Züchter sehen in der wachsenden Wanderfalken-Population eine Bedrohung

Wenn die Brieftaube nicht heimkommt

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Fressen und gefressen werden: Weil die Population der Wanderfalken im Landkreis wächst, sind die Züchter in Sorge um ihre Brieftauben.Archivfoto: Florian Gärtner

Korbach - Wanderfalken haben in der Nikolaikirche erfolgreich gebrütet. Für die Naturschützer ein Erfolg - für die Waldecker Brieftaubenzüchter eine Bedrohung: Sie fürchten, dass immer mehr ihrer Tiere Opfer der Greifvögel werden.

Die waghalsigen Sturzflüge sind so rasant, dass die Augen ihnen kaum folgen können: Bis zu 150 Stundenkilometer schnell stürzen sich die Wanderfalken vom Turm der Nikolaikirche auf ihre Beutevögel. Ingolf Schinze, Vorsitzender der Brieftaubenzüchterreisevereinigung Waldeck, treibt das Spektakel die Sorgenfalten auf die Stirn. Das Problem für den Züchter aus Willingen: Greifvögel, vor allem die streng geschützten Wanderfalken, haben sich in den vergangenen Jahren wieder vermehrt. Und Tauben zählen zu ihrem Hauptnahrungsmittel.

„Wanderfalken ziehen auf der Suche nach Futter in die Städte hinein“

Früher fraßen die Wanderfalken Niederwild, Fasane, Rebhühner, kleine Hasen, Kaninchen und etlichen Arten von Singvögeln. Doch die seien heute kaum noch zu sehen, sagt Schinze. Die Folge: „Daher zieht er sich, obwohl von Natur aus sehr scheu, mehr und mehr in Städte hinein auf der Suche nach Nahrung.“ Als Beute müssten Brieftauben herhalten. Tatsache sei, dass jährlich rund 45 Prozent eines jeden Brieftaubenbestandes nur durch Habichte, Sperber oder Wanderfalken dezimiert würden, erklärt Schinze, der sich auf Zahlen des Verbandes Deutscher Brieftaubenzüchter beruft.

Was das für den einzelnen Züchter bedeutet, erläutert er an einem Beispiel: „Ein Brieftaubenzüchter muss pro Jahr im Durchschnitt 100 Jungtauben züchten, um seinem Hobby, Wettflüge mit Brieftauben durchzuführen, nachzukommen.“ Durch Greifvögel verliere er innerhalb von zwei bis drei Monaten bis zu Beginn der Wettflüge fast 50 Jungtauben. Dazu kämen noch die Verluste von älteren, bei Wettkämpfen erfolgreichen Tauben, was zum Teil auch hohe materielle Verluste im bis zu vierstelligen Bereich mit sich bringe.

„Erfolgsgeschichte für den Naturschutz“

Schinzes Fazit: „Daher sehen wir Waldecker Brieftaubenzüchter die aktuelle Wiederansiedlung der Wanderfalken in Korbach und im gesamten Landkreis in ihren aktuellen Auswüchsen als Bedrohung an und nicht im Sinne des gesamtheitlichen Tierschutzes. Hier muss Einhalt geboten werden, um die Population nicht weiter zu vergrößern.“ Der einseitige Artenschutz zugunsten der Greifvögel müsse gelockert werden. „Der Wanderfalke besitzt keine natürlichen Feinde und kann daher nur durch den Mensch in seiner Überpopulation eingeschränkt werden.“

Tatsächlich ist die Zahl der Wanderfalken in den vergangenen Jahrzehnten wieder deutlich gestiegen: 1950 gab es in Deutschland etwa 900 Wanderfalkenpaare. 1970 waren es nur noch zwischen 25 und 30. Das lag daran, dass Pestizide aus der Landwirtschaft sich auf die Fruchtbarkeit auswirkten und die Eierschalen der Tiere so veränderten, dass die meisten Eier beim Brüten kaputtgingen.

Umweltgifte wie DDT und Lindan sind inzwischen längst verboten. Durch Schutzmaßnahmen hat sich die Population der Wanderfalken mittlerweile wieder erholt. 2006 waren in Deutschland 950 Brutpaare bekannt. „Diese Entwicklung ist eine Erfolgsgeschichte für den Naturschutz“, sagt Ralf Enderlein vom Naturschutzbund Korbach (NABU). Dass die Brieftaubenzüchter das anders sehen, könne er nachvollziehen: „Das Konfliktpotenzial besteht.“

„Viele Wanderfalken sind in diesem Jahr vom Uhu geschlagen worden“

Eine Lockerung des Artenschutzes, wie sie die Taubenzüchter fordern, sieht der Naturschützer aber skeptisch: „Ich bin der Überzeugung, das regelt die Natur.“ Denn die Wanderfalken hätten durchaus Fressfeinde. Gerade in diesem Jahr seien viele Altvögel in Waldeck-Frankenberg vom Uhu geschlagen worden - mit der Folge, dass auch die Brut ohne Erfolg blieb.

Gleichzeitig werde auch das natürliche Futterangebot für die Greifvögel wieder größer. „So wächst etwa die Population der Ringeltauben im Landkreis“, sagt Enderlein. Grundsätzlich hätten Wanderfalken eine große Bandbreite auf ihrem Speiseplan: „Wanderfalken schlagen auch Rabenkrähen und Dohlen“, so der Korbacher Naturschützer. Dass auch die eine oder andere Brieftaube in die Fänge des Greifvogels gelange, ließe sich nicht vermeiden.

Von Lutz Benseler

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