Aus der Geschichte der Frankenberger Garnison – zweiter Teil: von der Planung bis zu den ersten Mona

Ausbilden und arbeiten in einer Großbaustelle

Als am 1. Juni 1962 die ersten Soldaten des Fernmeldebataillons 320 in die Burgwald-Kaserne einrückten, liefen die Bauarbeiten vielerorts noch. In den ersten Monaten war viel Improvisation erforderlich, um den Fachdienst aufzunehmen.Fotos: Archiv

Frankenberg - Arbeiten in einer Baustelle, fehlende Ausrüstung - die Anfänge 1962 erforderten viel Improvisation.

Eine handfeste Überraschung präsentierte Bürgermeister Wilhelm Falkenstein den Stadträten und Stadtverordneten, die er am 25. März 1957 zu einer „internen Besprechung“ ins Gasthaus „Zur Krone“ gebeten hatte. Er informierte sie über ein Gespräch mit zwei Offizieren des Wehrkreisbezirks 4 und der Gießener Liegenschaftsstelle - sie hatten bei ihm den Bau einer Kaserne in der Stadt angeregt.

Die Offiziere seien auf Besichtigungsfahrt gewesen, berichtete Falkenstein. Sie hätten in der militärischen Linie von Butzbach über Marburg und Fritzlar bis Kassel eine Lücke ausgemacht, deshalb komme für sie Frankenberg als Standort eines Infanterie-Bataillons mit 900 bis 1000 Mann in Frage. Die Stadtverordneten erklären sich zu Verhandlungen mit dem Bonner Verteidigungsministerium bereit. Aber sie wollten - anders als viele andere Kommunen - keinen Antrag stellen, um Garnisonstadt zu werden. Schon am nächsten Morgen berichtete die FZ über die Sitzung - das Projekt war das Stadtgespräch. Am 27. Mai erhielten die Stadtverordneten bei einer öffentlichen Sitzung weitere Informationen über die Planungen. Nach kontroversen Diskussionen sprachen sie sich mit zwölf Stimmen grundsätzlich für eine Kaserne aus, nur die fünf Sozialdemokraten waren dagegen. Fraktionssprecher Larisch warnte, eine Garnison gefährde den Ausbau von Tourismus und Industrie, die Preise zögen an. CDU, BHE und Freie Bürgerliste sahen eher wirtschaftliche Vorteile für die Stadt.

Am 30. August besuchte eine 15-köpfige Regierungskommission wegen der Standortfrage Frankenberg. Am 9. Dezember informierte Bürgermeister Falkenstein die Parlamentarier, dass drei Flächen im Gespräch seien, fürs Gelände im Süden nahe des Industriehofes habe es bereits Gespräche über einen Grunderwerb gegeben.

Am 17. Mai 1958 entschieden sich zwölf Stadtverordnete für den Bau einer Kaserne am Vogelhaus - „wenn der Stadt dadurch keine Kosten entstehen“. Wieder sagte die SPD Nein, einer enthielt sich. Nach damaliger Planung sollte ein Bataillon Feldartillerie stationiert werden, eventuell auch ein Regimentsstab. 110 Familien der Soldaten sollten in Frankenberg wohnen.

Am 1. September stimmte auch die Landesregierung dem Bau der Kaserne zu - nun sollte neben einer Artillerie-Batterie ein „Nahaufklärungs-Bataillon“ einziehen. Gesamtstärke der Garnison: 1024 Mann.

Am 11. November 1959 gab es den ersten Spatenstich, Baukosten von 20 Millionen Mark waren veranschlagt. Im Hochsommer 1960 liefen die Bauarbeiten voll an, die Ringstraße und die Kanalisation wurden angelegt, ab dem 6. Juni ging es an die Hochbauten, und im August begann der Bau der Wasserleitung von der Bahnhofstraße zur Kaserne.

Am 22. Juni 1961 war Richtfest für die Wirtschafts- und die Verwaltungsgebäude, am 17. November folgte das Richtfest für die Truppenunterkünfte, das Sanitätshaus, Waschhaus und das Heizzentrum.

Am 25. Mai 1962 reiste der damalige Major Günter Miosga erstmals nach Frankenberg. Er war als Leiter des Vorauspersonals und als stellvertretender Kommandeur des Fernmeldebataillons 320 vorgesehen. Er geriet „in eine Großbaustelle ohne Zaun, in der Planierraupen und andere Baufahrzeuge herumfuhren“. Kein Kompanieblock sei fertig gewesen, Küche und Speisesäle seien noch mit Möbelstücken vollgestellt gewesen, notiert er 20 Jahre später.

