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Alter Koloss als Besuchermagnet: Frankenberger Dampfmaschinen- und Industriemuseum 1997 im Aufbau

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Von: Klaus Jungheim

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Das wusste in Frankenberg kaum jemand: In der ehemaligen Stuhlfabrik Stoelcker befand sich vor 25 Jahren die damals größte, noch funktionsfähige Dampfmaschine Deutschlands. Der Frankenberger Heinrich Maurer stand 1997 staunend vor dem Koloss, der Kernstück und Attraktion des geplanten Dampfmaschinen- und Industriemuseums werden sollte.
Das wusste in Frankenberg kaum jemand: In der ehemaligen Stuhlfabrik Stoelcker befand sich vor 25 Jahren die damals größte, noch funktionsfähige Dampfmaschine Deutschlands. Der Frankenberger Heinrich Maurer stand 1997 staunend vor dem Koloss, der Kernstück und Attraktion des geplanten Dampfmaschinen- und Industriemuseums werden sollte. © Jürgen Siegesmund

Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern, sagt ein Sprichwort. Alte Zeitungen können aber noch sehr interessant sein. Das zeigen wir in unserer neuen Serie „Vor 25 Jahren“: Wir schauen uns die HNA von damals an und erinnern in loser Folge an spannende, ernste und unterhaltsame Themen aus der Zeitung.

Frankenberg – Erst die Pleite, dann der Wagemut: Für das Stoelcker-Gelände bei Schreufa bestanden vor 25 Jahren große Pläne. In der Ende Juni 1994 endgültig in Konkurs gegangenen Stuhlfabrik sollte ein Dampfmaschinen- und Industriemuseum entstehen. Am Abend des 13. Februar 1997 stellte Heinrich Maurer in einer Versammlung der „Kremer GmbH & Co. KG Grundstücksverwertung“ das fertige Konzept vor, wie die HNA am Samstag, 15. Februar, berichtete („Stuhlfabrik wird zu Museum“).

Diese Gesellschaft hatte das rund fünf Hektar große Stoelcker-Areal im Juni 1996 auf Anregung des Kaufmännischen Vereins Frankenberg erworben, um dort die Ansiedlung eines Großmarktes der Handelskette Globus zu verhindern. Befürchtet wurde, dass sich die Angebotspalette dieses Großmarktes mit der aller damals 130 Fachgeschäfte in Frankenbergs Fußgängerzone und Altstadt decken könnte. Dies würde 50 Prozent der Kaufkraft dort abschöpfen, hieß es.

Markantes Objekt: Viele Jahre war die blaue Dampframme aus dem Hamburger Hafen weithin sichtbares Wahrzeichen des Frankenberger Dampfmaschinenmuseums vor den Toren Schreufas.
Markantes Objekt: Viele Jahre war die blaue Dampframme aus dem Hamburger Hafen weithin sichtbares Wahrzeichen des Frankenberger Dampfmaschinenmuseums vor den Toren Schreufas. © Karl-Hermann Völker

Die Idee mit dem Dampfmaschinenmuseum war entstanden, weil im alten Stoelcker-Kesselhaus noch eine Heißdampflokomobile, Baujahr 1934, erhalten geblieben war. In enger Zusammenarbeit mit dem Dampfmaschinenmuseum in Hanau-Großauheim sollte das Frankenberger Museumsprojekt verwirklicht werden.

Der Vorsitzende dieses südhessischen Museumsvereins, Hans Werner Dörich, war bei der Gesellschafterversammlung im Februar 1997 anwesend. Er hatte eine Information zu der Heißdampflokomobile parat, die die Herzen der Frankenberger Akteure höher schlugen ließ: „Ihnen ist sicherlich nicht bekannt, welches Kleinod Sie hier besitzen: In der früheren Stuhlfabrik steht die größte, noch funktionsfähige Dampfmaschine Deutschlands.“ Ein Raunen ging durch die Reihen. Schnell war klar, dass dieser Koloss die Attraktion des geplanten Dampfmaschinen- und Industriemuseums vor den Toren Schreufas werden sollte. Spätere Gutachten von Experten sprachen sogar von einem in Europa in dieser Größe einzigartigem Kraftwerk.

Besagte Dampflokomobile versorgte seit 1934 im Kesselhaus der früheren Firma Stoelcker diesen Industriebetrieb mit Strom und Heizwärme; über Riemen wurden auch andere Maschinen angetrieben. „Trotz Stillstands seit 1992 kann diese Dampfmaschine wieder in Betrieb genommen werden“, hieß es. Sie sollte als Kernstück des geplanten Museums von Grund auf renoviert werden.

Darüber hinaus wollte das Hanauer Museum weitere Exponate als Dauerleihgabe zur Verfügung stellen. Zum Beispiel einen kleinen Schmalspur-Museumszug mit 1200 Metern Schienen, einen kompletten Straßenbauzug, Dreschkastenlokomobile, Flachschieberdampfmaschinen, einen Dampfhammer, eine Schiffsdampfmaschine und vieles mehr.

