Von Alster in Latih und alten Ex-Punks

Bernd Gieseking erheitert mit satirischem Jahresrückblick

Frankenberg - Das Gastspiel, das gemäß Maya-Kalender gar nicht mehr hätte stattfinden sollen, geriet zum bislang besten Auftritt von Bernd Gieseking in der Ederberglandhalle. Sein satirischer Rückblick auf das abgelaufene Jahr war von Lachen, Kichern und Glucksen des Publikums begleitet.

Den Anspruch auf überwiegend neue Texte erfüllte der Kabarettist dieses Mal zu 99,5 Prozent, lediglich beim Nachruf auf Christian Wulff und Giesekings Verwicklung in dessen Entscheidungen gab es eine kurze Reprise.

Andererseits schrieb der Ausgang der Niedersachsenwahl auch neue Kapitel ins Frankenberger Programm, die anderswo vielleicht erst beim nächsten Jahresrückblick ein Thema sind: etwa die drohende Rückkehr Bettinas ins politische Geschehen an der Seite des nächsten Bundespräsidenten. Denn mit seinen Berlin-Ambitionen passe der als Ministerpräsident abgewählte Nachfolger ihres Mannes ins Beuteschema der überaus rührigen Jungautorin. David Macallister lasse wiederum nichts unversucht, um einer ähnlichen kriminellen Karriere wie sein Amtsvorgänger auszuweichen.

Was weh tut, muss raus

Bettinas Tattoo am Oberarm beziehungsweise der Wunsch ihres damaligen Gatten, die kühneren und an ganz anderen Stellen angebrachten Verzierungen bei Carla Bruni zu sehen, hätten am Anfang von Christians Überlegungen gestanden, vielleicht das nominell höchste Amt im Staat anzustreben. Doch letztlich habe Giesekings Empfehlung mit dem Hinweis, als Bundespräsident könne Wulff Geschichte schreiben, den Ausschlag gegeben. In seiner kurzen Amtszeit hatte sich der jüngste Bundespräsident in der deutschen Geschichte denn auch derart von seinen Vorgängern abgehoben, dass man ihn nicht so schnell vergessen wird, lautete Giesekings Fazit: „Der Bundespräsident ist wie ein Blinddarm: Wenn er weh tut, muss er raus“.

Mit der Bemerkung „Der Mann ist inzwischen so beschädigt, dass er sein Auto auf einem Behindertenparkplatz abstellen kann“ schloss Gieseking dieses Kapitel erst einmal ab - nicht ohne den Hinweis, dass der Nachfolger Joachim Gauck den umstrittenen Satz „Der Islam gehört zu Deutschland“, für den Gieseking eine Teilschuld einräumte, schon praktisch bestätigt habe. Schließlich habe der nun in Schloss Bellevue ansässige Ex-Pfarrer ja auch mit zwei Frauen...

Aus Merkels Nähkästchen

Als Nachfolger der vorerst Gescheiterten Wulff und Guttenberg habe sich sich Merkel-Gatte Joachim Sauer als neuer Vertrauter auf höchster Ebene profilierte, der in Abwesenheit von „Mutti“ regelmäßig aus dem Nähkästchen plaudere. Im Verlauf der Diskussion um den Regierungssitz Bonn habe Sauer enthüllt, wie ihnen bei der Bundespräsidentenwahl der kleine Vietnamese auf den Leim gegangen sei.

So viel Intelligenz habe noch nie auf dem heimischen Sofa gesessen, ließ der ebenfalls promovierte Kanzlerinnen-Gatte in Erinnerung an den Besuch von Anette Schavan verlauten, die täglich mit der Kanzlerin über Guido-freie Zonen und Lokale, in die man unbehelligt gehen könne, simsen würde. Für das Ehepaar bestehe ohnehin kein allzu großes Risiko, erkannt zu werden: „Mich kennt eh keiner und wenn Mutti sich nicht kämmt....“, ließe Joachim Sauer, der eine Facebook-Freundschaft mit Hannelore Kraft pflege, verlauten.

Die „Generation Bonanza-Fahrrad auf dem bestem Weg zum Treppenlift“ und andere erheiternde, aber nicht immer komische Episoden zum Thema „Älterwerden“ bildeten einen weiteren roten Faden, der mit dem Kapitel „Campino: too old to die young“ seinen Anfang nahm. Schließlich habe sich der fünfzigjährige Ex-Punk in Waldis EM-Stammtisch wie eine unselige Kreuzung aus Jürgen Drews und Mickie Krause aufgeführt. „An Tagen wie diesen ist Alkohol auch keine Lösung“, lautete Gieskings Fazit zur Halbzeit.

Zwei Kapitel der Finnlandreise mit Eltern, die im Buch „Finne dich selbst“ ihren Niederschlag gefunden hatten, spannen das Thema „Vergänglichkeit“ fort und würzten es mit dem Zusammenprall miteinander unvereinbarer Trinkkulturen bei der Bestellung des mutmaßlich ersten Alsters (Radlers) in Lahti. Der beinahe unerfüllbare Auftrag ging auf das Konto von Giesekings Mutter, die auch in Deutschland für etliche bezeichnende Kapitel gut war.

„Wenn irgendwo bei Reinhard Mey oder Hannes Wader 42 Mikros am Bühnenrand stehen, dann wissen Sie, wie viele Versicherte der Barmer im Saal sind“, hatte er von der Weigerung der Krankenkasse erzählt, seiner 75 Jahre alten Mutter eine Operation zu bezahlen, die ihr nach mehreren Hörstürzen wenigstens 50 Prozent ihres Hörvermögens zurück gegeben hätte. Ein Mikro für Hörgerät war die Lösung; damit werde jede Unterhaltung zum Interview und jedes Konzert zur Live-Übertragung ins eigene Ohr.

Die Frage, wie man die Kunst, die ein Tier „macht“, an der Wand befestigt und wie man das „Nichts“, das ein Künstler auf der Documenta ausstellt, in die eigene Sammlung bekommt und vom alltäglichen Nichts daheim unterscheiden kann, sorgten ebenfalls für Erheiterung.

Gut ins Ohr ging auch der abschließende Rap auf weitere Denkwürdigkeiten und Peinlichkeiten aus dem Vorjahr.

Von Armin Hennig

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