Franziska Seibel hat Lust, in der Heimat etwas zu bewegen

Bloggerin macht sich Gedanken über Frankenberg

Es geht um nicht weniger als die Zukunft von Frankenberg. Doch eine junge Frankenbergerin moniert, dass ausgerechnet die, denen die Zukunft gehört, nicht gefragt werden. Archivfoto: Raatz

Frankenberg - Sie ist jung, sie mag Frankenberg, und sie macht sich Gedanken: über sich, über Gott und die Welt, oft über Heimatgefühle oder Fernweh. Und ihre Ansichten tut sie kund: im Internet auf ihrer Seite www.patsyjones.de. Und eben dort hat Franziska Seibel diese Woche eine Debatte über Frankenberg und die Zukunft losgetreten - und prompt viel Zuspruch erfahren.

Der demografische Wandel ist die Herausforderung dieser Zeit: Die Gesellschaft wird immer älter, die Jugend zieht es vom Land in die Stadt. Die Folgen sind gravierend: Der von der Wirtschaft beklagte zunehmende Fachkräftemangel ist nur eines von etlichen Problemen, die es zu lösen gilt. Ob auf Bundes-, Landes-, Kommunalebene, auch die Politik ist bemüht, Auswege aus diesem Dilemma zu erarbeiten. Ob Dorferneuerung in Geismar und Dörnholzhausen, das Modellprojekt „Familienstadt mit Zukunft“ oder der von Bürgermeister Rüdiger Heß forcierte Leitbildprozess, verschiedenste Anstrengungen werden von der Stadt unternommen, dass Frankenberg auch in 10, 20 oder 30 Jahren noch eine attraktive Heimat ist.

Über exakt diese bedeutenden Themen macht sich auch Franziska Seibel, Jahrgang 1985, Gedanken - und dies sogar öffentlicht, nur werden ihre Standpunkte von der breiten Öffentlichkeit bislang nicht wahrgenommen. Denn sie schreibt ihre Ansichten unter dem Namen Patsy Jones in einem Internet-Blog nieder. Doch zumindest bei Gleichaltrigen hat sie mit einem Eintrag am Dienstag für Gesprächsstoff gesorgt. Ihre ziemlich direkten, und deshalb meist auch undiplomatischen Ausführungen über Frankenberg sind im ein oder anderen Punkt mindestens diskussionswürdig. Doch zumindest die ersten Reaktionen lassen darauf schließen, dass sie im Grundsatz das Stimmungsbild derer wiedergibt, denen die Zukunft Frankenbergs gehört.

„Ich bin kein Großstadtmensch“, schreibt Franziska Seibel in ihrem Internet-Tagebuch. Für die Erkenntnis will sie sich nicht schämen. „Ich verstehe durchaus, dass es Menschen gibt, die ihre Awesomeness (ganz frei übersetzt Großartigkeit) zum größten Teil von Einwohnerzahlen und Freizeitaktivitäten abhängig machen.“ Sie kann durchaus nachvollziehen, dass es wichtige Lebenserfahrungen sein können, „wenn man einmal im Leben für eine Weile in einer Großstadt wie Berlin, Hamburg, London oder New York gelebt und/oder gearbeitet hat.“

Doch ihr Lebensmittelpunkt ist momentan Frankenberg. „Ich bekomme Heimweh, wenn ich länger als drei Tage lang an Orten unterwegs bin, wo viele Menschen, viel Bewegung, viel Hektik um mich herum ist. Ich fahre viel zu gern Auto und bekomme ein beklemmendes Gefühl beim U-Bahn-Fahren.“ Gerne hätte sie eine Dach­terrasse, auf der sie sitzen und auf ein Lichtermeer hinunterschauen könnte. „Aber ich will nicht 14 Stunden am Tag dafür arbeiten.“ Sie will auch mal sagen dürfen, „dass ich das nicht will. Ohne dass mich irgendwelche Leute anstarren mit diesem ,Oh wie bitter, du willst also keine Karriere und keinen Erfolg’-Mitleidsblick. Ich will zufrieden sein mit dem, was ich hab und mit dem, was ich nach und nach erreichen kann.“

Für sie steht nun mal fest: „Ich will erst mal hierbleiben, in dieser kleinen Stadt in Nordhessen, die sich damit rühmt, eine ,Einkaufsstadt‘ und eine ,Familienstadt mit Zukunft‘ zu sein.“

Doch gerade mit diesen beiden Beschreibungen hat die 27-Jährige so ihre Probleme: „Frankenberg ist keine Einkaufsstadt, denn eine Einkaufsstadt zeichnet aus, dass man dort einkaufen kann, wirklich gut einkaufen kann, besser als in umliegenden Städten und Gemeinden, was in Frankenberg jedoch nicht der Fall ist, ergo verdient es die Bezeichnung Einkaufsstadt nicht.“

