Horst Lugert züchtet Bisons · Korbacher vermarktet Bio-Fleisch und Felle

Wilder Westen am Diemelsee

Diemelsee - Cowboys, die Rinder durch die Prärie treiben; Siedler, die in Minen nach Gold suchen: der Wilde Westen fasziniert seit jeher. Dem Korbacher Horst Lugert hat es ein Wildrind besonders angetan, der amerikanische Bison. Er züchtet die imposanten Tiere seit zehn Jahren.

„Meine Schwester lebt in Dallas. Bei meinen Reisen in die USA und nach Kanada bin ich immer wieder Bisons begegnet, die dort nicht nur in den Nationalparks leben, sondern auch in großem Umfang gezüchtet werden“, berichtet Horst Lugert. Als der Korbacher seine beiden Nachrichtentechnik-Betriebe in Kassel und der Kreisstadt aufgibt, erinnert er sich an seine beeindruckenden Begegnungen mit den Wildrindern.

Statt vom Ruhestand träumt Lugert fortan von seiner eigenen Bison-Herde. „2001 gab es in Deutschland eine Handvoll Züchter, die ich besucht habe“, blickt Lugert zurück. Bevor er die ersten Tiere anschaffen kann, braucht der Quereinsteiger einen langen Atem. „Wildtiere unterliegen der Gehegehaltung, so dass viele Genehmigungen notwendig waren.“

Als Lugert alle Widerstände überwunden hat, kauft er seine ersten vier weiblichen Tiere und seinen Bullen, dessen Vater aus dem Wiener Zoo Schönbrunn stammt. „Alle waren Jährlinge. Das hat den Transport erleichtert“, erläutert Lugert. Inzwischen zählt seine Herde 17 Tiere mit den typischen Buckeln und Bärten. Die Kühe wiegen rund 500 Kilogramm, der Bulle zwischen 700 und 800 Kilogramm.

Kälber im Kindergarten

Ihre Heimat haben die Wildrinder auf idyllisch gelegenen Wiesen hoch über dem Diemelsee gefunden. Den genauen Standort will Lugert nicht verraten, damit die Tiere nicht gestört werden. Ihre innere Ruhe zählt für den Züchter zu den faszinierendsten Eigenschaften der Bisons. Im Trab sind sie in der Regel nur unterwegs, wenn Lugert gemeinsam mit dem Giebringhäuser Landwirt Martin Vollbracht das Winterfutter ins Ganzjahresgehege fährt.

Darüber hinaus sind die Herdentiere, bei denen eine strenge Rangordnung herrscht, laut Nele Lugert „unheimlich sozial“. Leitkuh Philomena wacht ständig über die Gruppe. Nähern sich Fremde, kommt sie ganz nah an den Elektrozaun heran, um alles im Blick zu haben. „Sie weiß aber genau, dass der Zaun dazwischen ist“, erzählt Nele Lugert. Bisons seien nämlich eher scheu. „Wir haben sogar mal versucht, sie mit Cowboys zusammentreiben zu lassen und sind gescheitert“, lächelt die Korbacherin.

In Ausnahmesituationen wird der Zusammenhalt der Bisons besonders deutlich. Ein Beispiel: Wenn eine Kuh kalbt und nicht sofort wieder auf die Beine kommt, helfen ihr die anderen beim Aufrichten. Sind alle Kälber auf der Welt, gründen die Bisons einen „Kindergarten“: „Eine Mutter passt auf alle Kinder auf, die anderen ruhen sich aus“, berichtet Nele Lugert. „Das ist lustig anzusehen.“

Anfang Mai rechnen die Züchter mit den nächsten sieben Kälbchen. „Wegen des Schmallenberg-Virus habe ich in diesem Jahr etwas Angst“, räumt Horst Lugert ein. Schwere Geburten, bei denen er auch schon Kuh und Kalb verloren hat, gehen ihm sehr nahe. Sobald sich die erste Geburt ankündigt, campiert der Züchter daher mit seinem Wohnmobil auf dem gepachteten Land. „Die Tiere sollen das Gefühl haben, nicht allein zu sein.“

So beeindruckt Lugert von der sozialen Ader seiner Tiere ist, so schwer macht sie ihm die Arbeit auch ab und zu: „Bei Wildtieren wirken Krankheiten stärker als bei domestizierten Tiere. Zugleich lassen sie sich nur eingeschränkt behandeln.“ Ist das Tier betäubt und gefesselt, besteht die große Herausforderung darin, die Herde auseinanderzutreiben. „Allein dafür benötigen wir drei Fahrzeuge.“

Trocken, mager und Bio

Ähnlich ist es beim Schlachten: Wenn ein beauftragter Jäger die Bisons auf der Wiese schießt, harrt die Herde rund um das getötete Tier aus. „Buffalo Bill war also kein Held“, verweist Lugert lächelnd auf den berühmten Bisonjäger.

„Da ich die Tiere von Geburt an kenne, ist die Zeit, bis der Tod eintritt, für mich purer Stress“, erklärt Lugert. Obwohl er sich inzwischen einen festen Kundenstamm aufgebaut hat und die Nachfrage nach seinem Bio-Bisonfleisch steigt, schlachtet der Züchter daher nur einmal im Jahr, und zwar in der Regel nur Jungbullen.

Aus hygienischen und organisatorischen Gründen hat er sich für den Herbst entschieden: „Es gibt zu dieser Zeit keine Fliegen mehr, die Festtage stehen vor der Tür und die Tiere tragen Winterfell, das ich ebenfalls verkaufe.“ Das Frischfleisch - ein Metzger aus Stormbruch ist für Lugert tätig - vermarktet der Bio-Bauer und Slow-Food-Anhänger ebenfalls direkt an heimische Restaurants und Privatkunden - vor allem über das Internet. Seit Herbst 2011 gibt es das „trockene, magere Bisonfleisch, das im Geschmack zwischen Wild und Rind liegt“, außerdem im ökologischen Kaufhaus „Corvita“ in Korbach.

Trotz des Erfolgs will Lugert seine Zucht nicht erweitern: „Wenn ich davon leben wollte, müsste ich mindestens 100 Tiere haben und jede Woche schlachten.“ Statt sich diesen Stress anzutun, erfreut er sich im Ruhestand lieber an seiner kleinen Herde und dem Hauch vom Wilden Westen am Diemelsee. (nv)

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