.

Die quirlige Eröffnung des Bossa Nova an der Orgel erinnerte an einen jungen Mann, der unbedingt die Aufmerksamkeit eines Mädchens gewinnen will, das viel zu sehr mit sich beschäftigt scheint, um auf das Werben einzugehen. Die ersten Töne klingen denn auch ziemlich schüchtern und ein wenig schwerfällig, als das Saxofon endlich in die Melodie einstimmt.

Es scheint fast so, als träfen zwei unvereinbare Temperamente aufeinander, doch bis zum letzten Durchgang erreicht das anfänglich ungleiche Paar eine vollkommene rhythmische und harmonische Übereinstimmung. Der längste und intensivste Beifall bis zum Schlussapplaus war der Lohn für diese sinnfällige Vereinigung der Gegensätze zu Beginn des zweiten Blocks mit Jazz-Standards.

Transparenter Klang

Im ersten Set mit Klassikern erkundete der Kantor für Popularmusik der Landeskirche Kurhessen-Waldeck gewissermaßen vorsichtig die Kuhn-Orgel. Peter Hamburger konzentrierte sich zunächst aufs unterste Manual und spielte auf diesem ganz im Stil eines Hammond-B3 Moduls. Der Unterschied war trotzdem markant, der Klang ungewohnt transparent, jeder Ton präziser als beim vergleichbar verwaschenen Hammond-Sound. Nicht minder prägnant und pointiert die Rhythmus-Arbeit mit dem fetten Pedal, während Kurt Grützner aus ersten Melodiefragmenten die Weise von Thad Jones „A Child is born“ zusammenpuzzelt.

Den ersten richtig großen Auftritt mit vollem Klang und einer unwiderstehlichen Melodie hat der Tenorsaxofonist beim zweiten Stück: „Lullabye of a Birdland“. Bei der swingenden Hommage an den Jazz-Klub schlechthin hat das Duo zudem Verstärkung durch eine fünfköpfige Rhythmusgruppe, die Peter Hamburger von seinem Berndorfer Workshop mitgebracht hatte: mit Kehrblechen, Bratpfannen, Grillgittern und Plastiktüten hinterließen die Gäste einen starken Eindruck.

Mit einer atmosphärisch dichten Interpretation von Chick Coreas „Sea Journey“ ging der erste Standards-Set zu Ende und Kurt Grützner vertauschte sein „Horn“ mit einen Shaker, das ideale Begleitinstrument für „Latin für Lefties - Latein für Linkshänder“, einer Komposition, mit der sein Kollege an der Orgel die dritte Ebene in Angriff nimmt, sprich das oberste Manual in Spiel einbezieht.

Krasser Moment

Der harmonisch krasseste Moment folgt zur Eröffnung des Chorals „Komm, Heiliger Geist“, zu dem Hamburger sämtliche erreichbaren Tasten des untersten Manuals mit beiden Ellenbogen niederdrückt, um die Eingangsdissonanz fließend in den ersten Akkord übergehen zu lassen, ehe das bislang vernachlässigte mittlere Manual zur Melodiearbeit herangezogen wird.

Die Weise des anschließenden Saxofon-Blues ist auch aus dem Gottesdienst bekannt: „Das sollt ihr Jünger nie vergessen“, gerät ebenso zum Showcase für Kurt Grützner wie „Wunderbarer König“, dem der Landespolizeipfarrer geradezu Coltrane’sche Qualitäten in Sachen Expressivität und Spiritualität abgewinnt. Insbesondere beim Finale, das dem Namenspatron des Duos in jeder Hinsicht gerecht wird.

„Mit Footprints“ steht eine weitere Hommage an einen ganz großen Saxofonisten auf dem Programm, die Peter Hamburger mit einer eindrucksvollen Pedalsequenz eröffnet, die rhythmischen Puls beim intensiven Zusammenspiel der beiden Instrumente bis zum Gipfelpunkt vorgibt. Zum Abschluss der eindrucksvoll interpretierten Komposition von Wayne Shorter verebbt der Pedalpuls.

Mit „My Prince will come“ als Melancholy Blues“ klingt ein insgesamt eher melodisch bis meditativ als grell-expressiv ausgelegtes Jazz-Programm aus. Einen musikalischen Rausschmeißer geben die beiden Vollblutmusiker ihren begeistert bis beseelt Beifall klatschenden Zuhörern dann doch noch auf den Weg. (ahi)

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