Ernsthausen

1984 schweres Zugunglück verhindert

- Burgwald-Ernsthausen (da). Starke Regenfälle hatten am Himmelfahrtstag 1984 den Bahndamm zwischen Ernsthausen und Wiesenfeld unterspült. Wäre die Bahn über die Gleise gefahren, wäre es zur Katas­trophe gekommen.

Es hätte der schwärzeste Tag in der Geschichte der Burgwaldbahn werden können. Der Schnellzug von Frankfurt nach Bremen mit mehr als 100 Menschen an Bord entgeht mitten im Burgwald buchstäblich in letzter Minute einem schweren Unglück. Denn an jenem 31. Mai 1984 bricht auf einmal der Boden unter den Schienen weg.

Jürgen Schmied kann sich an diesen Tag erinnern, als wäre es erst gestern gewesen. Er war damals 16 Jahre alt und lebte in der Nikolausmühle, einem Gehöft zwischen Ernsthausen und Wiesenfeld. Dort wohnt er noch heute, nur wenige 100 Meter von der Bahnlinie Frankenberg – Sarnau entfernt. In den Tagen vor dem 31. Mai, es war Himmelfahrt, hatte es stark geregnet. An jenem Vormittag holte er mit seinem Vater in der Nähe des Hauses Gras für die Tiere. Jürgen Schmied war schon Bahnfan, schaute ganz selbstverständlich auch zum Bahndamm. „Es war noch alles normal. Wenn schon Erde weggerutscht wäre, hätten wir es gesehen.“

Zurück auf dem Hof, kommt sein achtjähriger Nachbar Axel Simon auf Jürgen Schmied zu. Es ist wenige Minuten vor 11 Uhr. „Guck mal da, es ist so schwarz“, zeigt er zum Bahndamm. Auch Jürgen Schmied schaut zur Trasse. „Der ganze Bahndamm fing an, abzurutschen“, erzählt er. „Erst nur ein paar Meter, dann immer mehr.“ Die schwarzen Stellen entstanden dort, wo der Hang abrutschte und die Erde zu sehen war. Jürgen Schmied wird sofort klar, dass eine Katastrophe droht. „Ich habe mich schon immer für Züge interessiert und wusste, dass um 11.10 Uhr der Eilzug an dieser Stelle vorbeikommt.“ Der verband in den 80er-Jahren Frankfurt mit Bremen. Mit etwa 60 Kilometern pro Stunde fuhr der Zug ohne zu halten über die Trasse der Burgwaldbahn.

Eine Funkverbindung von Bahnhöfen in die Lok habe es nicht gegeben, sagt Schmied. Das letzte Haltesignal steht in Münchhausen. Handys gab es längst noch nicht.

Jürgen Schmied läuft sofort ins Haus und ruft seine Mutter, bittet sie, den Fahrdienstleiter in Münchhausen anzurufen. Sie will noch nachsehen, „doch wir hatten keine Zeit, jede Sekunde hat gezählt“.

Die Mutter findet sofort die Nummer im Telefonbuch, der Fahrdienstleiter Muth hört sich an, was sie zu sagen hat – und legt sofort auf, um die Signale umzulegen. „Sie waren schon auf Durchfahrt gestellt“, sagt Jürgen Schmied.

Er und Axel Simon laufen in der Zwischenzeit Richtung Bahndamm. Jürgen Schmied will, falls der Anruf der Mutter zu spät kommt, den Zug mit kreisenden Armbewegungen zum Halten auffordern. Denn der Führer der schweren Diesellok vom Typ 216 hätte den Erdrutsch vermutlich nicht bemerkt. Jürgen Schmied hört das Pfeifen, befürchtet erst, dass der Anruf seiner Mutter zu spät kam. Doch es war das Signal des Lokführers, der in Münchhausen anhält. „Wenig später hat der Fahrdienstleiter wieder angerufen, was denn los sei“, sagt Jürgen Schmied. Kurz darauf ist schon die Bahnpolizei vor Ort – und Jürgen Schmied schießt die ersten Fotos mit seiner Kompaktkamera. Er dokumentiert in den folgenden Wochen genau die Arbeiten. Auf einer Länge von 60 Metern wird der Bahndamm abgetragen und neu aufgeschüttet. „Tag und Nacht kamen Arbeits- und Materialzüge“, erinnert er sich. Der Boden ist so weich, dass sogar ein Bagger steckenbleibt. Doch schon am 16. Juni 1984 fährt wieder der erste reguläre Zug.

Jürgen Schmied und Axel Simon werden gefeiert. Bahn, Gemeinde und Landkreis ehren die beiden und verschenken Modell-Loks, Bücher und 500 Freikilometer erster Klasse im IC. „Wir sind 1985 nach Nürnberg und München gefahren“, erzählt Schmied. Dort fuhren anlässlich des 150-jährigen Bestehens der Eisenbahn Dampfsonderzüge. Heinz Fries, damals Leiter der Marburger Bundesbahndirektion, besichtigte mit den Jungen das Bahnbetriebswerk in Kassel.

Axel Simon lebt und arbeitet heute im Rhein-Main-Gebiet, kommt aber noch regelmäßig zur Nikolausmühle, wo seine Mutter lebt. Jürgen Schmied wohnt noch immer auf dem Hof. Er arbeitet als technischer Zeichner in Marburg und fährt täglich mit der Burgwaldbahn zur Arbeit und wieder nach Hause. Schon als Schüler fuhr er ab 1978 täglich Bahn – daran hat sich nichts geändert.

Er ist ein Eisenbahnfan geblieben, besitzt eine umfangreiche Modellanlage im Maßstab H0, schreibt unter anderem regelmäßig Beiträge für die „Hessenschiene“, eine Fachzeitschrift für Bahnfreunde. Er ist zweiter Vorsitzender der „Arbeitsgemeinschaft zur Förderung des Schienenverkehrs im Raum Marburg“. Der Verein war vor 20 Jahren zum 100-jährigen Bestehen der Burgwaldbahn entstanden. „Die Strecke stand damals auf der Kippe“, erinnert sich Jürgen Schmied. Auch auf Drängen des Vereins wurde damals der Verkehr im Stundentakt eingeführt – heute ist der Betrieb der Strecke bis 2030 gesichert. Eine Forderung ist die Wiedereröffnung der Trasse von Frankenberg nach Korbach.

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