Eugen Drewermann im Bürgerhaus · „Wie Gott durch Grimm‘sche Märchen geht“

„Wir sollten mitleiden statt verurteilen“

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Schlangen am Signiertisch: Eugen Drewermann nahm sich Zeit für seine Zuhörer.

Korbach - Er spricht wie gedruckt. Manchmal sind seine Sätze so dicht, dass der Zuhörer nur jeden zweiten mitdenken kann. Und Eugen Drewermann ist einer, der mitfühlt. Die Korbacher rief der Theologe am Montag bei seinem Vortrag über Grimm‘sche Märchen zur Revolution auf.

Der Saal ist voll. Und als Museumsleiter Wilhelm Völcker-Janssen zum Pult geht und den Menschen den Referenten des Abends vorstellt, da hört Eugen Drewermann mit gesenktem Kopf zu. Er hat sie in seinem Leben oft gehört, die Lobesreden und Dankesworte, ebenso wie harsche Kritik, Anfeindungen und Entgegnungen. Inzwischen ist Eugen Drewermann 72. „Ein Seelsorger, der den Begriff mit Leben erfüllt“, zitiert Völcker-Janssen aus einer Zeitung. Den meisten der Zuhörer wird der Museumsleiter damit nichts Neues sagen - und das weiß er. Denn die Menschen im Bürgerhaus kennen den Theologen bereits. Von Kirchentagen, aus Büchern oder dem Fernsehen.

Und doch: Als Eugen Drewermann dann ganz bedacht zum Pult geht, die kleine Brillenschachtel öffnet und ins Publikum blickt, da baut sich eine Spannung im Saal auf. Eine Spannung auf wohltuende Worte und auf die ihm so typische Gesellschaftskritik. Keine großen Gesten, kein breites Lachen, manchmal funkeln die Augen und die Hand beginnt mitzuerzählen. Drewermann hat kein Manuskript, aber er spricht wie gedruckt. Er kommt nicht ins Straucheln, denkt was er sagt und fühlt es auch.

„Gelebte Menschlichkeit“

Es ist ein Plädoyer für das Märchen, mit dem der Theologe beginnt. „Sie haben uns Erwachsenen heute mehr zu sagen als damals, als wir noch Kinder waren“, sagt er. Und man dürfe die Märchen, die Gemälde unserer Seele, nicht leichtfertig in die Germanistik delegieren. „Märchen machen frei“, sagt er dann. Sie wollen revolutionär sein, zur Menschlichkeit ermutigen und von Gott erzählen. Und damit ist er dann bei jenem Thema, für das die Korbacher ihn im Grimm’schen Jubiläumsjahr zum Vortrag gebeten haben: „Geschichten gelebter Menschlichkeit oder: Wie Gott durch Grimm’sche Märchen geht“. Im vergangenen Jahr hat Drewermann darüber ein Buch geschrieben. „Achten Sie nicht darauf, was erzählt wird“, animiert er, „sondern fühlen sie.“

Dann erzählt er die Geschichte „Der Schneider im Himmel“: Der kommt humpelnd und geschunden gerade an jenem Tag zur Himmelspforte, als Gott einen Ausflug macht. Petrus, der mit dem vehementen Befehl an der Himmelspforte steht, niemanden einzulassen, leidet mit und gewährt dem geschundenen Betrüger Einlass. Dass der zu Lebzeiten auch mal einen Stofffetzen mitgehen ließ, das weiß Petrus wohl. In einem unbeobachteten Moment schleicht sich der Schneider auf den Thron des Herrn und blickt zur Erde: Er entdeckt eine alte Frau, die im Fluss wäscht und einen fremden Schleier einsteckt. Mit Wucht wirft er den Schemel des Herrn nach der Frau. Gott, zurückgekehrt aus dem himmlischen Garten, verweist den Schneider aus dem Paradies. Wolle er alle Sünden bestrafen, erklärt er, dann hätte er keine Möbel mehr.

„Das ganze Einmaleins des Christentums finden wir in diesem Märchen“, sagt Drewermann dann. Der geschundene Mensch am Ende seines Weges, der unweigerlich zu Gott führe. Und Petrus, der sich für das Mitleiden entscheide. Das ist am Ende Drewermanns zentrale Botschaft des Abends: „Das Wort Mitleid wurde in unserer Gesellschaft gestrichen“, sagt er, „und durch Eigenverantwortung ersetzt.“ Aber kein Mensch gerate freiwillig aus den Gleisen. Kein Verdienst, sondern ein Geschenk sei es, wenn das Leben in geraden Bahnen verlaufe. „Und wir sollten uns nicht fragen: Wie richte ich?, sondern: Wie helfe ich?“ Das gelte für Richter, Lehrer und jeden anderen.

Es bleibt nicht das einzige Motiv, das Drewermann an diesem Abend aufgreift, aber es ist das deutlichste - ähnliche Aufmerksamkeit schenkt er am Ende noch dem Verhalten der Menschen gegenüber den Tieren.

Feiner Sinn für Humor

Nach knapp zwei Stunden erhebt sich mitten im Saal leise ein Paar von seinen Stühlen. „Wir müssen zum Zug“, sagt der Mann entschuldigend in den Raum. „Eine gute Heimreise“, wünscht Eugen Drewermann und setzt seine Brille ab. Er spricht noch weiter, über echte Ethik, genehmigt sich den ein oder anderen Seitenhieb nach Rom und beweist immer wieder und berührend einen feinen Sinn für Humor.

Am Ende fordern die Zuhörer mit ihrem langen Applaus eine Zugabe - und die gibt er gern. „Lassen Sie uns eine Revolution der Menschlichkeit beginnen, die ab heute nicht mehr aufzuhalten ist“, sagt er dann und blickt lächelnd ins Publikum, „ich habe jedes Vertrauen in Sie“.

Hintergrund

Eugen Drewermann wurde 1940 in Bergkamen geboren. Nach seinem Abitur studierte er Philosophie und Katholische Theologie, 1966 wurde er in Paderborn zum katholischen Priester geweiht. In Göttingen ließ er sich in Neo­psychoanalyse ausbilden und habilitierte sich 1978 in Katholischer Theologie. Sein Schwerpunkt wurde die tiefenpsychologische Auslegung biblischer Texte.

Bereits 1986 meldete der damalige Kurienkardinal Joseph Ratzinger beim Paderborner Erzbischof deswegen seine Sorge an. Als Drewermann Anfang der 90er-Jahre die Jungfrauengeburt als biologische Tatsache anzweifelte, entzog ihm die katholische Kirche die Lehr- und Predigtbefugnis.

Im März 1992 folgte die Suspension vom Priesteramt. 2005 trat Eugen Drewermann schließlich aus der katholischen Kirche aus. Bis heute ist er aber als Schriftsteller, Redner, Psychotherapeut und als Lehrbeauftragter tätig. (resa)

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