Aus der Geschichte der Frankenberger Garnison: der Verband für Elektronische Kampfführung in Afghanistan

Im blutigen Kampf, um den Frieden zu sichern

Fuchs-Panzer der Frankenberger Kompanie im „Camp Warehouse“ am Rande Kabuls.

Frankenberg - Seit 2002 sichern die Frankenberger die Bemühungen um den Wiederaufbau des Bürgerkriegslandes.

Den Ruf des Muezzins von den Minaretten der Moscheen kennen die Soldaten aus der Burgwald-Kaserne schon von ihren Einsätzen in Bosnien-Herzegowina. Doch mit den Zuständen in dem reizvollen Balkanländchen ist Afghanistan nicht vergleichbar: Die internationale Friedenstruppe ISAF steht dort in einem blutigen Kampf gegen fanatische Islamisten. Das hat das Regiment bitter erfahren.

Nur vordergründig geht es den „Wissen Suchenden“, arabisch Taliban, um „die ausländischen Besatzer“. Im Grunde wollen sie dem Volk nicht die im Westen selbstverständlichen Freiheiten zubilligen. Sie wollen ihren engstirnigen, rückwärtsgewandten Glauben brutal durchsetzen - einen rigiden Islam, der den durchaus religiösen Afghanen eigentlich fremd ist.

Viele Afghanen hatten gehofft, die ungebildeten und mit Hass auf Frauen und auf alle Andersgläubigen erfüllten Taliban endlich los zu sein. Viele freuten sich über deren Sturz 2001/02 - siehe den Kasten. Sie hofften nach 30 Jahren Bürgerkrieg auf eine friedliche Zukunft und auf bescheidenen Wohlstand...

Der internationale Kampf gegen die Taliban beginnt nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in den USA. Schon im Dezember befreien Krieger der afghanischen Nordallianz mit amerikanischen Spezialeinheiten die Hauptstadt Kabul, erstmals seit Jahren trauen sich Frauen wieder ohne den stickigen Vollschleier Burka auf die Straße. Die UNO beschließt am 20. Dezember die Aufstellung der ISAF - die Truppe soll die Sicherheit in der Hauptstadt garantieren, bis wieder genügend afghanische Polizisten und Soldaten ausgebildet sind.

Der Westen ist euphorisch und will einen modernen demokratischen Staat aufbauen. Gerade die rot-grüne Bundesregierung von Gerhard Schröder engagiert sich - nachdem sie US-Präsident Bush im umstrittenen Irak-Krieg die Gefolgschaft verweigert hat. Und die Deutschen sind beliebt, zu Zeiten der Monarchie haben sie Afghanistan voran gebracht.

Insofern bestehen gute Ausgangsbedingungen, als beim Frankenberger Fernmelderegiment der Marschbefehl eintrifft. Schon Mitte November 2001 zeichnet sich der Einsatz für die Fachleute ab. Aus dem schon aufgestellten SFOR-Kontingent für Bosnien werden 28 Soldaten ausgewählt, die der ISAF unterstellt werden sollen. Schnell muss die Technik für eine Aufklärungszentrale zusammengebaut werden. Die Soldaten sammeln Informationen über ihr neues Einsatzland.

Am 17. Januar 2002 starten die ersten drei Fernmelder von Köln-Wahn aus mit einem Aufklärungsgerät, am 7. Februar folgt ein starkes Vorauskommando unter dem Kommando von Hauptmann Meik Kotthoff - heute als Oberstleutnant der stellvertretende Kommandeur. Das Kontingent ist am Ostrand Kabuls im ehemaligen Betriebshof der Stadt untergebracht, „Camp Warehouse“ genannt. Es befindet sich noch im Ausbau, zunächst fehlen Zelte, die Wege verwandeln sich im regnerischen afghanischen Winter in Schlammpfade.

Die Soldaten dürfen in Schutzweste in die Stadt gehen. Sie sind überrascht vom Ausmaß der Kriegsschäden, ganze Viertel liegen seit Jahren in Trümmern, die Infrastruktur ist weitgehend zerstört. Und dann die Armut, die bosnische oder kossovoarische Verhältnisse übertrifft: Menschen ohne Schuhe, in Lumpen gehüllt. Bauern mit Eselskarren. Die elenden Auslagen in den Geschäften. Die einfachen Lehmhütten ohne Strom und fließend Wasser. Die Taliban haben das Volk in einem mittelalterlich anmutenden Elend vegetieren lassen.

