Carmen Kirchhain porträtiert Menschen, die Tracht tragen

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Für Ausstellungen gerahmt: Carmen Kirchhain, Fotografin und Mediendesignerin aus Frohnhausen, mit zwei ihrer Fotos aus dem Projekt "Offgesetz & Bortefirwes Hessische Volkstrachten in der Gegenwart".

Frohnhausen. Carmen Kirchhain hat nie selbst Tracht getragen, sie ist aber damit groß geworden. "Meine Uroma hat bis zu ihrem Tod die schwarze evangelische Marburger Tracht getragen, und meine Oma Katharina war im Gegensatz dazu stolz, dass sie als erste Frau in Frohnhausen in Weiß geheiratet hat", erzählt die 34-Jährige.

Im Mediendesign-Studium hat sie sich theoretisch mit Kleidungskultur und in der Praxis mit Modefotografie auseinandergesetzt. "Da habe ich gemerkt, dass viele Menschen in Volkstracht gekleidete Frauen gar nicht kennen, die für mich immer selbstverständlich waren."

So entstand die Idee für ihre Diplomarbeit: Ein Fotobuch mit Porträts über Hessische Volkstrachten in der Gegenwart. Der Titel "Offgesetz und Bortefirwes" steht für zwei Begriffe aus hessischen Dialekten: Brautkrone und Frauenschuhe. "Eigentlich muss man jemanden von Kopf bis Fuß anschauen, um zu wissen, wer die Person ist", erklärt Carmen Kirchhain.

"Du bist, was du trägst. Nur kann man in der heutigen Zeit den Kleidungscode der Volkstrachten entschlüsseln und welche Person trägt heute noch Tracht?", fragt die Fotodesignerin. Sie will den Betrachter mit ihren Bildern zum Nachdenken anregen. "Ich will einen Anreiz schaffen, sich mit Tradition, Kleidung und Kultur auseinanderzusetzen."

Die Trachtenträger hat sie größtenteils über die hessische Volkskunstgilde gefunden. "Alle fanden toll, dass sich jemand mit dem Thema identifiziert und sich künstlerisch damit auseinandersetzen will." Für die Fotos hatte sie zum Teil aber ganz andere Vorstellungen als die Porträtierten. Angela Paulus, die gebürtig aus Laisa kommt, fotografierte sie in Trauertracht auf einer Gartenbank-Schaukel, Elisabeth Wagner aus Wollmar auf dem Wohnzimmersofa, einen Schüler aus Schlitz an seinem Computer, eine junge Schweinsbergerin in Kirmestracht auf ihrem Bett mit einem Kissen des Fußballvereins FC Schalke.

"Ich wollte zeigen: Welche Persönlichkeit steckt hinter der Tracht. Gibt das persönliche Umfeld Aufschlüsse zur wahren Identität", erklärt Kirchhain. Und sie hat festgestellt: "Sie identifizieren sich sehr stark damit." Ein Paar hat sogar in Tracht geheiratet, eine Trachtenträgerin möchte in ihrer Sonntagstracht beerdigt werden. "Bilder brauchen immer auch einen Text, eine Geschichte", sagt Kirchhain.

Mehr über die Arbeit von Carmen Kirchhain lesen Sie in der gedruckten Samstagsausgabe der HNA Frankenberger Allgemeine.

Von Jörg Paulus

Quelle: HNA

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