Olympische Disziplinen

Bogenschießen wird immer beliebter

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Burgwald - Bei den Olympischen Spielen kämpfen am Donnrestag die Damen im Bogenschießen um die Medaille. Elena Richter ist für Deutschland angereist - und verpasste den Einzug in die heutigen Finalkämpfe knapp. Bei den Wettkämpfen zählt Bogenschießen nicht zum Publikumsmagnet. Im Frankenberger Land wird es immer beliebter.

Auf dem Burgwalder Sportplatz herrscht absolute Ruhe. Sonja Patzer hat ihren Bogen aufgenommen, legt einen Pfeil auf und spannt die Sehne. Einige Sekunden konzentriert sie sich, richtet den aufgerichteten Oberkörper auf die Mitte der Zielscheibe aus und lässt die Sehne los. Dann ist nur der Pfeil zu hören, der durch die Luft sirrt und schließlich in seinem Ziel einschlägt - und Vogelgezwitscher.

„Ich mag es, beim Bogenschießen in der freien Natur zu sein“, erzählt Sonja Patzer. „Man bekommt eine ganz andere Naturverbundenheit als bei anderen Sportarten im Freien.“ Es gehe darum, still zu sein, sich zu konzentrieren, die innere Mitte zu finden. „Dabei hört man hier nur die Vögelchen singen.“

Die 62-Jährige steht im Sonnenschein auf einem von Bäumen umstanden Rasenplatz. Vor ihr - in 40 Meter Entfernung - nur die Zielscheibe. Hinter ihr weitere Bogenschützen, die zum Training gekommen sind. Mucksmäuschenstill. „Das Besondere am Bogenschießen ist das disziplinierte und faire Verhalten der Sportler“, sagt Patzer. Sobald jemand schießt, herrsche Ruhe, es sirren nur noch Pfeile.

Auch die aufrechte Haltung, die das Bogenschießen gibt und die Stärkung der Schulter- und Rückenmuskulatur schätzt Sonja Patzer an ihrem Hobby. Dabei sei aber auch der Wettkampfgeist nicht zu verschweigen: „Der gehört natürlich dazu. Ich will das Ziel treffen und mich ständig verbessern“. In diesem Jahr war die Schützin des Burgwalder Bogensportclubs bei den Landesmeisterschaften vertreten. Zuvor richtete der Bogensportclub bereits Kreis- und Gaumeisterschaften auf dem Vereinsgelände in Burgwald aus.

Sonja Patzer schießt mit einem Blankbogen - das bedeutet sie zielt völlig ohne spezielle, am Bogen befestigte Zielvorrichtung. Deswegen schießt sie auf eine Distanz von 40 Metern - im Gegensatz zu den Sportlern in London: Die deutsche Elena Richter aus Berlin schießt aus 70 Metern Distanz. Dafür hat sie aber einen Recurve-Bogen mit Zielvorrichtung. Ganz so wie die Olympioniken schießt die Burgwalder Schützin nicht gerne: „Früher habe ich auch mit Zielvorrichtung geschossen. Aber ohne macht es mir mehr Spaß - es kommt der natürlichen Art des Bogenschießens näher“, sagt die 62-Jährige.

Sechs Pfeile trägt Sonja Patzer griffbereit in einer umgehängten Tasche. Sechs Mal schießt sie ihre Tasche leer. Dann gibt es eine kurze Pause, bevor sie nochmal 36 Pfeile durch die Luft sirren lässt. Das sind die klassischen Wettkampfbedingungen: Jeder Schütze gibt seinen Schuss bei Meisterschaften insgesamt 72 Mal ab. „Da weiß man hinterher schon, was man getan hat“, sagt die Burgwalderin mit einem Lachen. Gerade zu Beginn ihrer Bogenschützen-Karriere habe sie das gemerkt: „Eine halbe Woche Muskelkater in den Armen ist da schon normal.“ Denn ganz so einfach ist die Sehne des Bogens nicht zu spannen. Neben Muskelkater gab es aber auch schon die ein oder andere Blessur am Arm: „Einen blauen Fleck hatte da jeder schon mal.“ Daher tragen die Bogenschützen immer einen Schutz am Arm - damit die Sehne nicht aus Versehen an der Haut entlang schnellt.

