„Gefahrenabwehrverordnung über das Halten und Führen von Hunden“

Ärger um freilaufende Hunde im Dorf

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Wenn Holger Berg seine Ziegen durch das Dorf führt, sind seine Hunde mit dabei – auch sonst haben sie viel Freilauf. Das gefällt ganz offensichtlich nicht allen Ellershäusern. Mehrmals gab es schon Beschwerden bei der Stadt.Foto: Malte Glotz

Frankenau-Ellershausen - Freilaufende Hunde kosten in Frankenau richtig viel Geld: Holger Berg aus Ellershausen soll mehr als 227 Euro dafür zahlen, dass sein Hund ohne Leine im Dorf unterwegs war. Das findet der Landwirt unverhältnismäßig.

In den vergangenen Wochen hat Holger Berg zweimal unerfreuliche Post von der Stadtverwaltung bekommen, nachdem seine Hunde allein im Dorf herumliefen. Bei der ersten Anzeige wollte die Stadt 77 Euro Bußgeld von ihm haben. Der zweite Brief aus dem Rathaus schockierte den Ellershäuser noch mehr: 200 Euro Bußgeld plus 27 Euro Gebühr und Auslagen stehen auf der Rechnung.

Der Landwirt räumt ein, dass seine Hunde nicht immer ganz freundlich waren: zwei, drei Mal habe es vor einigen Jahren „Schrammen“ gegeben. Das sei aber längst vorbei: Die Hunde hätten einen Wesenstest absolviert und bestanden. „Seitdem hatte ich eigentlich keinen Ärger mehr“, sagt der Ziegenzüchter. Doch dann hätten seine Mitbürger die „Gefahrenabwehrverordnung über das Halten und Führen von Hunden“ entdeckt und ihn bei der Stadt angezeigt, weil seine Hunde frei herumlaufen.

Beim ersten Mal habe sich ein Kind vor seinem Hund gefürchtet, der allein auf der Straße herumlief, das zweite Mal hatte Bergs Rüde den heimischen Hof verlassen, um zu einer heißen Hündin zu laufen. „Bis ich das gemerkt habe, war es schon zu spät“, berichtet der Landwirt.

Bei einem Anruf bei der Stadt erfuhr Berg, dass er noch Glück hatte: Eigentlich könnte die Stadt ein Bußgeld in Höhe von 500 Euro erheben. „Damit kann man ruckzuck alle Stadtsäckel füllen“, sagt Berg. „Wenn das jeder macht, wenn der Nachbarshund mal um die Ecke läuft, wird es lustig in Frankenau“.

Der Ellershäuser findet die Bußgelder unverhältnismäßig hoch - vor allem, weil seine Hunde weder jemanden angegriffen noch Schäden verursacht hätten. Zum Vergleich nennt er die Kosten für zu schnelles Fahren in der Ortslage oder das Parken in einer Feuerwehrzufahrt. „Dafür zahlt man keine 200 Euro!“

Seine Hunde sind Hütehunde - dass sie frei laufen, während die Ziegen auf die Wiese oder zurück in den Stall gebracht werden, werde akzeptiert, sagt Berg. Sie in der übrigen Zeit anzuleinen oder einzusperren, sieht der Landwirt nicht ein - aus mehreren Gründen.

Einerseits sieht er seine wirtschaftliche Existenz gefährdet. „Jeder soll hier wie bisher kommen und gehen können. Ich will einen offenen Betrieb haben, ich lebe davon, dass die Leute zu mir kommen und Käse kaufen.“ Deshalb könne und wolle er seinen Hof nicht „verbarrikadieren“. Und jede Woche 200 Euro an die Stadt zu zahlen, könne er sich schlicht nicht leisten.

Zweitens will er seine Tiere nicht anleinen oder einsperren. „Das ist nicht artgerecht“, begründet er. „Das sind Wesen, die ein Recht auf Freiheit haben und sie schränken niemanden ein - außer denen, die unter krankhafter Angst leiden“.Drittens sieht er ein Einzäunen seines Hofes in der praktischen Umsetzung als unmöglich an: Er brauche eine offene Zufahrt, um seine Ziegen rein und raus zu führen und sie mit Futter zu versorgen.

Das Recht allerdings hat die Stadt Frankenau auf ihrer Seite. Die Gefahrenabwehrverordnung äußert sich gleich im zweiten Satz deutlich über Hunde, gleich ob gefährlich oder nicht: „Sie dürfen außerhalb des eingefriedeten Besitztums der Halterin oder des Halters nicht unbeaufsichtigt laufen gelassen werden“. Das ist klar und eindeutig und stellt für Berg gleich ein doppeltes Problem dar, denn sein Hof ist eben nicht eingefriedet, seine Tiere laufen frei herum - wenn auch selten: „Der eine hat seine morgendliche Runde um die Kirche, da oben hat er eine Freundin“, erzählt der Eigentümer. Ansonsten würden sich die Tiere meist auf dem Hof oder in unmittelbarer Nähe aufhalten - das sei ihr Territorium.

Seitens der Stadt gibt es zu diesem Fall kein Kommentar: „Ich will mich nicht zu Einzelfällen äußern“, sagt Bürgermeister Björn Brede gegenüber der Frankenberger Zeitung und fügt in Bezug auf Berg an: „Wir werden im Binnenverhältnis miteinander kommunizieren“. Die Gefahrenabwehrverordnung selbst gilt nicht nur in Frankenau, sondern hessenweit - theoretisch könnten ähnliche Fälle also im gesamten Landkreis auftreten. Als Ordnungsbehörden, die letztlich auch die Bußgeldbescheide ausstellen, treten jedoch die Städte und Gemeinden auf.

Viel mehr als über seinen Gebührenbescheid ärgert sich Holger Berg ohnehin über den Umgang mit der Situation im Dorf - vor allem, weil seine Hunde keinen Schaden angerichtet hätten: „Ich hätte mir gewünscht, dass man erst mich anruft, damit ich meinen Hund hole, und mich nicht gleich anzeigt.“ Holger Berg versteht den Ärger seiner Nachbarn nicht: „Hunde sind nicht nur eine Gefahr, sondern auch Freunde, mit denen wir groß geworden sind“, betont er.

Von Malte Glotz und Andrea Pauly

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