Mazar-e Sharif / Frankenberg

Christbaum leuchtet am Hindukusch

- Mazar-e Sharif / Frankenberg (gro). Selbstgebackene Plätzchen und ein Christbaum in ihrem Betreuungszelt. So feiern die Soldaten des Frankenberger Bataillons für Elektronische Kampfführung 932 das Weihnachtsfest in Afghanistan.

Behutsam nimmt Michael S. die roten, goldenen und silbernen Glaskugeln aus den Kartons und hängt sie an den Christbaum für seine Kameraden und sich. Der aus Deutschland eingeflogene Nadelbaum steht im Betreuungszeit, das Platz für etwa 60 Soldaten bietet. „Jetzt noch die Lichterkette, dann schmücken wir noch das Zelt“, sagt S. zu den drei Kameraden, die ihm helfen. Weihnachtsvorbereitungen am Hindukusch. Auch fern der Heimat und trotz ihres Dienstens an sieben Tagen die Woche wollen die Soldaten im Feldlager nahe der nordafghanischen Stadt Mazar-e Sharif die Geburt Jesu feiern. Hinter den Lagermauern erheben sich die schneebedeckten Gipfel des bis zu 2000 Meter hohen Marmal-Gebirges. Während sich in Deutschland nach der Frostperiode vom Wochenende die Temperaturen um den Gefrierpunkt einpendeln, erleben die Frankenberger Soldaten in ihrem Auslandseinsatz Tagestemperaturen von bis zu 20 Grad. Wenig weihnachtlich. Aber das Fest naht. Michael S. testet die Lichterkette. Er ist Kompaniefeldwebel des Kontinents aus der Burgwald-Kaserne. Die etwa 50 Frankenberger Soldaten werden verstärkt durch Kameraden aus ihren Schwesterbataillonen in Daun in der Eifel, aus Donauwörth, Flensburg und Nienburg. Seit Ende Oktober verrichten sie im Feldlager bei Mazar-e Sharif und in dem im Nordosten des Landes gelegenen Feyzabad ihren Dienst. Dieses Jahr können sie das Weihnachtsfest nicht mit ihren Familien begehen. Der Kompaniefeldwebel Michael S. gibt sich alle Mühe, um ein bisschen Weihnachtsstimmung in einem nicht eben weihnachtlichen Umfeld zu schaffen. Denn in dem Land herrscht seit mehr als 30 Jahren Bürgerkrieg. Doch zumindest in diesen Tagen wollen die Soldaten das hohe christliche Fest des Friedens feiern. „Wir haben zwei Weihnachtsbäume erhalten, die wir im Bereich der Kompanie aufstellen“, berichtet S. „Weihnachtsdekoration haben wir jede Menge bekommen“, fügt er hinzu. „Der Vater eines unserer Soldaten arbeitet bei einer Bank, wo ein Großteil des Schmucks erneuert wurde.“ Der Vater habe sich entschieden: „Bevor wir es gar nicht nutzen, schicke ich es lieber meinem Sohn.“ „Den Heilig Abend möchten wir Nachmittags mit einem gemeinsamen Kaffeetrinken beginnen“, erzählt der Spieß. „Ich möchte den Soldaten die Möglichkeit geben, den Abend zu genießen.“ Er hat deshalb mit dem Kompaniechef beschlossen, den Arbeitsauftrag etwas herunter zu fahren. „Die Plätzchen backen wir selbst, denn unser Nachschubdienstfeldwebel ist gelernter Konditor, berichtet er. Die Zutaten stammen aus dem Frankenberger Land von den Familien und Freunden der Soldaten sowie von der Kompanie. „Ab 17 Uhr möchte ich den Soldaten die Möglichkeit geben, sich etwas zurückzuziehen, sagt S. Die Soldaten sollen die Gelegenheit erhalten, ihren Familien oder Partnern am Telefon Weihnachtsgrüße zu übermitteln oder einfach nur etwas zur Ruhe zu kommen. „Ich will das ein bisschen offen lassen“, sagt er. „Anschließend machen wir ein gemeinsames Abendessen, für das die Küche ein weihnachtliches Menu zubereitet.