Vor 90 Jahren bricht im 2016er-Jubiläumsdorf eine kleine Revolte aus

Netzer verteidigen ihren Altar mit Zähnen und Klauen

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Karl Kann berichtet vor dem Netzer Altar, wie die Dorfbewohner wegen ihres Kulturschatzes 1927 auf die Barrikaden gingen.

Waldeck-Netze. Beim Festgottesdienst am Donnerstag oder beim Jubiläumskonzert des Gitarrenchores „Just for joy“ am Freitag werden wieder und wieder die Blicke der Gäste zu ihm wandern: dem Altar im Chorraum, dem größten Schatz des Dorfes.

Stolz sind die Bewohner auf dieses seltene Zeugnis gotischer Kirchenmalerei, laut Wissenschaft rund 40 Jahre vor dem berühmten Wildunger Altar des Conrad von Soest gefertigt, demnach zwischen 1360 und 1370. Diesem steht er im kulturhistorischen Wert in nichts nach. „Wir könnten 2016 also eigentlich zwei Jubiläen feiern: neben der 800 Jahre alten. urkundlichen Ersterwähnung des Ortes den 650. Geburtstag des Altarbildes“, meint Karl Kann, der Netzer Heimatforscher.

Heute kaum vorstellbar: Welche Kostbarkeit ihre Kirche beherbergt, ist den Netzern erst seit rund einem Jahrhundert ernstlich bewusst. Hatten sie es aber erst verstanden, waren sie bereit, den Altar mit Zähnen und Klauen, Beilen und Messern zu verteidigen. „Das war eine kleine Revolution in Netze“, berichtet Kann schmunzelnd.

1927 wird es ernst. Ein Amerikaner auf der Durchreise entdeckt für sich den Altar und bietet stolze 100 000 Reichsmark. In Bad Wildungen bekommt der Kunsthistoriker Professor Dr. Meyer-Barkhausen Wind davon. Der damalige Pfarrer Dr. Karl Krummel berichtete Kann später im Alter von mehr als 90 Jahren an Ort und Stelle vom Besuch der Koryphäe. Schon zu seiner Enstehungszeit habe das Gemälde drei bis vier der modernen Netzer Bauerngüter gekostet. Damit weiß jeder Netzer etwas anzufangen und schlagartig steht der Altar hoch im Kurs. Ein Verkauf kommt um keinen Preis mehr in Frage.

Als der Altar kurz darauf zwecks Restaurierung nach Berlin transportiert werden soll, bewaffnen sich die Netzer und rebellieren.

Mehr in der WLZ vom 23.05.2016

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