Mehr als sieben Stunden lang flog ein Munitionszug bei Ernsthausen in die Luft

Bahnhof wurde zur Ruine

Trauriger Anblick: Vom Ernsthäuser Bahnhof blieb nur noch die rückwärtige Wand stehen, nachdem am 25. März 1945 über Stunden die Munitionsladungen des auf den Gleisen stehenden Zuges in die Luft geflogen waren.

Ernsthausen. Er hat das scharfkantige, gebogene Stück Stahl gut aufgehoben, das ihn an den 25. März 1945 erinnert, als das Dorf Ernsthausen nur knapp einer Katastrophe entging. Friedrich Engel, heute 83 Jahre alt, erlebte an jenem Palmsonntag kurz vor Kriegsende mit, wie nach einem Bombenangriff mehr als sieben Stunden lang eine Waggonladung mit Munition nach der anderen in die Luft flog, den Ernsthäuser Bahnhof bis auf die rückwärtige Wand wegsprengte, Hausdächer abdeckte und Menschenleben gefährdete.

Der Granatsplitter, der damals das Dach seines Elternhauses Marburger Straße 10 durchschlug und im Boden stecken blieb, fiel jetzt Friedrich Engel wieder einmal beim Aufräumen in die Hände. Er gehört zu den ganz wenigen Zeitzeugen, die noch von dem Splitterregen über Ernsthausen berichten können: Als 16-jähriger Fronthelfer in Kassel hatte er damals einen kurzen Wochenendurlaub und beobachtete, wie vier englische Lightning-Doppelrumpf-Jäger in einer großen Runde über Wollmar und das Senkelbachtal an Ernsthausen heranflogen und den dort stehenden Munitionszug angriffen.

Lokomotive zu schwach

Am Abend waren die Waggons, die beladen mit 10,5-cm-Panzergranaten von der „Muna“ über Birkenbringhausen nach Ernsthausen gezogen worden waren, stehen geblieben, nachdem aber alliierte Flieger nachts die Eisenbahnbrücke bei Cölbe zerstört hatten. Für den Weg zurück in den rettenden Wiesenfelder Tunnel aber war die Lokomotive zu schwach. „Eine aus Sarnau kommende Dampflok, die schieben helfen sollte, war am Sonntagmorgen zwischen Wetter und Göttingen schon von Tieffliegern zerstört worden“, erinnert sich Friedrich Engel. Ein Bahnbeamter, der Wiesenfelder Peter Beaupain, erkannte die Gefahr, in der die Ernsthäuser schwebten. Als gegen 8.30 Uhr das erste feindliche Aufklärungsflugzeug über dem Zug aufgetaucht war, radelte er sofort mit dem Fahrrad ins Dorf schrie: „Bringt euch in Sicherheit, der Zug steht noch hier und die da oben kreisen!“

Daraufhin suchten die Ernsthäuser ihre für den Luftschutz vorbereiteten Kellerräume auf. Dann fielen die ersten Bomben auf den Zug, eine Munitionsladung nach der anderen flog krachend bis gegen 16 Uhr in die Luft.

Familie überlebte

„Unsere Häuser stehen noch, aber man kann durch sie hindurchsehen“, meinte Karl Greis, der damals mit seiner Frau bei der Familie Nikolaus Engel („Unnerschäfers“) Schutz gesucht hatte. „Wie durch ein Wunder überlebte die Familie des Bahnhofsvorstehers Braun, die aus ihrer Wohnung im Bahnhof nur noch bis in einen Wassergraben flüchten konnte und während der Detonationen darin stundenlang ausharren musste“, berichtet Friedrich Engel.

Er kann sich auch noch daran erinnern, dass ein glühender Splitter im Haus von Karl Greis bereits zwei Bunde Stroh entzündet hatte, doch sei es wegen einer undichten Stelle vom Regen so durchfeuchtet gewesen, dass es nicht brannte.

Der Eisenbahner Peter Beaupain, der sich laut Dienstvorschrift in Bahnhofsnähe aufhalten musste, flüchtete in den Keller eines Nachbarhauses. Als eine Miste in Flammen stand, löschte er das Feuer mit ein paar Eimern Wasser.

Am Abend des Palmsonntags 1945 gab es zwar schwere Schäden an den Häusern und Scheunen im Dorf - aber kein Ernsthäuser war verletzt worden. Vier Tage später, am 29. März 1945, beendeten die Amerikaner mit ihrem Einmarsch hier den Hitler-Krieg.

Von Karl-Hermann Völker

Quelle: HNA

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