Am 28. Mai rückten die ersten Soldaten des Artillerie-Bataillons 22 in die Burgwald-Kaserne ein, laut FZ ein „Arbeitskommando von 50 bis 60 Mann“ unter dem Kommando von Hauptmann Beckher.

Miosga trat am 31. Mai seinen Dienst in der Kaserne an. Er erfuhr, dass bereits zwei Waggons mit Gerät am Bahnhof stünden. Problem: Die Kfz-Hallen waren noch im Bau, so fehlten Unterstellmöglichkeiten. Zum Teil wurden abschließbare Bunker der Luftmunitionsanstalt aus dem „Dritten Reich“ auf dem Standortübungsplatz genutzt, um das ständig weiter eintreffende Gerät zu lagern.

Stadt unterstützt kräftig

Auch die Stadt half, wo sie nur konnte. Bei ihr sei die Truppe „auf große Aufgeschlossenheit, Bereitschaft zur Zusammenarbeit und Unterstützung gestoßen“, betont Miosga, der es später bis zum Oberst gebracht hat. Und die Frankenberger hätten die Soldaten „sehr freundlich aufgenommen“.

Zum 1. Juni wurde das Bataillon offiziell aufgestellt. Die ersten 187 Soldaten trafen in diesen Tagen ein - sie hatten bei den Fernmelde-Bataillonen 51 und 220 in Bergisch Gladbach und Ansbach bereits eine Spezialausbildung erhalten. Hinzu kamen 95 Rekruten. Bis Anfang Juli hatte das Bataillon 423 Soldaten. Insgesamt wurden sie aus etwa 27 Einheiten zusammengewürfelt. Das Stabsgebäude musste sich Miosgas Trupp in den ersten Monaten mit den Artilleristen teilen. Am ersten Tag habe er sich buchstäblich Papierbögen erbetteln müssen, um die eintreffenden Soldaten zu registrieren, schreibt er.

Weiteres Problem: Planierraupen hatten an mehreren Stellen das Kabelnetz zerrissen, das die Kasernengebäude miteinander verband. Ein Jahr lang habe sich das Bataillon mit geliehenem Gerät der Marburger Fernmelder provisorisch behelfen müssen, hält Miosga fest. Auch Melder wurden eingesetzt.

Die Küche war aber inzwischen einsatzbereit, auch ein Mannschaftsblock für eine Kompanie war bezugsfertig. Das war wichtig: „Das Kaderpersonal des Bataillons betrug 111 Soldaten, für die Ausbildungskompanie waren es 33“, beschreibt Miosga.

Kommandeur trifft ein

Am 16. Juli übernahm Oberstleutnant Erich Mahl das Bataillon, das er bis zum 22. Mai 1966 geführt hat. Auch er berichtet von Improvisationen. Im Eigenbau hätten Soldaten eine Empfangsstelle und Antennen installiert, sogar Rüstsätze für Fahrzeuge hätten sie selbst gebaut, „da es eine industrielle Fertigung dafür noch nicht gab.“

Der erste tödliche Unfall ereignete sich am 7. Juni: Ein Lastwagen kam bei Dainrode von der Bundesstraße 253 ab und überschlug sich, ein Soldat starb, zwei wurden schwer verletzt.

Am 15. Juni kam der Rest der Artilleristen, mehr als 600 Mann standen unter dem Kommando von Major Barkhoff. Nach ihrem feierlichen Einmarsch gab es laut FZ um 17 Uhr ein Platzkonzert vor dem Rathaus. Am 30. Juni trafen weitere 150 Soldaten des Fernmeldebataillons ein. Am 2. Juli begannen die ersten Rekruten ihre Grundausbildung. Auch da war Improvisation gefragt, noch gab es kaum Vorschriften. Die folgende Fachausbildung dauerte für die Fernmelder vier bis sechs Monate. Im September waren Soldaten zudem im Ernteeinsatz.

Die offizielle Eröffnung der Kaserne am 18. Juli wurde zum Volksfest. Es begann mit einem Festakt vorm Rathaus. Generalmajor Otmar Hansen vom Wehrbereich IV erklärte, die Kaserne sei „notwendig, um einen Damm aufzurichten gegen die rote Flut aus dem Osten“.

Am 6. September gab es für 94 Soldaten des Fernmeldebataillons die erste Vereidigung in der Kaserne. Am 28. November folgte mit 265 Rekruten die erste Vereidigung auf dem Obermarkt - seitdem ein gewohntes Bild.

Zur Kuba-Krise im Oktober begannen die Fernmelder mit ihrer Aufklärungsarbeit - mit ihrem stationären Antennenfeld in der Kaserne erfassten sie die Funknetze sowjetischer Truppen im Süden der DDR.

