Leistungskurs Geschichte von Johannes Grötecke veröffentlicht Buch über Waldeck im „Dritten Reich“

Zeitzeugen und Archivakten erzählen

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Der Leistungskurs Geschichte von Johannes Grötecke an der Alten Landesschule: Felix Wagner, Frederik Kiefer, Jan Wiesemann, Richard Petkau, Franziska Trachte, Marco Linnekugel, Jasmin Stracke, Jana Hürdt, Bernd Schreiber, Celine Mertz, Dominik Mütze, Jil Rost, Ricarda Büchse, Rhiannon Peel und Louisa Hesselbein.

Korbach - In ihrem Buch widmen sich die Gymnasiasten der Alten Landesschule der Kriegs- und Nachkriegszeit in Waldeck.

Im Stadtarchiv fanden sie den WLZ-Artikel über Aliaksandra Schuiskaja. Eine Russin, die 1942 als 15-jähriges Mädchen aus einem Dorf bei Smolensk verschleppt wurde, um bei Conti in Korbach Reifen herzustellen. Reifen für die deutsche Wehrmacht, die ihre Heimat besetzt hielt. „Fremdarbeiter“ nannten die Nationalsozialisten Menschen wie sie. Arbeitssklaven, ins „Reich“ gekarrt, um auf dem Feld oder in der Fabrik Männer zu ersetzen, die als Soldaten des „Führers“ Adolf Hitlers an die Front mussten.

Über das bewegende Schicksal dieser Frau wollten Jil Rost und Jasmin Stracke mehr wissen. So gingen die beiden Gymnasiastinnen der Alten Landesschule zu WLZ-Chefredakteur Jörg Kleine, der den Artikel 2006 geschrieben hat. Sie berichteten von ihrem Projekt: Dass sie im Leistungskurs Geschichte von Johannes Grötecke dabei seien, die Geschichte des „Dritten Reiches“ und den Umgang mit dieser blutigen Diktatur in der Nachkriegszeit aus lokaler Sicht zu beleuchten.

Was erzählen Zeitzeugen über die Zeit des Zweiten Weltkrieges? Wie haben Waldecker nach 1945 auf den Untergang des „Dritten Reichs“ reagiert? Wie haben sich Vertriebene in ihrer neuen Heimat zurechtgefunden? Was besagen Dokumente in Archiven? Fragen, die sich nicht mit einem Blick ins Schulbuch oder ein paar Klicks im Internet beantworten lassen. Und so begaben sich Gymnasiasten des Jahrgangs Q3 auf eine spannende Spurensuche.

Idee der Schüler

„Die Idee zu diesem ungewöhnlichen Projekt stammte von den Jugendlichen selbst“, erklärt Johannes Grötecke. Sie hätten forschen wollen - was der Schule entgegenkommt: Die Gymnasiasten der Oberstufe sollen das wissenschaftliche Arbeiten lernen, das sie an der Universität pflegen müssen. Dazu müssen sie lernen, Quellen zu finden, sie kritisch zu bewerten und einzuordnen und sie korrekt wiederzugeben.

Im Mai vorigen Jahres begannen sie mit ihren Recherchen. Zum Teil gab ihnen Grötecke Themen vor, zum Teil fanden die Schüler ihren Ansatzpunkt. Und schnell kam der Gedanke, die Ergebnisse als Buch zu veröffentlichen. Die Schüler im Alter von 17 bis 19 Jahren wollten diese Epoche der waldeckischen Geschichte besser kennenlernen, sie wollten erfahren, welche Erfahrungen die Generation ihrer Großeltern sammeln mussten. Auch das ist Stoff, der sich in keinem Schulbuch findet. Zum „Dritten Reich“, zum Holocaust oder zum Zweiten Weltkrieg liegen Berge an Büchern und Aufsätzen vor. Doch schnell stellten die Schüler fest, dass die lokale Literatur zum Thema noch immer eher karg ist. „Ich war schockiert, wie wenig gemacht worden ist“, sagt etwa Jana Hürdt.

Zeitzeugen nicht befragt

Marco Linnekugel bedauert, dass nicht schon vor 20 Jahren Zeitzeugen interviewt worden seien, heute seien viele gestorben, die differenzierte Geschichten hätten erzählen können. Viele der vom Kurs Befragten waren damals erst Kinder. Doch sie haben sich viel Zeit genommen, manche Interviews dauerten Stunden.

Die Alte Landesschule hat schon seit Jahren den Blick auf diesen Zeitabschnitt gerichtet. Beispielhaft sind die Projekte der Geschichtslehrerin Marion Lilienthal, die Schwerpunkte auf Korbach im „Dritten Reich“ und den Untergang der jüdischen Gemeinde gelegt hat. Auch Grötecke kennt sich mit dieser Epoche aus, er hat für Bad Wildungen mehrere Forschungen zur Geschichte des Nationalsozialismus vorgelegt.

Seine Schüler betraten Neuland - auch bei der selbstständigen Recherche. So standen Jil Rost und Jasmin Stracke in der WLZ-Redaktion bei Jörg Kleine. Er berichtete über den Besuch von Aliaksandra Schuiskaja 2006 in Korbach. Und er öffnete ihnen Türen bei der Conti-Chefetage, die sich zunächst nicht rühren wollte. Viele Hilfestellungen erhielten sie im Stadtarchiv, wo sie zu ihrer Verwunderung mit den Originalakten arbeiten durften.

