Heidschnucken und Beerenpflücker kommen sich in die Quere

Wenn die Beerenwelt zusammenbricht

Willingen - Karl Wilhelm Lindner geht seit mehr als 70 Jahren in die Beeren. In diesem Sommer erwartete er eine Rekordernte. Umso größer war seine Enttäuschung, als er vor einigen Tagen auf den Ettelsberg kam. „Eine riesige Schafherde hatte alles zertrampelt und vollgemistet.“

Der Willinger zählte früher zu den sportlichen Aushängeschildern des Uplands. Er sammelte Pokale und Medaillen im Skilanglauf, in der nordischen Kombination sowie im Skispringen, war aber auch in der Leichtathletik erfolgreich. Als westdeutscher Meister stand er sage und schreibe 52-mal ganz oben auf dem Siegertreppchen. Im vergangenen Monat ist Lindner 83 Jahre alt geworden. Man sieht und merkt ihm sein Alter nicht an. Er ist rank und schlank, drahtig und im Kopf noch äußerst fit. Es zieht ihn immer wieder hinauf auf den Willinger Hausberg. Heidel- und Preiselbeeren stehen im Haus Lindner oft auf dem Speiseplan. Ehefrau Ulla backt Blaubeerpfannkuchen, bereitet aus den Früchten einen leckeren Nachtisch und kocht Marmelade. Dass Preiselbeeren vom Ettelsberg in Karl Wilhelm Lindners bevorzugtes Sportler-Müsli gehörten und gehören, versteht sich fast von selbst. Für echte Upländer gibt es außerdem am Sonntagnachmittag wohl kaum etwas Besseres als einen frisch gebackenen Heidelbeerkuchen mit Streuseln. Er ist in Willingen aufgewachsen und hat schon als Kind in den Sommermonaten die köstlichen und gesunden Beeren gepflückt. Damals hat er die Früchte im Ort in einem Lebensmittelgeschäft abgeliefert und sich so ein paar Pfennige verdient. „Im Krieg wurden sie auch an Verwandte in den Städten verschickt“, erinnert sich Lindner. In den letzten Jahrzehnten allerdings sammelt er die Beeren nur noch für den Eigenverbrauch und wenn die Ernte gut ist, kriegen auch Freunde etwas ab. Die Pflückzeit beginnt meistens um den 10. Juli herum und dauert bis Anfang September. Karl Wilhelm Lindner ist überzeugt, dass die Wildbeeren vom Ettelsberg die allerbesten sind. „So eine Qualität findet man sonst nirgendwo!“ Es macht ihn schon sehr traurig, dass die große Schafherde hier ausgerechnet zur Haupterntezeit unterwegs ist. „In den Vorjahren wurde der obere Teil des Ettelsbergs verschont und war den Beerenpflückern vorbehalten.“ Es ist dem alten Willinger klar, dass es sich bei den Heidschnucken um tierische Landschaftspfleger handelt, deren Einsatz unverzichtbar ist. Die Herde der Bigger Werkstätten hält den Bewuchs auf den Upländer Heideflächen kurz, damit die Heide, die die Landschaft prägt, nicht von Gras und kleinen Bäumen überwuchert wird und letztendlich verschwindet. „Aber es müsste doch möglich sein, eine andere zeitliche Regelung zu treffen“, appelliert Karl Wilhelm Lindner an die Verantwortlichen. Er fürchtet, dass er sich in diesem Jahr die Heidel- und Preiselbeeren im Reformhaus kaufen muss; doch die schmecken ihm längst nicht so gut wie die Früchte vom heimischen Berg. „Für mich ist die Beerenwelt zusammengebrochen“, sagt er traurig mit Blick auf die bisher magere Ausbeute. Der Konflikt kocht übrigens sowohl in Willingen als auch in Usseln schon seit vielen Jahren immer mal wieder hoch. Möglicherweise ist er auch Hintergrund einer Attacke im Bereich des Schafstalls am Ettelsberg, die sich am Samstag, 25. Juli, ereignete. Wie berichtet haben Unbekannte in der Zeit zwischen 10 Uhr und 20 Uhr die Reifen eines Autos, das dem Josefsheim Bigge gehört, und eines Anhängers zerstochen – eine Tat, die Lindner übrigens scharf verurteilt. Lässt sich das Problem in den nächsten Jahren irgendwie lösen? Wie Bürgermeister Thomas Trachte auf Anfrage der Waldeckischen Landeszeitung erklärt, wird der Beweidungsplan zwischen den Bigger Werkstätten und den Naturschutzbehörden abgestimmt. „Die Gemeinde übernimmt einen Teil der Kosten, ist aber nicht für die Organisation und Durchführung zuständig.“ Der Verwaltungschef will sich jedoch im Gespräch mit den zuständigen Fachleuten dafür starkmachen, dass in Zukunft zur Haupterntezeit von Jahr zu Jahr wechselnde Flächen nicht von der Heidschnuckenherde beweidet werden, sodass die Upländer dort ihrer Beerenleidenschaft frönen können.Wie sehr einen diese Leidenschaft erwischen kann, weiß das Gemeindeoberhaupt aus eigener Erfahrung. „Vor über 30 Jahren hat es Karl Wilhelm Lindners Sohn Christoph und mich auch mal so richtig gepackt“, erzählt Trachte schmunzelnd. Die beiden sind damals jeden Tag in die Blaubeeren gegangen und haben sich erst auf den Heimweg gemacht, wenn der Zehn-Liter-Eimer voll war. Von Ulrike Schiefner

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