Getränkemarkt in der Frankenberger Altstadt wird regelmäßig zur Fußball-Fanarena

Bockwurst, Bier, Borussia

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Daniel Geier, René Krajnyak und Lukas Schäfer (v.l.) sorgen während der Übertragungen dafür, dass der Verkauf im Getränkemarkt weiterläuft. Zwischendurch gibt es Small Talk mit den Gästen.Fotos: Tobias Treude

Frankenberg - Samstagabend, 18 Uhr. In einer halben Stunde empfängt der FC Bayern München Borussia Dortmund in der Bundesliga. Etwa 30 Fans und Fußball-Interessierte zieht es in einen Getränkemarkt in der Frankenberger Altstadt. Zwischen Bierkisten und Schnapsregal wird mit Blick auf die Leinwand mitgefiebert und gefachsimpelt.

„Heinz, hinten ist schon zu. Du musst vorne raus.“ Es ist ein netter Hinweis von Karl-Heinz Baltz an seinen Kunden, der sich scheinbar noch nicht ganz mit der Situation abgefunden hat. Wahrscheinlich verlässt Heinz seit Jahren den Getränkemarkt in der Frankenberger Altstadt zum Hinterausgang. Das ist an diesem Tag aber nicht möglich. Vor der Tür ist bereits die Leinwand von der Decke heruntergelassen worden. Darauf zu sehen sind Pep Guardiola und Jürgen Klopp, die beide noch einige wenig aussagekräftige Phrasen in die Mikrofone geben.

Noch 30 Minuten bis zum Anstoß: Es ist Samstagabend und Fußball-Deutschland wartet im Wohnzimmer, den Kneipen der Republik oder in der Allianz-Arena auf den Anpfiff des Spitzenspiels zwischen Bayern München und Borussia Dortmund. Gut 30 Männer und Frauen haben sich für das Duell eine eher ungewöhnliche Lokalität ausgesucht. Sie verfolgen das Spiel im Getränkemarkt von Karl-Heinz Baltz.

Von der Südtribüne in den Getränkemarkt

Vor gut zwei Jahren hat der 60-jährige Inhaber eines Supermarkts sein Angebot neben Lebensmitteln und Getränken um Fußball-Übertragungen erweitert. Entstanden ist das alles als Service-Idee. „Wir haben viele, die bei uns auf Fußball-Spiele tippen. Da hatten wir die Idee, unseren Kunden die Begegnungen zu zeigen“, erklärt Baltz. Anfangs gab es nur einen Fernseher über dem Zeitschriftenregal. Weil das Angebot auf Zuspruch stieß, wurde später eine Leinwand mit Beamer angebracht. Baltz‘ Sohn Sven übernimmt die Organisation.

Noch 13 Minuten bis zum Anstoß: Der Getränkemarkt füllt sich. Die weißen Klapp-stühle im Gang sind schnell besetzt. Borussen sitzen neben Bayern. Väter sind mit ihren Söhnen gekommen. Lukas Schäfer steht hinter der Kasse und wirft einen Blick auf die Aufstellung. Auf dem Rücken seines Dortmund-Trikots prangt die Nummer zwölf mit dem Namen Schäfer darüber. „Der verlässt wenigstens nicht den Verein“, sagt er mit einem Schmunzeln und der bösen Vorahnung, dass es nach Mario Götze und Robert Lewandowski auch Marco Reus in Richtung bayrische Landeshauptstadt ziehen wird.

Der einzige Trost: Es gibt keine verbalen Seitenhiebe

Die 20-jährigen Lukas Schäfer und Daniel Geier sowie der 27 Jahre alte René Krajnyak haben Dienst. Geier und Schäfer standen vergangene Woche noch auf der Südtribüne im Westfalenstadion, jetzt unterstützen sie ihren Verein von der Kassentheke aus. Sie verkaufen Getränke an die Besucher, die diese sich aus dem Sortiment des Marktes nehmen können. Sie bedienen aber auch während des ganzen Spiels die Kunden, die kein Interesse an Fußball haben - die einfach nur einkaufen wollen. Dabei hat das Trio immer ein Auge auf das Geschehen auf dem Platz und eins auf jenes im Laden. Denn wenn es unübersichtlich wird, könne das manchen zum Diebstahl anregen.

16. Minute: Dortmunds Torwart Roman Weidenfeller schießt seinen eigenen Mitspieler um. Ein mitfühlendes Raunen geht durch den Raum. Krajnyak scherzt derweil mit den Kunden. Es geht um die Schiedsrichter-Leistung am Nachmittag, die Kommentatoren-Künste Frank Buschmanns oder das Duell an der Playstation am Abend. Beste Laune am Arbeitsplatz. „Bei Übertragungen unter der Woche bin ich zwar spät zu Hause, aber es fühlt sich nicht wie arbeiten an. Wir haben hier eine schöne Atmosphäre geschaffen“, sagt der Eintracht-Frankfurt-Fan. Er hat seine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann im Markt von Karl-Heinz Baltz gemacht. Seit mehr als sechs Jahren arbeitet er nun dort. Dass seine Eintracht am Nachmittag verloren hat, spielt abends schon keine Rolle mehr: „Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.“

31. Minute: Dortmund geht in Führung. Jürgen Klopp scheint fast zu explodieren. Im Getränkemarkt rufen einige Fans verhalten „Ja“, andere klatschen kurz. Genau diese eher ruhige Atmosphäre macht für Baltz die Besonderheit aus. Noch nie habe es Streit bei den Übertragungen gegeben. Die Anhänger unterschiedlicher Mannschaften und jeden Alters kommen in den Markt, um gemeinsam und ohne große Aufregung Fußball zu schauen.

Halbzeit: Während einige Fans draußen rauchen oder eine Bockwurst essen, steht der Geschäftsinhaber am Kicker-Tisch. Ein Pärchen kommt in den Laden und kauft Energy-Drinks. Die vielen Gäste und das Spiel finden keine Beachtung, für einige Stammkunden gehören die Übertragungen zur Normalität. Gestört habe sich daran noch niemand, so Baltz.

72. Minute: Ausgleich für die Bayern. Drei junge Männer trinken Apfelwein aus Dosen, sie unterhalten sich über das vergangene Wochenende. Das Spiel ist für sie Nebensache.

85. Minute: Der FCB geht in Führung. Ein Bayern-Fan entschuldigt sich fast dafür. Der Elfmeter sei schließlich unberechtigt gewesen. Das hilft den Anhängern in Schwarz-Gelb nicht weiter. Am Ende des Spieltags steht ihr Verein auf einem Abstiegsplatz. Der einzige Trost: Sie müssen sich im Getränkemarkt nicht einen verbalen Seitenhieb der Münchner anhören.

Abpfiff: Kurz nach Ende des Spiels schließt Karl-Heinz Baltz den Getränkemarkt. Als Konkurrenz zu den umliegenden Kneipen sieht er sich nicht. Am Montag öffnet er wieder zu den üblichen Geschäftszeiten. Dann kann Heinz auch wieder durch den Hinterausgang rausgehen. (tt)

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