Und Frankenberg ist ihrer Meinung nach auch keine „Familienstadt mit Zukunft“, sondern eher eine „Familienstadt ohne Zukunft“. Denn den Leuten, die gerne hier leben und auch die Zukunft ihrer Kinder hier sehen, müsste mehr geboten werden. Das Traurige sei nicht, „dass in Frankenberg an den meisten Tagen im Jahr überhaupt nichts los ist. Das Traurige ist, dass man hier so tut, als wäre es nicht so. Auf der Homepage der Stadt ist zum Beispiel folgender Satz zu lesen: ,Livemusik und Unterhaltung bis in die frühen Morgenstunden können Sie in unseren zahlreichen Bars und Kneipen erleben.’“ Doch Frankenberg verfüge keineswegs über zahlreiche Bars und Kneipen. „Hier haben innerhalb von wenigen Jahren mehrere Kneipen dichtgemacht.“

Die ausbleibenden Gäste für diese Entwicklung zu beschuldigen, wäre eine zu kurz gesprungene Argumentation. „Man kann die beschuldigen, die uns etwas anbieten sollten, diesem Auftrag aber leider nicht nachkommen, weil sie denken, die Zeit bleibt stehen.“ Auch wenn „das Rädchen der Zeit“ sich in Frankenberg zugegebenermaßen tatsächlich etwas langsamer dreht, wünscht sich Franziska Seibel doch etwas mehr Kreativität: „In Frankenberg ist man schon stolz, wenn man eine ,italienische Woche‘ veranstaltet und auf die pfiffige Idee kommt, die Fußgängerzone mit rot-weiß-grünen Fähnchen zu dekorieren.“

An Ideen fehle es auch an anderer Stelle: „Ein paar Kilometer vor Frankenberg dümpelt so ein großartiges Dampfmaschinenmuseum vor sich hin und niemand hält es für nötig, sich zumindest mal gedanklich näher mit der Möglichkeit zu beschäftigen, dieses Gelände regelmäßiger und öfter und vielfältiger zu nutzen.“

Ideen hätte sie durchaus, schreibt Franziska Seibel. Ihr Problem: „Hat man hier Lust, etwas zu verändern oder auf die Beine zu stellen, hat man Probleme, Menschen gleichen Alters und ähnlicher Gesinnung zu finden, die ebenfalls etwas verändern wollen.“

Sie könne sich vorstellen, Mitglied im Kulturring zu werden. „Ich überlege mir das zweimal, weil ich eigentlich nicht nur auf Leute treffen will, die zwanzig Jahre älter sind als ich. Könnte ich jüngere dazu bewegen, mit mir Mitglied zu werden, damit ich mir nicht blöd vorkommen muss? Ich glaube nicht. Die meisten sind nämlich irgendwie gleichgültig und fahren lieber in die nächstgrößere Stadt, das ist bequemer, als sich ab und zu mal zu fragen, wie man mit kleinen Schritten das Leben in der eigenen Stadt für sich schöner gestalten könnte.“

Das Ergebnis ist ihrer Ansicht nach ein Teufelskreis. Für 20- bis 40-Jährige werde es so lange keine attraktiven Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung geben, „solange man das Problem nicht genau mit den Leuten anpackt, die es betrifft“. In ihrem Blog führt sie ein Open-Air-Kino als Beispiel an. Und sie hat noch weitere: „Was ist mit einem kleinen Festival? Einem Stadtfest, bei dem alle mitmachen. Das nicht nur von irgendeinem Verein organisiert wird, der ohnehin nicht repräsentativ ist und längst nicht die Interessen aller umsetzt. Warum liegt Frankenberg an der Eder, aber ich habe nicht die Möglichkeit, mich im Sommer in ein Café zu setzen und auf den Fluss zu schauen und dabei einen Milchshake für 4,20 Euro zu trinken?“

Die mögliche Antwort der Politik, dass gerade daran aktuell gearbeitet werde, will sie nicht gelten lassen. „Bitte versucht doch Leute in eure Planung einzubeziehen, die nicht in den nächsten zwölf Jahren sterben werden oder ganz viel Geld haben oder todlangweilige, weltfremde Ansichten, die zu viel Geld kosten und gar nicht hierher passen. Fragt doch mal normale Leute, was sie davon halten. Haltet doch mal eine Bürgerversammlung für parteilose Leute mittleren Alters ab, hört euch doch mal die Stimmen aller an und nicht immer nur die Stimmen derjenigen, die unfähig sind, Verantwortung abzugeben.Ihren Eintrag schließt sie mit einem Appell: „Wir leben alle in dieser Stadt, also haben wir auch alle die Verantwortung. Ich will was bewegen, ich will nur nicht alleine sein damit. Und ich will, dass sich das wenigstens ein bisschen lohnt.“

Von Rouven Raatz

Hat Franziska Seibel recht mit dem, was sie schreibt? Kommentare zu diesem Beitrag sind auf der Internetseite www.wlz-fz.de erwünscht.

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