“ Außerdem hat S. beschlossen: „Zur Bescherung werden wir wichteln. Ich möchte damit die weihnachtliche Stimmung etwas heben“, kommentiert er. Die Männer und Frauen des Kontingents erhalten ein Geschenk der Kompanie, und zu allen wird ein passender Spruch vorgelesen. Zum Abend hin sei dann auch ein Gläschen Glühwein erlaubt. Einer der Soldaten in Mazar-e Sharif kommt aus Korbach. Für ihn ist es bereits der dritte Einsatz in Afghanistan und gleichzeitig sein dritter Einsatz über Weihnachten. Die besinnliche Zeit würde auch er gern mit seiner Familie verbringen. Aber der Einsatz in den Wintermonaten biete auch einige Vorteile, sagt er. Zum einen sei die Sicherheitslage wetterbedingt ruhiger. Zum anderen gebe es in den vier Monaten des Einsatzes bestimmte Etappen, die die Zeit kürzer erscheinen ließen – erst die Vorweihnachtszeit, dann der Jahreswechsel, und nach den Feiertagen könne er sich schon auf das Ende des Einsatzes freuen, erzählt der Hauptfeldwebel. Ähnlich erlebe die Familie die Zeit seiner Abwesenheit im Winter: „Sie fahren über Weihnachten viel herum zu den Eltern und Freunden, und ich weiß, dass sie mit sich beschäftigt sind,“ sagt der Soldat. Das lenkt ab, die Trennung fällt weniger schwer. Der Korbacher kennt diese Erfahrung: Solange er in seinem „täglichen Trott“ sei, gehe es, aber „wenn die Ruhe kommt“ denke er schon öfter an zu Hause. „Ich hoffe, dass die Weihnachtsgeschenke pünktlich in Deutschland ankommen“, fügt er hinzu. Bis zum 7. Dezember hatten die Soldaten Zeit, ihre Pakete und Päckchen im Feldpostamt im „Camp Marmal“ abzugeben. Für bis zu diesem Tag abgegebene Pakete garantiert die Feldpost das pünktliche Eintreffen in der Heimat. Das Feldpostaufkommen habe in den vorigen Tagen enorm zugenommen, funktioniere aber sehr gut sagt der Kompaniefeldwebel. „Durchschnittlich braucht ein Paket oder Päckchen zwischen drei und sechs Tagen“, berichtet er. Auch die Soldaten bereiten sich aufs Fest vor. Sie leben im Lager zu zweit oder zu dritt in Wohncontainern. Auch dort kündigen Christbäume und die eine oder andere Lichterkette in einem Fenster die bevorstehenden Feiertage an. Die Dekoration im Lager und den Betreuungseinrichtungen sei „dezent, aber vorhanden“ sagt der Spieß. Auch übers Radio wird weihnachtliche Stimmung verbreitet – „Radio Andernach“ der Bundeswehr sendet aus einem Studio im Lager. Mit Weihnachtsliedern oder Grüßen der Familien und Freunde stimmt das Team die Kameraden aufs Fest ein. Die Familien schicken ihre Grüße telefonisch, per Post oder per E-Mail an die Radiomoderatoren im rheinländischen Andernach, die übermitteln sie weiter nach Afghanistan, wo die Sendungen zusammengestellt und ausgestrahlt werden. In der vierten Adventswoche gebe es noch einen kleinen Weihnachtsmarkt, berichtet der Kompaniefeldwebel. Die Stände werden dabei von den knapp zehn verschiedenen Einheiten im Camp besetzt. Die Frankenberger übernehmen das Waffelbacken. Der Erlös solle einer gemeinnützigen Organisation zu Gute kommen, berichtet S. Der katholische und der evangelische Militärpfarrer bieten über die Feiertage ökumenische Gottesdienste an. Am ersten Weihnachtsfeiertag führen Soldaten außerdem ein Krippenspiel auf. Doch nicht nur den Soldaten fehlen in dieser mit Gefühlen und Kindheitserinnerungen aufgeladenen Zeit ihre Familien, Freunde oder Bekannten. Auch die Angehörigen müssen das Fest ohne den Mann oder die Frau, den Vater oder die Mutter, den Sohn oder die Tochter, den Freund oder den Bekannten feiern. Wie bei jedem Kontingent bietet das Familienbetreuungszentrum in der Frankenberger Burgwaldkaserne ein Unterhaltungs- und Freizeitprogramm, um die Angehörigen zu informieren und um ihnen die Zeit des Einsatzes zu erleichtern. Kurz nachdem das Kontingent aufgebrochen war, bekamen sie vermittelt, wie der Einsatz und die Lebenssituation der Soldaten im Lager aussieht, außerdem bekamen sie einen Überblick über die Unterstützungsmöglichkeiten des Familienbetreuungszentrums. Erst kürzlich fand wieder eine Fahrt zum Dortmunder Weihnachtsmarkt statt. Und für Januar ist eine Video-Live-Schaltung nach Afghanistan geplant. Und dann blicken alle dem Tag entgegen, an dem die Soldaten Ende Februar hoffentlich unbeschadet wieder auf deutschem Boden landen und von ihren Angehörigen, Freunden und Kameraden in Empfang genommen werden.

Aus Sicherheitsgründen wird keiner der Soldaten mit vollem Namen genannt.

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