Diskussionsrunde zum Thema „Jugendarmut“ · Wanderausstellung noch bis Sonntag im Bürgerhaus

Wer wenig lernt, riskiert sehr viel

WLZ-FZ-Chefredakteur Jörg Kleine moderierte die Diskussionsrunde und befragte Jugendliche im Publikum.

Korbach - Ohne Ausbildung ist das Armutsrisiko besonders hoch. Risikofaktoren, vorbeugende Mittel und Therapien erörterten Experten am Dienstag in einer Diskussionsrunde.

„Wir sind die Stimme eurer Zukunft“: In Strophen tragen Jugendliche aus berufsvorbereitenden Bildungsgängen (BvB) ihre Ängste und Hoffnungen vor. Sie haben bisher erfolglos nach einer Lehrstelle gesucht oder eine Ausbildung abgebrochen - und können buchstäblich ein Lied davon singen, wie schnell man am Beginn des Berufswegs in die Gefahr gerät, auf die Verliererstraße abgedrängt zu werden. Dabei leben sie in einem reichen Land, die offizielle Arbeitslosenzahl in Waldeck-Frankenberg verspricht nahezu Vollbeschäftigung und Betriebe suchen mitunter händeringend nach Azubis.

„Viele sind schulmüde“

In solchen Zeiten den Einstieg in ein Wohlstand versprechendes Erwerbsleben nicht zu finden, „stigmatisiert die betroffenen Jugendlichen ganz besonders“, erklärt Professor Werner Schönig, Dekan des Fachbereichs Sozialwesen an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen in Köln. Die Ursachen dafür sind vielgestaltig: Belastende Familienverhältnisse, fehlende Anerkennung, soziale Ausgrenzung oder eine Gemengelage aus Erfahrung und Gefühl, die Angelika Goldkamp, Sozialpädagogin der Kompetenzagentur Waldeck-Frankenberg, so beschreibt: „Viele sind schulmüde, glauben nicht, dass sie mit Lernen weiterkommen.“

Dass genau das Gegenteil richtig ist, versucht Uwe Kemper, Chef der Arbeitsagentur Korbach, in seinem Impulsreferat zu verdeutlichen. „Der größte Schatz dieser Gesellschaft ist das Wissen in ihren Köpfen“, ruft er den Jugendlichen unter den rund 150 Besuchern im Bürgerhaus zu. Kemper rät aber auch den Betrieben, die Auswahlkriterien bei der Lehrstellenvergabe zu verändern: „Nicht Zeugnisse, sondern junge Menschen einstellen, die wir gemeinsam entwickeln.“

Nach dieser Devise verfährt auch Roger Hattwich, wie der Inhaber des Terrassenhotels am Edersee auf dem Podium berichtete. Ein früherer Berufsabbrecher, der in seinem Betrieb die dritte Chance erhielt, zähle inzwischen zu seinen besten Mitarbeitern. Für Hattwich das Erfolgsrezept gegen Lehrlingsfrust: flache Hierarchien, direkte Ansprache und Teamarbeit, aber nicht zuletzt auch die Gepflogenheit, Trinkgelder und Anerkennung der Gäste miteinander zu teilen.

Sozialarbeiter integrieren

Breiten Raum nehmen in der von WLZ-FZ-Chefredakteur Jörg Kleine moderierten Diskussion auch die Schwächen des traditionellen Schulsystems ein. In der Tat müsse die Berufsvorbereitung im Unterricht erheblich verbessert werden, verweist Erhard Wagner auf eine Schwachstelle. Der ehemaliger Leiter der Ortenbergschule Frankenberg und SPD-Kreistagsabgeordnete nennt den erstaunlichen Grund: „Schule wird weitgehend nach den Ergebnissen der Reichsschulkonferenz von 1920 organisiert.“

Kultuspolitischen Reformbedarf sehen ebenfalls die beiden Landtagsabgeordneten in der Runde, allerdings mit unterschiedlichen Vorzeichen. Während Armin Schwarz (CDU) sich mit Blick auf die Situation im Landkreis vor allem darum bemühen will, „die Ausbildung in der Fläche“ zu halten, plädiert Daniel May (Bündnis 90/Die Grünen) dafür, Schulsozialarbeit zu forcieren und besser in das Lehrerkollegium zu integrieren.

Sozialarbeiter Reinhard Deutschendorf (Berufliche Schulen), Ulrich Faß-Gerold, Jugendarbeiter der evangelischen Gemeinden im Upland, und Angelika Goldkamp zählen weitere Risikofaktoren auf, die einen glatten Übergang vom Klassenraum zur Lehrstelle gefährden: Ausbildung dürfe nicht allein auf die „ökonomische Verwertbarkeit der Jugendlichen“ reduziert werden, betont Faß-Gerold. Und in der Schule sollten nicht nur Lehrplan-konforme Leistungen, sondern viel mehr praktisch-kreative Fähigkeiten belohnt werden, fordert die Sozialpädagogin der Kompetenzagentur.

Enge im „Armutstunnel“

„Jugendarmut“: Die Wanderausstellung zur Veranstaltung unter der Schirmherrschaft von Landrat Dr. Reinhard Kubat ist noch bis zum 17. November im Erdgeschoss des Bürgerhauses zu sehen. Besucher können dabei einen ebenfalls von BvB-Teilnehmern gestalteten „Armutstunnel“ durchlaufen, in dem sie symbolisch Enge und Not zu spüren bekommen. Die Organisatorinnen arbeiten im Korbacher Projekt MIT: „Migration, Integration, Teilhabe“ und im Arbeitskreis „Tabu Armut“ zusammen. (tk)

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