Schwarzes Ausstellungsstück: Dieser Feuerbuchs-Rauchrohr-Kessel trieb früher eine Dampflokomobile an.
Schwarzes Ausstellungsstück: Dieser Feuerbuchs-Rauchrohr-Kessel trieb früher eine Dampflokomobile an. © Karl-Hermann Völker

Neben einem Dampfmaschinenmuseum war von der eigens dazu gegründeten Frankenberger Museumsgesellschaft auf dem Stoelcker-Areal auch ein Industriemuseum geplant. Auf 3000 Quadratmetern sollte im dritten Obergeschoss der großen Halle eine Ausstellung der Frühindustriealisierung im damaligen Kreis Frankenberg entstehen. Dort sollten sich Firmen darstellen, die 100 Jahre und älter waren und ihre Geschichte zusammengetragen haben, aber nur selten Gelegenheit hatten, Exponate dauerhaft zu präsentieren.

In dem Dampfmaschinenmuseum trafen erste Dauerleihgaben alsbald ein, darunter Dampfwalzen und eine 40 Tonnen schwere Dampframme aus dem Hamburger Hafen, die in der Folgezeit zum Wahrzeichen des neuen Museums wurde.

Im Oktober 1997 konstituierte sich ein „Förderverein Dampfmaschinenmuseum Frankenberg“ zunächst mit Stadträtin Irmtraud Liebelt als Vorsitzender, ab 2001 unter Leitung von Klaus Hartmann. Die Kasseler Regierungspräsidentin Oda Scheibelhuber eröffnete am 30. April 2002 offiziell das Frankenberger Dampfmaschinenmuseum, bevor die Theater-AG der Edertalschule erstmals vor 300 Zuschauern dort Premiere für ihr Stück „Yvonne, die Burgunderprinzessin“ feierte. Die „ideale Verbindung von Arbeit, Gewerbe, Kultur und Museum“ sah der damalige Kreisbeigeordnete Otto Wilke in den ehemaligen Fabrikhallen.

Was seinerzeit mit viel Tatendrang, Euphorie und Herzblut der Akteure begann, endete nach fast zwei Jahrzehnten. Die Gründe lesen Sie im nachfolgenden Artikel

Immobilie wurde verkauft, alle Exponate mussten raus

Das mit viel Idealismus gestartete „Dampfmaschinenmuseum Frankenberg“ und die mit ihm verbundene Kulturarbeit im später „Unternehmenspark Nord“ bei Schreufa getauften Stoelcker-Areal ging im Juli 2014 zu Ende. Nach fast zwei Jahrzehnten hatte die Kremer GmbH die letzte, bisher vom Museum genutzte Immobilie auf dem einstigen Stoelcker-Gelände verkauft.

Einziehen sollte in die ehemaligen Museumsräume zum 1. August eine Spedition aus der Region. Im Mai jenes Jahres hatte dort noch eine Aufführung der Theater-AG der Frankenberger Edertalschule stattgefunden. Auch dafür standen die Räume nicht mehr zur Verfügung.

„Wir wollten dieses Museum als Teil der frühen Industriegeschichte unserer Region erhalten, haben auch viel Geld und Kraft in dieses Projekt investiert“, erklärte Günter Beil, Geschäftsführer der Kremer GmbH, im Juli 2014 der HNA. Es seien aber sämtliche Versuche mit Stadt, Landkreis und Förderverein fehlgeschlagen, einen öffentlichen Träger für das Dampfmaschinenmuseum zu finden. Auch der Betreiber eines Freizeitzentrums habe abgesagt, bedauerte Beil. Seine Gesellschaft habe keine Möglichkeit mehr gesehen, hier weiter zu investieren.

Mit dem Ende des „Dampfmaschinenmuseums“ einher ging auch das Schicksal des Fördervereins. „Wir mussten der bitteren Realität ins Auge schauen“, sagte Vorsitzender Klaus Hartmann während der Jahresmitgliederversammlung im März 2015. Und: „Bis zum 30. Juni müssen alle Exponate aus dem bisherigen Dampfmaschinenmuseum ausgeräumt ein.“ Insgesamt mehr als 200 Exponate waren einst ausgestellt worden.

Die Hälfte der Exponate war im März 2015 bereits weg. Die 20 Meter hohe Dampframme – einst Wahrzeichen des Geländes – wurde verschrottet. Dieses Schicksal ereilte auch das Kernstück, die Heißdampflokomobile von 1934. Die andere Hälfte der früheren Ausstellung lagerte noch in einem Bereich, der vom neuen Besitzer nicht genutzt wurde.

Die Auflösung des Fördervereins wurde im Juli 2016 vollzogen. Bei der Firma Thonet in Frankenberg war zumindest die Möglichkeit gefunden worden, einen Teil der Exponate zwischenzulagern. Bei Thonet eingelagerte Maschinen wurden dann entweder in ein Museum nach Hanau-Großauheim oder in andere Museen gebracht.

Auch wenn das „Dampfmaschinen- und Industriemuseum Frankenberg“ inzwischen Geschichte ist: Im „Unternehmenspark Nord“ haben zahlreiche Firmen und Unternehmensgründer ein Zuhause gefunden.

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