Jörg Hube - Der Wahrhaftige

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Jörg Hube ist am 18. Juni 2009 gestorben.

München - Bayern trauert – um einen, der es verkörperte wie kaum ein anderer. Jörg Hube, dieser sensible Kraftkerl, ist tot. Der Schauspieler, Regisseur und Kabarettist packte alles mit Verstand an – und mit viel Herz.

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Ja, er war ein Münchner, er wuchs hier (und in Dießen am Ammersee) auf, er sprach den hiesigen Dialekt. Er ließ auf der Bühne – etwa in Stücken von Franz Xaver Kroetz – nichts aus, was tief wurzelte im bäuerlich-kleinbürgerlichen Milieu. Und doch war Jörg Hube nicht einfach „nur“ ein Volksschauspieler. Vielleicht ist – neben dem Talent zum Nachdenken über die eigene Kunst – auch der Fakt, dass sein Geburtsort nicht in Bayern liegt, ein Grund dafür, warum Hube so seltsam anders war als andere bayerische Schauspieler seiner Generation.

Schauspieler Jörg Hube - Bilder aus seinem Leben

Schauspieler Jörg Hube - Bilder aus seinem Leben

Er sei in „Neirúpping“ (bairische Betonung) geboren, so scherzte er gerne mit seiner Herkunft aus Neuruppin in Brandenburg, wo er am 22.November 1943 zur Welt kam. Schon dass er diese Petitesse gerne ansprach, zeigt, dass der äußerlich so robuste Mann alles an sich und um sich herum in Frage stellen konnte. Deshalb spielte Hube Brechts Puntila in den Kammerspielen ebenso wahrhaftig wie den Dorfrichter Adam in Kleists „Zerbrochnem Krug“ im Hof der Alten Münze, den distinguierten Polizisten in der „Löwengrube“ ebenso wie den eiskalten Bordellkönig im „Tatort“.

Der Absolvent (und spätere Direktor) der Münchner Falckenbergschule, der zuvor das Gymnasium abgebrochen hatte, taugte nicht zum jugendlichen, zum blitzblanken Helden. Er spielte die anderen, im Grunde interessanteren Figuren, die Außenseiter, die sensiblen Kraftkerle, die Zerrissenen.

In Franz Xaver Kroetz fand Hube den Autor und Regisseur, der seiner jungen Karriere Anfang der Achtzigerjahre auf die Sprünge half. In Stücken wie „Nicht Fisch nicht Fleisch“, „Bauern sterben“ oder „Bauerntheater“ schien er die Idealbesetzung zu sein. Kein Wunder, sah er sich doch mit Texten konfrontiert, „die meine eigene Verzweiflung analysiert haben“, wie er in einem Interview sagte.

Die Kammerspiele, später das Staatsschauspiel (wo er in Raimunds „Der Bauer als Millionär“ und zuletzt in Feydeaus „Floh im Ohr“ zu sehen war) – sie konnten fortan auf ihn zählen. Der Löwe, der nicht immer nur „Instrument im Dienste eines Regisseurs“ sein wollte, ließ sich zähmen, er brannte für eine Sache, wenn er sah, dass hier mit Herz und Verstand gearbeitet wurde. Dann habe man „ein feines Surren wie von einer anlaufenden Turbine“ gehört, wie es Georg Ringsgwandl vor ein paar Jahren in einer rührend-witzigen Hommage an den Kollegen formulierte. Dann brachen „in einer Serie von Eruptionen Einfälle aus ihm hervor“, dann sei es für den Regisseur gewesen „wie in einer guten Konditorei, die Auslage voller Torten, man braucht sich nur das Beste aussuchen“.

Und alles nicht, weil Jörg Hube wie ein begabter Theaterhandwerker „alle Register zog“, sondern weil er die jeweilige Figur nah an sich heranließ, so nah, dass die pure Emotion ihn – und das Publikum – ergriff. Unvergesslich, wie der Schauspieler als Musikus Miller in Schillers „Kabale und Liebe“ am Resi dem Despoten, dem Verderber seiner Tochter die Tür weist, wie er bebt in einer Mischung aus Wut und Angst, die einen erschauern ließ.

