Massive Mängel am Korbacher Hallenbad und die Frage, wer überhaupt Generalplaner kontrolliert

„Werk, dass zu funktionieren hat“

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Flugrost am Beckenkopf aus Edelstahl schon wenige Wochen nach der Eröffnung des Hallenbads.

Korbach - Um die Beweislage zu sichern, ist das Hallenbad quasi hermetisch abgeriegelt für betriebsfremde. Offen ist, wie hoch die Kosten klettern, wenn die Bauschäden vielleicht ab Ende des Jahres nach und nach beseitigt werden.

Helmut Schmidt ist von Beruf Richter. So redete der SPD-Stadtverordnete am denkwürdigen Donnerstagabend nicht lange um den heißen Brei: „Müssen wir das Bad abreißen und wieder neu bauen?“, fragte Schmidt, nachdem Gutachter Professor Hans-Martin Seipp (Gießen) ein technisches Desaster attestiert hatte (wir berichteten). Und viele im Rathaussaal hatten wohl die gleiche Frage auf den Lippen - ob Stadtverordnete oder die vielen Zuschauer, die eine Hallenbad-Sondersitzung des Parlaments verfolgten.

Sanierung der Sanierung

„Das kann ich nicht sagen“, antwortete Seipp zunächst ausweichend auf Schmidts Frage. Um dann zu empfehlen: So schnell wie möglich eine gerichtliche Beweissicherung durchsetzen und „auf der anderen Seite schauen, wie Sie das Bad wieder betriebsfähig bekommen“. Wie lange das dauert, ist ungewiss. Stefan Schaller, Geschäftsführer des Bäderbetreibers Energie-Waldeck-Frankenberg (EWF), will die Gutachten zu unterschiedlichsten Gewerken am Hallenbadbau schnellstmöglich ans Kasseler Landgericht schicken. Bis auf eine Expertise zum Brandschutz liegen inzwischen alle Gutachten vor. Nach Studium der Akten muss die Justiz dann zur Beweissicherung wieder um unabhängige Gutachter bestellen. Und wenn deren Ergebnisse vorliegen, dann erst kann mit Reparaturen und Schadensbeseitigung begonnen werden.

Schallers Fazit: „Bevor der Ist-Zustand nicht aufgenommen worden ist, werden wir im Hallenbad keine Schraube drehen.“ Denn andernfalls riskiere die Stadt Korbach, am Ende auf den Kosten sitzen zu bleiben.

Verantwortlich ist aus Sicht von Schaller wie Seipp der Generalplaner aus Gotha, daran ließen sie bei der Sondersitzung keinen Zweifel. „Wenn Sie einen Generalplaner haben, muss der Ihnen ein Werk hinstellen, das zu funktionieren hat“, betonte Seipp auf Nachfrage von grünen-Fraktionschef Dr. Peter Koswig.

Der fragte sich, ob denn nicht auch Hallenbad-Projektleiter Friedhelm Schmidt verantwortlich sei. Denn der habe schließlich Bauabnahmen abgezeichnet. Doch einzig der Generalplaner sei für das Gesamtprojekt verantwortlich, erklärte Seipp.

Derweil wunderte sich Dr. Manfred Dönitz (Grüne) angesichts der wahren Flut an Fehlern, die Seipp in seinem Gutachten bescheinigt hatte, „ob viele Mängel nicht schon während des Baufortschritts erkennbar waren“. Denn außer dem Generalplaner und dem Projektleiter habe es doch auch ein bauleitendes Architekturbüro und Handwerksfirmen gegeben.

Hamburg, Berlin, Korbach

Aber genau in dieser Systematik sieht Professor Seipp (technische Hochschule Mittelhessen) ein grundsätzliches Problem: Viele Mängel hätten schon in der Planung erkannt werden müssen. Doch bei einem Projekt wie dem Korbacher Hallenbadbau kontrolliere der Generalplaner am Ende nur sich selbst. „Das ist ja nicht Korbach-spezifisch. Sie müssen nur nach Hamburg oder Berlin schauen“, verwies Seipp auf die schier unglaublichen Sünden beim Bau der Elbphilharmonie und des neuen Berliner Flughafens.

In Hamburg und Berlin steigen die Kosten ins Unermessliche. Wie es da in Korbach aussehe, bohrte etwa Timo Lockemann (CDU) nach. „Die Verluste sind bei geschlossenem Bad geringer als bei geöffnetem Bad“, meinte Schaller.

Wie teuer die Sanierung des sanierten Hallenbads wird, kann noch niemand beziffern. Aber schon der bisherige Umbau liegt mit zehn Millionen Euro rund zwei Millionen Euro über der geplanten Summe.

Gesamtkosten ungewiss

Ob die Stadt im Zweifel auch noch die Million Euro an Landeszuschuss zurückzahlen muss, fragte SPD-Fraktionschef Martin Dörflinger. Denn hinter den Kulissen gab es das Gerücht über Unregelmäßigkeiten bei der Ausschreibung (wir berichteten). „Es tauchen Fragen auf. Denen gehen wir jetzt nach“, erklärte Schaller vorsichtig. Aber auch für den ordnungsgemäßen Ablauf der Aufträge beim Hallenbadbau sei der Generalplaner verantwortlich.

Fazit des Gutachters Seipp: Angesichts der gravierenden technischen Mängel könne die Stadt noch froh sein, dass der neue Badetempel wegen des keimverseuchten Trinkwassers schon nach vier Wochen wieder schließen musste.

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