Die Bevölkerung zeigt sich erfreut über die Helfer aus dem Ausland: „Freundlich und neugierig wurde man überall begrüßt“, erinnert sich Kotthoff. „Durch den Übersetzer kam man sogar ins Gespräch mit Passanten.“ Und der Aufbau geht zaghaft, aber sichtbar voran: Schnell öffnen Geschäfte mit Unterhaltungselektronik, Musik-CDs und westliche Videofilme - für die gnadenlosen Taliban eine schwere „Sünde“ mit tödlichen Konsequenzen.

Die Extremisten sind nicht alle geflohen, manche sind nur untergetaucht. Nach dem ersten Schrecken über die Überlegenheit der internationalen Truppen formieren sie sich neu. Schon im April schlagen die ersten Raketen im „Camp Warehous“ ein. Die Bedrohungslage spitzt sich seitdem kontinuierlich zu. Die ISAF-Soldaten befestigen ihr Lager mit Sandsäcken und Stacheldraht.

Schutz der ISAF-Truppen

Wieder ist es die Aufgabe der Frankenberger, zum Schutz der internationalen Truppe beizutragen und der Führung Fakten für die Lagebeurteilung zu liefern: Sie stellen die ISAF-Aufklärungskompanie, zu der aber noch andere Einheiten unter Kotthoffs Kommando gehören.

Da das von Siemens in den 1970er Jahren aufgebaute Telefonnetz weitgehend zerstört ist, benutzen auch die Taliban Funktelefone - leichte Beute für die Fachleute für Elektronische Kampfführung. Problematisch im Vielvölkerstaat Afghanistan ist jedoch die Übersetzung. Gerade für das im Süden bis nach Kabul verbreitete Paschtu muss die Einheit schnell Dolmetscher finden. Ein Peil-Trupp ist fast täglich im Umland der Stadt unterwegs, um Standorte der Extremisten ausfindig zu machen. An den Geräten arbeiten die Soldaten wieder im Schichtdienst.

Für die Verwandten der Soldaten wird am 1. Mai 2002 ein Familienbetreuungszentrum in der Kaserne eingerichtet. Es leistet wertvolle Hilfe, als am 7. Juni 2003 der schwärzeste Tag in der damals 41-jährigen Geschichte des Verbandes anbricht.

Die Frankenberger haben im Festzelt auf der Wehrweide gerade den Pfingstgottesdienst gefeiert, als sich die Nachricht verbreitet: „Ein Anschlag in Kabul auf unsere Fernmelder aus der Burgwald-Kaserne! Es gibt Tote.“

Auf dem Weg nach Hause

Die 33 Soldaten des dritten Kontingents sind im Bus auf dem Weg von „Camp Warehouse“ zum internationalen Flughafen. Es soll nach Hause gehen. Auf der staubigen Straße drängt sich ein Taxi am Konvoi der Bundeswehr vorbei. Auf Höhe des Busses zündet der Fahrer seine Bombe. Vier Soldaten sterben, die anderen werden verletzt. Zum Teil schwer. Viele der Überlebenden sind traumatisiert. Sie leiden bis heute unter den Folgen des Anschlags.

Die Anteilnahme der Bevölkerung ist riesig, einige Soldaten stammen aus dem Kreis. Beim ökumenischen Trauergottesdienst für die vier getöteten Kameraden ist die Liebfrauenkirche mit 500 Besuchern gefüllt.

Dekan Rudolf Jockel erinnert in seiner Predigt an den Sinn des Einsatzes: Es gehe um die Sicherung des Friedens und um ein Leben in größtmöglicher Freiheit und Menschenwürde. Manchen Zivilisten wird erst da klar, welches tödliche Risiko die Soldaten tagtäglich eingehen im Dienst für ihr Land.

Und der Einsatz geht weiter. Er wird aufs ganze Land ausgedehnt

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