Gründer der Genossenschaftsidee wäre am 30. März 200 Jahre alt geworden

200 Jahre Raiffeisen: Darlehenskassen sollten Armut im Frankenberger Land lindern

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Raiffeisen-Gründerväter in Röddenau: Mit Würde und feierlichem Ernst ließen sich 1897 diese Männer nach Gründung ihrer Spar- und Darlehenskasse fotografieren. Pfarrer Soldan in ihrer Mitte war, wie viele andere Geistliche und Lehrer der Region, eine der treibenden Kräfte der Genossenschaftsbewegung.

Frankenberg. Friedrich Wilhelm Raiffeisen wäre am 30. März 2018 200 Jahre alt geworden. Er gehört zu den Gründern der Genossenschaftsidee in Deutschland und war Namensgeber der Raiffeisenorganisation. Anlässlich seines 200. Geburtstags blicken wir darauf, welche Spuren er bei uns in der Region hinterlassen hat.

Die Jahre, in denen in dem Westerwalddörfchen Flammersfeld der Bürgermeister Friedrich Wilhelm Raiffeisen seinen „Hilfsverein zur Unterstützung minderbemittelter Landwirte“ (1848) aufbaute, waren auch im Frankenberger Land eine Zeit bitterer Not: Missernten und Hungerwinter, drückende Kreditschulden nach Ablösung der Grundlasten, fehlende Absatzmärkte, Zwangsversteigerungen und zunehmender Preisverfall führten zu Verzweiflungstaten.

In Schreufa zündeten 1850 Dorfbewohner in der Hoffnung auf die Versicherungsleistung 37 ihrer Häuser an und landeten im Kerker, aus Haubern suchten bis 1858 fast zehn Prozent aller Einwohner ihr Glück durch Auswanderung nach Amerika und in Frankenberg standen täglich bei einer „Suppenanstalt“ Mittellose für eine warme Mahlzeit an.

Eine mögliche Antwort auf das, was die Historiker als die „soziale Frage des 19. Jahrhunderts“ bezeichneten, lautete damals: Zweckgemeinschaften, die auf dem Gedanken der Selbsthilfe basierten, Kornhausgenossenschaften, die neben der sachgerechten Lagerung der Ernte vor allem durch gezielte An- und Verkäufe zur Preisstabilität beitragen sollten, ebenso auch Genossenschaften in allen Bereichen der Viehzucht. Dauernder Erfolg, so wurde allmählich klar, war nur dann möglich, wenn die landwirtschaftlichen Betriebe nach Missernten und Viehsterben im Bedarfsfall Kredit schöpfen konnten, der sie nicht zum Verkauf von Grundbesitz zwang.

Auch bei der Bevölkerung im Frankenberger Land weckte die Idee des am 30. März 1818 in Hamm/Sieg geborenen Sozialvisionärs Raiffeisen große Hoffnungen: „Nach meiner festen Überzeugung gibt es nur ein Mittel, die sozialen und besonders auch die wirtschaftlichen Zustände zu verbessern, nämlich die christlichen Prinzipien in freien Genossenschaften zur Geltung zu bringen.“

Raiffeisen gründete daraufhin 1862 den Darlehenskassenverein Anhausen als Kreditgenossenschaft und wandelte 1864 den Wohltätigkeitsverein in den „Heddesdorfer Darlehenskassen-Verein“ um – die erste Raiffeisenbank, Vorbild für mittlerweile mehr als 900 Genossenschaftsbanken in Deutschland, darunter auch die heutige Frankenberger Bank oder die Volksbank Mittelhessen, hervorgegangen aus vielen kleinen Vorläufer-Genossenschaften. Im Altkreis Frankenberg wurde 1888 in Gemünden/Wohra der erste Raiffeisensche Darlehenskassenverein gegründet, 1889 die Spar- und Darlehenskasse Altenlotheim.

Neben Raiffeisen gehörten zu den Gründervätern der Genossenschaftsbewegung Hermann Schulze-Delitzsch (1808-1883), aus dessen „Vorschussvereinen“ (so hieß ein schon 1869 in Dodenau gegründeter Verein) später Volksbanken wurden, und Wilhelm Haas (1839-1913), der landwirtschaftliche Bezugsgenossenschaften einführte. Auf ihn gehen die Löhlbacher, Battenhäuser und Frankenauer Darlehenskassen zurück.

Genossenschaftsbanken im Landkreis sind heute noch die Frankenberger Bank, die Volksbank Mittelhessen, die Spar- und Kreditbank Gemünden sowie im Kreisteil Waldeck die Waldecker Bank, die Kasseler Bank, die Raiffeisenbank Volkmarsen und die Raiffeisenbank Hessen-Nord.

Eine Sonderseite über Genossenschaften im Frankenberger Land lesen Sie in der gedruckten Donnerstagsausgabe der HNA Frankenberger Allgemeine.

Quelle: HNA

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