Neben dem Korbacher Stadtarchiv rückte eine Institution mit einer weltweit einzigartigen Sammlung über Opfer des Nationalsozialismus ins Blickfeld des Leistungskurses: der Internationale Suchdienst in Bad Arolsen. Auch dort waren die Mitarbeiter hilfsbereit. Sie stellten sich den Fragen der Besucher und legten Material vor.

Aus eigenen Lebensumständen ergeben sich immer neue Fragen an die Geschichte. So interviewten junge Diemelseer Zeitzeugen in ihren Heimatdörfern nach Kriegserlebnissen, zum Beispiel über die Zerstörung der Vasbecker Kirche 1940.

Blick nach Britannien

Rhiannon Peel hat Verwandte in Großbritannien, sie stellt gegenüber, wie Briten und Deutsche die Zerstörung der Edertalsperre 1943 heute bewerten.

Bei der Befragung von Zeitzeugen bemerkten die Schüler, wie präsent noch immer die in der Nachkriegszeit eingeübte „Kultur des Schweigens“ ist. Marco Linnekugel hat etwa von der Angst der Erzähler erfahren, sich fehlerhaft zu erinnern und etwas zu sagen, das „nicht wahr“ sei. Außerdem haben die Schüler den Eindruck gewonnen, dass kaum jemand einen anderen anschwärzen oder als überzeugten Nationalsozialisten benennen wollte - schließlich kenne auf dem Land jeder jeden. Manche Befragte wollten sicherheitshalber ihren wahren Namen nicht im Buch sehen.

Zu Ostern 1945 war der „braune Spuk“ in Waldeck vorbei, amerikanische Truppen übernahmen an Eder und Diemel die Kontrolle. Dennoch habe es keine „Stunde Null“ gegeben, betont Grötecke. Deshalb greift das Buch über in die Nachkriegszeit. Es benennt etwa Probleme der Notzeiten, als Korbach auf 14 000 Einwohner angewachsen war durch Vertriebene, Evakuierte und amerikanische Truppen, die sich in Häusern einquartiert hatten. Frederik Kiefer und Jan Wiesemann beschreiben, wie sich die Stadt entwickelte, wie Neubaubezirke um die Altstadt wuchsen.

Bei all den Aufbauarbeiten wurde die Vergangenheitsbewältigung schnell nebensächlich - was nicht wenigen gerade recht kam. Nach 1945 richteten die meisten Deutschen den Blick streng nach vorn, eine Aufarbeitung der Diktatur und ihrer Verbrechen fand kaum statt. Auch der Elan der Westalliierten zur Umerziehung, der „Re­education“, erlahmte: Die junge Bundesrepublik sollte im „Kalten Krieg“ mit dem kommunistischen Ostblock ins westliche Verteidigungsbündnis geholt und wiederbewaffnet werden, da störten Hinweise auf deutsche Kriegsverbrechen.

Die „Entnazifizierung“

Der „Entnazifizierung“ gingen zwei Schülerinnen nach. Franziska Trachte beleuchtet auf der Basis von Gerhard Menks Standardwerk über „Waldeck im Dritten Reich“, wie viel Verständnis dem Fürstensohn Erbprinz Josias zu Waldeck und Pyrmont zuteil wurde oder wie sich der SS-Scherge Hermann Krumey in Korbach als beliebter Drogerist etablierte, bis im Prozess gegen Adolf Eichmann auch seine Untaten öffentlich wurden. Jana Hördt wertete Akten der Spruchkammer aus dem Korbacher Stadtarchiv aus. Sie seien lückenhaft, berichtet sie.

Erst die aufmüpfigen „68er“ stellten der Kriegsgeneration kritische Fragen. Auch diese Altersschicht ihrer Eltern befragten die Gymnasiasten. Sie gewannen außerdem den Schriftsteller Friedrich Christian Delius für einen Beitrag - er hat sein Abitur 1963 an der Alten Landesschule abgelegt.

Im Sommer geriet das Buchprojekt in eine Krise: Die Noten für die Arbeiten fielen nicht aus wie erhofft, mache reagierten entmutigt. Was tun? Die Mehrheit habe sich entschieden, „durchzustarten und die Texte zu überarbeiten“, berichtet Grötecke. Sie hätten viel Zeit mit den Zeitzeugen verbracht, fügt eine Schülerin hinzu. „Da wollte man nicht aufgeben.“

Das Buchprojekt

Bis zum 1. Oktober wurde eine neue Abgabefrist gesetzt - bis dahin wollte die Druckerei die Bild- und Textdateien fürs Layout haben. Wieder hat Jörg Kleine weitergeholfen: Er stellte den Kontakt zur Druckerei Bing & Schwarz her und bemühte sich auch um die Finanzierung. Sie gelang mit Beihilfen der Stadt, des Lions-Clubs Korbach/Bad Arolsen und des Förder- vereins der Alten Landesschule.

Dann folgten die Abstimmung mit der Druckerei und Diskussionen ums Layout. Vor drei Wochen gaben die Schüler den Druck des Buches frei, das in der nächsten Woche der Öffentlichkeit vorgestellt werden soll: „Korbach. Eine Reise durch Kriegs- und Nachkriegszeit“ haben sie den 116 Seiten dicken Band genant. Auch er trägt dazu bei, dass Aliaksandra Schuiskaja nicht in Vergessenheit gerät.

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