Am 17. September 1962 berichtete die FZ über den Stand des Wohnungsbaus für die Soldatenfamilien: 174 Wohnungen sollten entstehen, 60 waren bereits bezogen, 34 im Rohbau, mit dem Bau der restlichen sollte schnell begonnen werden.

Die Standortverwaltung bezog im Februar zunächst Räume bei Balzers in der Röddenauer Straße. Am 20. November war der erste Spatenstich für einen 2,4 Millionen Mark teuren Neubau neben der Berufsschule. Im Winter 1962/63 war der Baubeginn, am 15. Dezember 1964 das Richtfest fürs Lager - heute die Regenbogenschule. Am 7. Februar 1966 war die feierliche Übergabe der Gebäude, die zum 1. Januar 1994 geschlossen wurden.

Sieben Jahre vor Ort: Artillerie-Bataillon 22 in Frankenberg

Neben den Fernmeldern zogen vor 50 Jahren auch Artilleristen in die neue Burgwald-Kaserne ein. Es waren die größten Teile des Artillerie-Bataillons 22, das seinen Aufstellungsbefehl am 15. September 1959 erhalten hatte. Unterstellt war es dem 1958 gebildeten Feldartillerieregiment 2 in Kassel. Am 16. Januar 1960 begann die Aufstellung der 2. Batterie in Eschweiler bei Aachen. Sie wurde am 4. April 1960 nach Wolfhagen verlegt. Zum 15. Februar 1962 erhielten die 1., 2. und 3. Batterie einen neuen Standort: Frankenberg. Eine vierte Batterie wurde in Treysa neu aufgestellt. Ausgerüstet waren sie mit der US-Rakete „Honest John“. Am 29. April 1965 bekam das Bataillon seine Truppenfahne. Schon am 2. Februar 1969 endete das Artillerie-Kapitel in Frankenberg: Auch die 1., 2. und 3. Batterie wurden nach Treysa verlegt und der Verband in Raketen-Artillerie-Bataillon 22 umbenannt. Am 7. Februar verabschieden die Frankenberger das Bataillon unter dem Kommando von Oberstleutnant Stein offiziell. Durch die Verkleinerung der Bundeswehr nach der deutschen Einheit wurde das Bataillon Ende 1992 aufgelöst.

Was 1962 noch geschah...

Der Kalte Krieg zwischen den in der NATO zusammengeschlossen Demokratien und dem von der Sowjetunion geführten Warschauer Pakt erreichte einen Höhepunkt: Im Oktober entdeckten amerikanische Aufklärer, dass die Sowjets Atomraketen auf Kuba stationieren wollten, die USA verhängten eine Seeblockade. Fast wäre es zum Krieg gekommen, doch Präsident Kennedy und Parteichef Chruschtschow einigten sich, die Sowjets packten ihre Raketen wieder ein. Indessen weitete sich der Viet-?namkrieg immer mehr aus, die Amerikaner erhöhten ihre Truppenkontingente. Stellvertreterkriege führten die Machtblöcke in Kolonien, die nach Unabhängigkeit strebten. Am 15. Juli wurde das ehemalige Departement Algerien von Frankreich unabhängig – ein langer Krieg endete. Deutschland war seit 1945 geteilt. Im Westen näherte sich die Kanzlerschaft des 86-jährigen Konrad Adenauer langsam dem Ende zu, im Osten saß SED-Parteichef Walter ?Ulbricht noch fest im Sattel. Am 16. und 17. Februar brach über die deutsche Nordseeküste die schwerste Sturmflut seit über 100 Jahren herein, Teile Hamburgs standen unter Wasser. Innensenator Helmut Schmidt handelte entschlossen und setzte jenseits aller Rechtsschranken die Bundeswehr und Alliierte ein. Die Soldaten erhielten viel Sympathie für ihr Engagement. Am 22. Oktober geriet die Bundeswehr wieder in die Schlagzeilen: Nachdem der „Spiegel“ unter dem Titel „Bedingt abwehrbereit“ Mängel im Verteidigungskonzept ausgemacht hatte, wurden auf Betreiben von Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß Herausgeber Rudolf Augstein und Redakteure verhaftet und die Hamburger Redaktion besetzt. Ein Sturm der Entrüstung brach los, Hunderttausende traten für die Pressefreiheit ein. Und die Vorwürfe hielten der rechtlichen Überprüfung nicht stand: Der angebliche Landesverrat war keiner. Die „Spiegel“-Affäre führte zu Strauß’ Rücktritt und dem Ausscheiden Adenauers 1963. In Rom machten sich Reformer ans Werk: Am 11. Oktober begann das zweite Vatikanische Konzil, das die katholische Kirche an die Moderne heranführen wollte.

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