50 Taler für ruinierte Treppe

Lothar Finger restauriert Inschriften an der Liebfrauenkirche in Frankenberg

Behutsam mit weicher Bürste: So reinigte Lothar Finger am Treppenaufgang zur Liebfrauenkirche den „Franzosenstein“, der an die Verwüstungen auf dem Kirchplatz während des Siebenjährigen Krieges erinnert. Eine Frankenberger Bürgerin spendete 1766 zur Wiederherstellung der Treppe 50 Taler.
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Behutsam mit weicher Bürste: So reinigte Lothar Finger am Treppenaufgang zur Liebfrauenkirche den „Franzosenstein“, der an die Verwüstungen auf dem Kirchplatz während des Siebenjährigen Krieges erinnert. Eine Frankenberger Bürgerin spendete 1766 zur Wiederherstellung der Treppe 50 Taler.

Lothar Finger ist in den vergangenen Wochen vielen fast vergessenen, steinernen Spuren zur Geschichte der Stadt Frankenberg nachgegangen. Diesmal im Bereich der Liebfrauenkirche.

Frankenberg - Als aktives Mitglied des Frankenberger Geschichtsvereins und Mitarbeiter des Museums im Kloster Frankenberg erforscht er seit Jahren solche „vergessenen“, vielfach zugewachsenen oder vom Zerfall bedrohten Reste der mittelalterlichen Stadtmauer, der städtischen Wasserversorgung und unterirdischer Kanate. Als nun während der Corona-Krise keine Veranstaltungen mehr möglich waren, nahm sich Lothar Finger vor: „Jetzt will ich mich um die Sichtbarmachung und den Erhalt der vielen Gedenksteine und Fragmente in den Mauern rund um die Kirche kümmern.“

Schon früher, aber besonders an Frankenbergs „unglücklichstem Tag“, dem 10. August 1762, waren im Siebenjährigen Krieg beim „Kampf um den Burgberg“, so Helmut Wissemann in seiner Stadtchronik, durch anstürmende französische Truppen schwere Zerstörungen rund um die Liebfrauenkirche angerichtet worden. 

Nach Kriegsende hatte die Witwe Anna Maria Caspar Mitleid: Sie spendete 50 Thaler zur Wiederherstellung „derer von den Franzosen ruinierten Treppen“ am Aufgang zur Kirche. Davon kündet ein kleiner, quadratischer Sandstein rechts von den Stufen in der Kirchhofmauer.

Der pensionierte ehemalige Soldat und Seniorstudent für Geschichte an der Marburger Philipps-Universität holte sich erst einmal Rat bei Fachleuten. „Ja, es gibt einen speziellen Reiniger für alte Sandsteine“, stellte er fest. Säurefrei musste er sein, statt des kalkhaltigen Frankenberger Trinkwassers verwendete Finger zum Reinigen nur Regenwasser und arbeitete mit einer ganz weichen Bürste. Mehrfach wurde gespült, dann ebenfalls mit weichem Tuch der Stein abgetrocknet.

Die „Vereinigte Bürgerschule“: Sie wurde, wie dieser restaurierte Stein erzählt, 1859 „auf Kosten der Stadtkasse“ erbaut und 1975 vor dem Neubau des Gemeindehauses abgerissen.

Auf diese Weise machte Finger unter anderem die Inschriften der „Vereinigten Bürgerschule der Stadt Frankenberg“ von 1859, den stark verwitterten Portalsteins der abgerissenen Totenkirche von 1730 sowie, verborgen hinter Mülltonnen links vom Gemeindehaus, ein Bruchstück der Grabplatte der Elisabeth von Kleve, gestorben 1382 und vermutlich an der Liebfrauenkirche beigesetzt, wieder sichtbar. Sie ist sein historisch bedeutsamstes Projekt. „Elisabeth von Kleve war die Schwiegertochter von Landgraf Heinrich II., die von ihrem Ehemann Otto II. von Hessen, genannt Otto der Schütz, Frankenberg als ‚Morgengabe’ bekommen hatte“, fand Finger heraus.

Nur noch Schemen konnte man von dem unter Flechten verborgenen Inhalt dieses Steinfragmentes, das ursprünglich zu einem etwa zwei Meter hohen Epitaph gehörte, erkennen. „Erst nach Durchtrocknung wurde sichtbar, dass es sich um die rechte Oberkörperseite der Elisabeth handelt mit einer zeitgenössischen Haube auf dem Kopf“, berichtet Finger. Auch ein Wappenschild mit Löwe über ihrer rechten Schulter ist wieder deutlich zu erkennen.

Man findet diesen Stein in der Brüstung der dort meterhohen Stadtmauer, wenn man links vom Gemeindehaus auf der Burg über die Gartenpforte schaut. Die Mülltonnen davor hat Lothar Finger ein wenig zur Seite gerückt.

Elisabeth von Kleve: Lothar Finger machte das Porträt (links) wieder sichtbar.

„Denkmäler künftig bewusster wahrnehmen“

Für den Kirchenvorstand der evangelischen Kirchengemeinde Frankenberg sprach Pfarrer Christoph Holland-Letz dem engagierten Geschichtsforscher Lothar Finger für die Restaurierung und Sichtbarmachung der Gedenksteine rund um die Liebfrauenkirche Dank aus.

„Seine Restaurierung und Dokumentation wird dazu führen, dass wir bisher übersehene Denkmäler rund um die Liebfrauenkirche bewusster wahrnehmen“, erklärte der Geistliche. Man hoffe, dass auch die Öffentlichkeit davon stärker Kenntnis nehme, vielleicht auch durch Hinweise der Stadtführer bei ihren Rundgängen.

Bereits zu Anfang des Jahres habe Lothar Finger dem Kirchenvorstand eine 30-seitige Dokumentation „Inschriften und Besonderheiten an und in der Liebfrauenkirche“ übergeben, von der alle sehr angetan gewesen seien, berichtete Christoph Holland-Letz.

Darin hatte Finger sowohl architektonische Besonderheiten des mittelalterlichen Kirchbauwerks wie auch sämtliche Epitaphien, versteckte und gut sichtbare Inschriften im Äußeren und Inneren des gotischen Gotteshauses mit einer Fülle von Fotos aufgenommen.

„Die Arbeiten von Herrn Finger dienen dazu, dass diese Zeugnisse der Vergangenheit wieder in unser Gedächtnis gerufen werden“, erklärte Holland-Letz.

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