Diemelseer diskutieren bei Bürgerversammlung über Windvorrangflächen im Teilregionalplan Energie

„Wir möchten nicht mehr Windräder“

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Auf dem Podium: Protokollant Rainer Fischer von der Gemeindeverwaltung, Bürgermeister Volker Becker, Parlamentschefin Hannelore Behle und Planer Detlef Schmidt aus Grebenstein.

Diemelsee-Adorf - Keine weiteren Windvorrangflächen in Diemelsee - dieser Forderung der Gemeindevertreter schlossen sich die meisten Besucher der Bürgerversammlung an.

71 Windräder drehen sich derzeit in der Gemeinde - es reicht, fanden die meisten der etwa 120 Besucher der Bürgerversammlung, zu der Parlamentschefin Hannelore Behle am Montag Abend in die in die Dansenberghalle eingeladen hatte. Reizthema war der noch zwei Wochen öffentlich ausliegende Teilregionalplan Energie, mit dem die Windvorrangflächen in Nordhessen verbindlich festgelegt werden sollen - bis zum 29. Mai können auch Privatleute Stellungnahmen beim Kasseler Regierungspräsidium abgeben.

Stellungnahmen einreichen

Vertreter von Bürgerinitiativen riefen auf, von dieser Möglichkeit zahlreich Gebrauch zu machen. Einwendungen können per Post oder übers Internet unter der Adresse www.rp-kassel.hessen.de eingereicht werden. „Die Bürger sollten sich massiv gegen den Ausbau wehren“, forderte etwa Regina Lückel. „Jeder muss eine persönliche Stellungnahme abgeben.“

Detlef Schmidt vom Grebensteiner Büro für Freiraum- und Landschaftsplanung stellte die sieben für Diemelsee vorgesehenen Flächen auf Karten vor. Neu hinzu kommen soll das „Suchgebiet“ am Hohen Rade, allerdings muss dafür das Wetterradar bei Flechtdorf verlegt werden. Im Gebiet von Willigen bis Diemelstadt würden 5,6 Prozent der Fläche ausgewiesen - landesweit sollten es zwei Prozent sein. Hinzu kämen noch die Gebiete auf westfälischer Seite: Wie berichtet, wollen die Bezirksregierung in Arnsberg und die Stadt Marsberg weitere Windvorrangflächen festlegen.

Diemelsee sei seit den 1990er Jahren Vorreiter bei der Windenergie, sagte Bürgermeister Volker Becker. Doch mehr Gebiete dürfe es nicht geben. Außerdem solle der Naturpark Diemelsee von Windrädern freigehalten werden. Darum bemühe sich auch der Zweckverband, dem fünf Kommunen angehören. Außerdem gebe es noch im Mai Abstimmungsgespräche der beiden Kreise. Die westfälischen Planungen habe die Gemeinde in Stellungnahmen abgelehnt.

Anwalt eingeschaltet

Einwände der Gemeinde zum ersten Entwurf des Regionalplans seinen nicht berücksichtigt worden, monierte Becker. Deshalb hätten Korbach, Willingen und Diemelsee eine Bonner Anwaltskanzlei eingeschaltet, sie arbeitet die Stellungnahmen zum zweiten Entwurf aus. Spätere Klagen behält sich die Gemeinde vor. Becker bedauerte, dass kein Vertreter des Regierungspräsidiums der Einladung zur Versammlung gefolgt sei. Und er kritisierte, dass die Planungen nicht länderübergreifend abgestimmt würden. So drohe Vasbeck eine „Umzingelung“ mit Windrädern.

Diese Gefahr griff auch Jutta Franke auf. Die Vasbeckerin verwies auf die Planungen für Marsberg, Twistetal und Bad Arolsen. „Das ist ein Unding! Unsere Region wird massiv zerstört, da wird einem die Heimat genommen“, rief sie. „Dagegen kann man sich nur wehren.“ Sie sieht die Windenergie als nicht effizient an. Planer Schmidt erinnerte daran, dass die Regionalversammlung die „Umzingelung“ und den „Überlastungssschutz“ für die Landschaft als Kriterien aufgenommen habe, darauf müsse in den Stellungnahmen auch gepocht werden.

„Wir werden einen Wind-Industriepark von Wolfhagen bis Willingen bekommen“, warnte Heinrich Hain aus Rhenegge. Mit den westfälischen Planungen würden gut acht Prozent der Fläche ausgewiesen. Und ausgerechnet das Argument Überlastung solle dabei nicht gelten. Neben dem Vogelsberg sei Nordwaldeck die am stärksten belastete Region Hessens, „das wird für mich unerträglich“ - Applaus brandete auf.

Das rechte Maß finden

Die Atomkraftwerke sollten abgeschaltet werden, aber Strom werde gebraucht und solle „nicht aus dem Ausland geholt“ werden, sagte Silke Bornemann aus Rhenegge. „Wir sind eine Region, wo Wind bläst.“ Deshalb sprach sie sich für Windräder aus. Aber: Es müsse das rechte Maß gefunden werden. Dafür erhielt sie Applaus, aber auch Widerworte. Jutta Franke fragte, wer Ausgleichszahlungen für den Bau der Windräder erhalte. „Es sind keine Gelder geflossen“, antwortete Schmidt, als naturschutzrechtliche Ausgleichsmaßnahmen hätten die Investoren bisher nur für Anpflanzungen sorgen müssen. Erst seit Dezember 2013 erhalte die Obere Naturschutzbehörde im Regierungspräsidium Gelder, die Gemeinden für Naturschutzprojekte verwenden könnten. Darum bemühe sich Diemelsee, erklärte Becker und nannte zwei Beispiele. Das Geld solle auch in der Region bleiben.

Heidrun Steinhardt fragte, wozu noch Geld in den Naturschutz gesteckt werde, wenn die Landschaft durch neue Windräder „kaputt“ gemacht werde. „Wir sind mit Geld nicht zu locken, wir wollen das nicht.“

Abstände bis Netzausbau

Weitere Fragen kamen, etwa zu den Mindestabständen zu Siedlungen - 1000 Meter zu einem Dorf, 600 Meter zu einem Außengehöft. Jürgen Küthe bemängelte, ein Hof bei Adorf fehle auf den Karten. Er lasse sich nachmelden, sagte Schmidt. Beim Thema Infraschall seien die meisten Wissenschaftler derzeit der Meinung, bei ausreichendem Abstand bestehe kein Gesundheitsrisiko.

Robert Erlemann fragte nach der Behandlung vorliegender Bauanträge und der Möglichkeit der Bürgerbeteiligung. Die gebe es bei Verfahren für mehr als fünf Windräder in einem Gebiet, sagte Schmidt. Außerdem gelte der Flächennutzungsplan.

Becker benannte ein weiteres Problem: Diemelsee produziere derzeit „das achtfache des Stroms, der hier verbraucht wird“. Doch das Leitungsnetz sei ausgelastet, bei weiteren Windrädern müsse auch in die Erschließung investiert werden.

Nach der Bürgerversammlung hatten auch auswärtige Besucher Gelegenheit, Fragen zu stellen - auch aus Leitmar, Marsberg und Bad Arolsen waren Interessenten gekommen. Doch nach der mehr als anderthalbstündigen Diskussion waren die wichtigsten Argumente vorgebracht. So versprach Hannelore Behle: „Die Gemeindevertreter werden bei ihrem Beschluss bleiben: Wir möchten nicht mehr Windräder.“

Von Dr. Karl Schilling

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