Doch Hube, der vor vielen Jahren in einem Fragebogen unserer Zeitung „Grübeln“ als seinen Lieblingssport bezeichnete, konnte auch als Komiker dem Affen Zucker geben, konnte auf der schiefen Ebene der Absurdität wie ein Kind Purzelbäume schlagen. Für „keine noch so abgedrehte Choreographie“ sei er sich zu schade gewesen, schreibt Ringsgwandl, für den er in „Ludwig II. – Die ganze Wahrheit“ und im „Prominentenball“ auf der Bühne stand. Hube habe „Strauß, Bismarck, Maier, die verhärmte Hausfrau, den Bauchredner und die kokette Dame“ geben können – „das alles nacheinander und nicht als Klamauk, sondern als lebende, anrührende Menschen.“

Die Münchner – und nicht nur sie – kennen Hube aber nicht nur als „reproduzierenden“ Künstler und als Regisseur, sondern auch als Kabarettisten, als „Herzkasperl“, der seit Mitte der Siebzigerjahre die Brettlbühnen der Landeshauptstadt bespielte. Und sie um eine Farbe bereicherte, die es vor ihm nicht gab und nach ihm wohl nicht mehr geben wird. Denn auch als Satiriker erwies er sich als Solitär, als Narr, der mal schräg, mal scharf sein, der belehren, aber auch beschimpfen konnte. Auch hier war die Kunst nicht nur Pose, nicht nur Intellekt, hier stand der ganze Mensch vor einem, angriffslustig und angreifbar zugleich.

Von diesem Schwergewicht konnten die Film- und Fernsehmacher nicht lange lassen. Jörg Hube war „Der Gerichtsvollzieher“, spielte dann, mit einem Feuer, das einmal nicht toste, sondern nur glomm, den Landvermesser Otto Wohlleben in Edgar Reitz’ Saga „Heimat“ und prägte schließlich durch sein intensives Spiel die preisgekrönte Serie „Löwengrube“ von Rainer Wolffhardt. Spätestens jetzt war der Schauspieler überregional bekannt, doch Allüren waren ihm stets fremd – auch die Versuchung, überall mitzuspielen, seine Kunst an die Massenproduktion zu verhökern.

Wie groß seine Wandlungsfähigkeit war, zeigt der Vergleich von Michael Verhoevens „Die weiße Rose“ (1982) mit Marc Rothemunds „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ (2005). Dort spielte er einen Gestapo-Mann, hier den Vater der zum Tode verurteilten Widerstandskämpferin.

In Matthias Kiefersauers „Das große Hobeditzn“ naschte Jörg Hube, der stets Neugierige, am jungen Heimatfilm. Mit knapp 65 ließ er sich noch einmal auf eine große Serienrolle ein. Er trat – zusammen mit Stefanie Stappenbeck – in die Fußstapfen des Münchner „Polizeiruf 110“-Ermittlerpaares Edgar Selge und Michaela May, sicher voller Mut und zugleich zweifelnd. Es sollte bei nur einer (noch nicht ausgestrahlten) Folge bleiben, sie ist sein Vermächtnis – aber mehr noch seine Kabarettrevue „Sugardaddy“, die er gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Beatrix Doderer auf die Bretter wuchtete. Der alte Mann, die junge Frau, die Kämpfe ums Revier, die permanente Selbstbefragung – sie schnürten sich mit den Jahren immer enger auf die Leiber der Akteure.

Am Ende, schon schwer vom Krebs gezeichnet, war Jörg Hube der Sieche im Klinikbett, als der er sich vor vier Jahren – im Fraunhofer – erstmals inszeniert hatte. Noch vor einem Monat stand er im Resi auf der Bühne, Person und Rolle fielen, wie so oft zuvor, in eins. Am Freitag ist Jörg Hube gestorben, in München, als Münchner – um den ganz Bayern nun trauert.

von Rudolf Ogiermann

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