Nager hat sich in Feuchtgebiet angesiedelt · Abgenagte Bäume und Damm entdeckt

Der Biber ist zurück in Frankenberg

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Frankenberg - Lange Zeit war das größte Nagetier Europas in Hessen von der Bildfläche verschwunden. Nun kehrt der Biber auch ins Kreisgebiet zurück.

Aufmerksame Naturbeobachter entdeckten vor wenigen Tagen im Altkreis Frankenberg in einem Feuchtgebiet eindeutige Spuren: abgenagte und gefällte Bäume, einen Damm und Ausstiege aus dem Wasser. Schon seit mehreren Wochen hat sich ein Biber im Frankenberger Land angesiedelt.

Schwanz als Delikatesse

Weitgehend verschwunden war das Nagetier in Hessen bereits im 16. Jahrhundert: Die letzte Meldung stammt aus dem Jahr 1596 von der Gersprenz bei Stockstadt. 1846 wurden in einer Höhle an der Fulda noch Skelette des Tiers gefunden. Ohne Rücksicht auf die Natur hatten die Hessen den Biber ausgerottet. Das Fell war nur eine der Ursachen für die Bejagung. So war das Drüsensekret Bibergeil als Wundermedizin begehrt. Es enthält eine Salicylsäure-Verbindung und ist damit Aspirin sehr ähnlich. Es entstammt der Weidenrinde, eine Hauptnahrung der Biber.

Mit dem Sekret markieren die Tiere ihr Revier. Auch das Fleisch des Bibers wurde gegessen. In den Klöstern galt Biber als „Fastenspeise“ weil er aufgrund seines geschuppten Schwanzes den Fischen zugeordnet wurde. Gerade dieser flache Schwanz galt als Delikatesse.

Artenvielfalt nimmt zu

Der Nabu-Kreisvorsitzende Heinz-Günther Schneider freut sich über die Wiederansiedlung der Nager in Waldeck-Frankenberg. 1987 und 1988 wurden im Spessart insgesamt 18 Biber ausgewildert. Über die Kinzig und Fulda haben sie sich nach Norden ausgebreitet. 2012 wurden in Hessen 87 Biberreviere gezählt. Im April 2013 entdeckten Naturschützer erste Fraßspuren im Schwalm-Eder-Kreis. Im Mai wurden schließlich zwei tote Biber an der Diemeltalsperre gefunden. Im Dezember tauchte ein Tier im Raum Kassel auf.

„Für den Lebensraum Aue ist der Biber ein Segen“, erklärt Mark Harthun vom Nabu-Landesverband Hessen. Er begleitet die Biberausbreitung seit vielen Jahren. Durch die Aktivität der Nager kehre Dynamik in die Bachauen zurück, die überall natürliche Strukturen entstehen lasse. Bachbegradigungen oder Uferverbauungen würden rasch überformt, ohne dass der Mensch mit teurem Maschineneinsatz renaturieren müsse.

Insgesamt nehme die Artenvielfalt um ein Vielfaches zu, betont Harthun. In den Seen würden Amphibien und zahllose Libellen vorkommen, die wiederum Nahrung für viele Vogelarten sind. Auch vom Totholz, das der Biber in seinem Revier schafft, lebe eine große Zahl sehr selten gewordener Arten. „Wenn der Biber nach Hessen zurückkehrt, holt er sich zurück, was wir der Natur genommen haben: Den Uferstreifen der Gewässer“, erklärt Harthun. Die Aktivität der Biber spiele sich mit wenigen Ausnahmen im Bereich von 30 Metern beidseitig der Bäche ab. Hier werden die Auen vernässt, liegen gefällte Bäume oder befinden sich unterirdische Wohnröhren. Deshalb fordert der Nabu die Einrichtung von Gewässerentwicklungsstreifen, um eine konfliktfreie Ausbreitung der Tiere zu ermöglichen.

Das zweitgrößte Nagetier

Biber sind die zweitgrößten Nagetiere der Welt – nur das südamerikanische „Wasserschwein“ ist größer. Mit bis zu einem Meter Körperlänge plus 30 Zentimeter Schwanz erreichen die Tiere eine beträchtliche Größe und sind nicht mit dem viel kleineren Bisam zu verwechseln. Mit 25 bis 30 Kilogramm wiegt ein Biber soviel wie ein Rehbock. Ganz typisch ist die „Kelle“, der flache Schwanz mit dem der Biber nicht schwimmt, sondern nur steuert und die Körperwärme reguliert. Das Haarkleid ist extrem dicht, um vor Nässe und Kälte zu schützen: Auf einem Quadratzentimeter hat der Biber bis zu 23  000 Haare. Die einzelnen Haare sind mit winzigen Widerhaken versehen und hängen fest ineinander. So entstehen im Fell zahllose kleine Luftkammern, die isolierend wirken.

Die großen Nagezähne hören niemals auf zu wachsen. Der Biber muss daher stets Nagen, um die Zähne abzuwetzen. Er frisst die Rinde von Bäumen und fällt diese, um an die frischen Blätter und Zweige der Krone zu kommen. Das übrige harte Holz verwendet er zum Bauen von Staudämmen oder Burgen. Sein Gebiss muss also sehr stark sein: Seine Kaukraft erreicht 80 Kilogramm (der Mensch bringt es auf 40 Kilogramm). Im Sommer fressen Biber auch Uferstauden und Wiesenkräuter. Für den Winter legen sie sich unter Wasser „Holzlager“ an, denn Biber halten keinen Winterschlaf und brauchen auch dann Nahrung.

Anders als der Otter braucht der Biber keine naturnahen Gewässer zum Überleben. Er schafft sie sich selbst und gestaltet die Landschaft nach seinem eigenen Geschmack. Deshalb spielte auch die Verbauung unserer Gewässer keine Rolle bei der Ausrottung, sondern ausschließlich die Jagd durch den Menschen. Da der Biber heute unter Schutz steht, kann er seine Leidenschaft als Baumeister und Landschaftsgestalter ausleben. (sr)

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