Erinnerung an Bastionszeiten – Moderne Interpretation eines Wacht-Erkers

Ausguck für Hexenturm

Neuer Ausguck: An der Halbbastion am Marburger Hexenturm gibt es einen neuen Ausguck. Foto: Kieselbach/nh

Marburg. Eine sehr moderne Interpretation eines Wacht-Erkers hat der Marburger Hexenturm bekommen. Und das mit Billigung des Denkmalschutzbeirats. Als Landgraf Karl ab 1685 mit der Neubefestigung der Festung Marburg begann, war der Bau von Bastionen Standard der Militärbautechnik.

Eine Bastion ist ein im Grundriss fünfeckiges Bauwerk, das dem Wall oder der Mauer vorsteht. Dieses System lässt in Kombination mit benachbarten Bastionen kreuzendes Feuer vor den Stirnen der Bastionen zu und garantiert, dass alle Flächen vor der Front mit Gewehren oder Geschützen bestrichen werden können.

Auf den Spitzen dieser Bastionen errichtete man Wachthäuschen, damit von dort ein Wachtposten die seitlichen Mauern kontrollieren konnte. Diese Wachthäuser waren immer massiv, um die Posten gegen feindliches Feuer abzusichern, wenn sie an öffentlichen Wegen standen. Sie wurden mit kunstvollen steinernen Wappen versehen, um den Passanten deutlich zu zeigen, wer hier der Herr war.

Nun hat die Festungsfront entlang des heutigen Gisonenweges, der um 1700 Hauptzufahrt zum Schloss geworden war, zwar auf den Ecken beim Herderinstitut und bei der Zufahrt zum Rosengarten solche Wachthäuser gehabt. Ob die Bastion am Hexenturm, die zwischen 1705 und 1710 errichtet wurde, ebenfalls solch einen Wacht-Erker gehabt hat und wie er aussah, ist nicht bekannt. Nach Vermutungen der Stadt hat sie einen solchen gehabt, schließlich führte hier der Weg von Caldern, dem landgräflichen Versorgungshof, zum Renthof, dem Lebensmitteldepot des Schlosses, vorbei. Da jedoch überhaupt keine Baupläne mehr von Bauten im Schlossbereich vorhanden sind, wäre jeder Versuch, ein solches Wachthaus auf der Bastionsspitze nachzubauen, ein Ratespiel.

Den Planern stellte sich darüber hinaus die Frage, ob der Nachbau eines solchen Wacht-Erkers nach Vorbildern – zum Beispiel in Mainz oder Erfurt – angebracht ist, nachdem die Mauern dieser Bastion nicht mehr diejenigen sind, die 1710 gefertigt, sondern neue, die in vieljährigen Aktionen bis 2010 wieder errichtet wurden.

Werk unserer Zeit

Sie waren sich aber auch einig, dass die Bastionsspitze aus gestalterischen Gründen geradezu nach einer Eckbetonung verlange. Diese Überlegungen, abgestimmt mit dem damaligen Landeskonservator Udo Baumann, führten dazu, den Erker, und letztendlich auch die ganze neue Mauer, als Werk unserer Zeit zu kennzeichnen. Und dafür durfte sinnvollerweise kein Sandstein verwendet werden.

Als Planer einer solchen Eckbetonung konnte Erhardt Jacobus Klonk aus Oberrosphe gewonnen werden. Sein Konzept sah ein „Tor zum Wacht-Erker“ vor, dann eine Plattform als Ausguck nach beiden Seiten und auf der Spitze der Plattform eine Plastik, die man als flatternde Fahne oder aufsteigende Flammen interpretieren kann, alles aus verzinktem Stahlblech.

Der Denkmalschutzbeirat hatte dem Projekt zugestimmt. (nh)

Quelle: HNA

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