Den Burgwalder Bogensportclub gibt es seit 11 Jahren. Mitgegründet wurde er von Sonja Patzer und ihrem Mann Gerhard. Beide sind noch heute im Vorstand vertreten. Doch zum Bogenschießen kamen sie schon vorher: „Etwa 20 Jahre machen wir das schon“, erzählt die 62-Jährige. Über ihren Mann sei sie dazu gekommen - der war im Schützenverein und hatte plötzlich mit einigen Vereinskameraden die Lust am Bogenschießen entdeckt. Neben dem Training der eigenen Fähigkeiten ist das Paar, gemeinsam mit Karl-Heinz Cronau, mittlerweile stark in die Jugendarbeit eingebunden. Unter den 40 aktiven Schützen seien derzeit acht Jugendliche. „Ein guter Schnitt. Und sie sind unsere Zukunft.“ Eine sehr hoffnungsvolle Zukunft, wie die Ausbilder finden. Moritz Groß gehört zu dem vielversprechenden Nachwuchs. Er ist seit etwa acht Monaten dabei - jetzt schiesst er beim Training 49 von 60 möglichen Punkten. Der 13-Jährige kam über eine Aktion bei einem Kindergeburtstag zum Verein.

Durch einen Schnuppertag kam Katharina Waldinger ebenfalls zu den Bogenschützen. Sie trainiert gerade das vierte Mal in ihrem jungen Leben - und schießt 47 Punkte. Ihre Ausbilder sind von dem Ergebnis sichtlich begeistert: „Für Anfänger ist das ein Wahnsinns-Ergebnis“, urteilt Patzer. Auch die 13-jährige Schützin selbst ist glücklich über das Ergebnis: „Es ist schon cool, wenn man so etwas schafft.“ Sie habe sich schon lange für den Bogensport interessiert - der Schnuppertag habe sie dann mit dem Verein zusammengebracht. Aber nicht nur der Spaß an der Sportart ist es, der sie fasziniert. Sie hat auch Ehrgeiz.

„Die beiden sind echte Talente“, sagt Cronau. „Jetzt ist es eine Sache der Ausdauer und des Trainingsfleißes. Vielleicht machen sie dann auch mal bei den Olympischen Spielen mit“, fügt er mit einem Augenzwinkern hinzu.

Die Burgwalder Schützen fiebern heute mit, wenn Elena Richter an den Start geht und ihre Pfeile abschießt. Der Bogensport ist im Kommen, die Mitgliederzahl steigt langsam aber stetig. Laut Cronau gebe es derzeit vier Vereine im Landkreis, die bei Wettkämpfen schießen; zwei weitere Vereine seien gerade im Aufbau. „Das Bogenschießen ist eine der ältesten Sportarten. Die Ägypter hatten schon Bogenschützen, ebenso wie das antike Griechenland.“ Auch bei den Olympischen Spielen sei diese Sportart schon vor mehr als 100 Jahren vertreten gewesen. Richtig populär sei sie aber nicht. „Ein Olympia-Sieg würde dieser Sportart noch mehr Aufwind geben“, ist sich Cronau sicher.

In der heutigen Form ist das Einzel-Bogenschießen seit 1972 Teil der Olympischen Spiele. Der Teamwettbewerb folgte 1988. Ein Team stellt Deutschland in diesem Jahr jedoch nicht und einen deutschen Einzel-Medaillensieger gab es bisher ebenfalls nicht - in den vergangenen Jahrzehnten hatten die südkoreanischen Frauen und die amerikanischen Männer die Nase vorn. Das Einzelschießen der Damen beginnt heute um 10 Uhr mit dem Achtelfinale, das Finale steht für 16.37 Uhr auf dem Zeitplan. Das Achtelfinale verpasste Elena Richter knapp: Sie verlor mit einem Punkt Rückstand auf Tan Ya-Ting aus Taiwan. Dafür vertritt die Europameisterin von 2007 Deutschland in zwei Wochen bei den Weltmeisterschaften im Feldbogen.

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