Wilhelm Schoenen wird in Kassel ausgezeichnet

99-jähriger Korbacher ist seit 85 Jahren in der Gewerkschaft

85 Jahre in der Gewerkschaft: Wilhelm Schoenen ist am 1. Januar 1933 in den deutschen Metallarbeiterverband eingetreten. Die Ehrenurkunde hat der 99-Jährige bereits erhalten.

Korbach/Kassel. Für Wilhelm Schoenen ist das ein Tag zum Feiern: Der 99-Jährige, der in Korbach lebt, ist seit 85 Jahren Mitglied der Gewerkschaft. Dafür wird er am 28. August in Kassel geehrt. 

„Kennen Sie Ihre IBAN auswendig?“, fragt der 99-jährige Wilhelm Schoenen. Nein, die 22-stellige Nummer doch nicht. „Ich schon“, sagt Schoenen stolz. „Telefonnummern und Daten habe ich auch alle im Kopf.“ Und so erinnert er sich auch noch allzu gut daran, dass er am 1. Januar 1933 in den deutschen Metallarbeiterverband eingetreten ist. 85 Jahre ist das jetzt her. 

Geboren wurde Schoenen, der seit seiner Pensionierung 1981 in Nordhessen lebt, am 19. Oktober 1918 im nordrhein-westfälischen Dinslaken. 1930 zog er mit seinen Eltern nach Oberhausen. Sein Vater war Gewerkschaftssekretär. Schoenen wollte gerne in den Öffentlichen Dienst. „Aber das ist verhindert worden, weil ich nicht in der Hitlerjugend war.“

Deshalb machte der damals 14-Jährige zunächst eine Lehre als Schlosser beim damaligen Dampfkesselhersteller Babock in Oberhausen – und trat in die Gewerkschaft ein. „Mein Vater hat mir dazu geraten“, erinnert er sich. „Er hat gesagt, das macht einen guten Eindruck.“

Doch schon kurze Zeit später, am 2. Mai 1933, verbaten die Nazis die freien Gewerkschaften. Schoenens Vater wurde erstmals im April inhaftiert, im Jahr 1944 ein zweites Mal. 1938 wurde Schoenen zum Arbeitsdienst eingezogen. Anschließend ging er zur Marine und schlug dort die Beamtenlaufbahn ein.

Nach dem Krieg wurde er Beamter der Stadt Oberhausen. Dort arbeitete der Stadtamtmann bis zu seiner Pensionierung 1981, zuletzt als Leiter der Stadtkasse.

Danach zogen seine Frau und er nach Freienhagen im Landkreis Waldeck-Frankenberg. Eine der beiden Zwillingstöchter lebte dort. Sie ist inzwischen verstorben, ebenso wie Schoenens Frau.

Heute lebt Schoenen im Wohnpark am Südwall in Korbach. Er hält sich körperlich und geistig fit, geht spazieren und liest viel. Das hat er immer schon so gemacht. „Noch bis vor zwei Jahren bin ich täglich 40 Bahnen geschwommen“, sagt der 99-Jährige. Seinen hundertsten Geburtstag möchte er im Kreise seiner Tochter, seiner zwei Enkelkinder und vier Urenkel feiern.

Auf seine langjährige Mitgliedschaft in der Gewerkschaft ist Schoenen stolz. Er war immer ein engagierter Gewerkschafter. Nach dem Krieg nahm er an Fortbildungen unter Hans Böckler und dem späteren Präsidenten des Bundesarbeitsgerichts, Hans-Carl Nipperdey, teil. Er war Vertrauensmann und Kassierer bei der Gewerkschaft öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV), die 2001 in der Vereinten Dienstleitungsgewerkschaft (ver.di) aufging.

„Ohne Gewerkschaften wäre der Wohlstand heute nicht so groß“, sagt Schoenen zur Bedeutung der Gewerkschaften. „In den 30er-Jahren betrug der Tariflohn 54 Pfennig. Davon konnten die Leute sich nichts kaufen.“

Die Gewerkschaften hätten für eine Verbesserung der Situation der Arbeitnehmer hart gekämpft und viel bewegt. „Und das nicht nur für die Arbeitnehmer. Davon hat die ganze Gesellschaft profitiert“, sagt Schoenen. 

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