Gericht

Computersabotage ist nicht nachzuweisen

Frankenau/Frankenberg - Im Zweifel für den Angeklagten: Unter der Auflage, dass er 1000 Euro an den Förderverein der Wigand-Gerstenberg-Schule zahlt, wird ein Verfahren gegen einen IT-Fachmann eingestellt.

Sollte er der Zahlung in den nächsten sechs Monaten nicht nachkommen, muss der 31-jährige gebürtige Frankenauer mit einer Verurteilung rechnen. Denn Richterin Andrea Hülshorst sieht es nach der zweieinhalbstündigen Gerichtsverhandlung als erwiesen an, dass der Selbstständige einen Kunden aus Frankenau zumindest um 214,20 Euro betrogen hat. Und diesen Vorwurf räumte der Mann letztendlich auch ein - nachdem Gericht, Staatsanwaltschaft und Verteidigung in einem Sechs-Augen-Gespräch beraten hatten.

Zu dem Fall: Der IT-Fachmann betreute in den vergangenen Jahren die Computeranlage eines Frankenauer Gewerbetreibenden. Unter dem Vorwand, den Datensicherungs-PC warten zu müssen, holte der 31-Jährige Ende 2012 einen von drei Desktop-Rechnern ab - um ihn repariert wieder zurückzubringen. Er stellte für seine Arbeit 214,20 Euro in Rechnung.

Als es anhaltend Probleme mit dem E-Mail-Programm gab, beauftragte der Firmenchef einen anderen Bekannten mit der Überprüfung der Computeranlage. Der ehemalige Mitarbeiter einer Frankenberger IT-Firma schraubte schließlich den besagten Rechner auf und stellte fest, dass das Gehäuse nahezu leer war: weder eine Festplatte noch eine Grafikkarte befand sich in dem Rechner, der angeblich den Virenschutz, die E-Mails und die Datensicherung der anderen zwei Computer leistete. Der Frankenauer erstattete Strafanzeige gegen den 31-jährigen IT-Fachmann.

Dass der Computerfreak den Rechner seines Kunden tatsächlich sabotiert hat, konnte ihm die Staatsanwaltschaft gestern Vormittag nicht nachweisen. Auch die anderthalbstündige Befragung des Gewerbetreibenden und seines technisch versierten Bekannten brachte keine ausreichenden Beweise - trotz ins Detail gehender Befragungen zu E-Mail-Servern, Clients, Software-Lizenzen und Anbindungen der Anlage an „Datenwolken“. Allerdings machte der Gewerbetreibende auch keinen Hehl daraus, dass er von Computern keine Ahnung hat und sich in der Vergangenheit immer voll auf den IT-Fachmann verließ.

Das blinde Vertrauen sorgt bis heute für technische Probleme bei dem Frankenauer. Im Sommer hat der selbstständige Informatiker aus Frankenau seinen Wohnsitz nach Kirchhain verlegt. Geschäftsbeziehungen zu dem Frankenauer Kunden bestehen nicht mehr. Noch im Gerichtssaal bat der Gewerbetreibende deshalb den Angeklagten, ihm doch wenigsten die erforderlichen Passwörter zu nennen, damit er selber wieder uneingeschränkten Zugriff auf seine Computeranlage nehmen kann.

Blind vertraut hatte auch ein anderer Gewerbetreibender dem Computer-Spezialisten. Sie kennen sich seit 20 Jahren. Sein Sohn ist mit dem Angeklagten über Jahre eng befreundet gewesen. Vor mehreren Jahre hat der 31-Jährige dann die Betreuung der Computeranlage in dem Geschäft des Frankenauers in Frankenberg übernommen.

„Es hat mir schwer zugesetzt, wie mein Vertrauen missbraucht wurde“, sagte der Mann im Zeugenstand. Die Vorwürfe: Es habe Unregelmäßigkeiten bei der Abrechnung von Internet-Dienstleistungen gegeben und es wurde „Schnüffelsoftware“ auf seinem Rechner installiert.

Angeklagt war der 31-Jährige IT-Experte allerdings in einem anderen Punkt: Während der selbstständige Informatiker bei dem Vater seines ehemaligen Freundes Wartungsarbeiten am Rechner ausgeführt hat, soll er in unbeobachteten Momenten mindestens fünf Mal Geld aus einer unverschlossenen Tasche aus dem Schreibtisch in Werkstatt entwendet haben: insge-samt 2050 Euro.

Beweise für die Straftaten gibt es aber nicht - auch wenn sich der Geschäftsmann sicher ist. Denn es sei immer nur an Tagen Geld verschwunden, an denen der Computer-Experte auch im Geschäft gewesen ist. Und seitdem der Angeklagte nicht mehr für ihn arbeite, „hat auch nichts mehr gefehlt“. Ein gewerbsmäßiger Betrug lässt sich dem gebürtigen Frankenauer jedoch nicht nachweisen. Denn in allen Fällen besteht nach Auffassung von Richterin Hülshorst zumindest die theoretische Möglichkeit, dass auch jemand anderes als der Angeklagte das Geld entnommen haben kann: etwa Mitarbeiterinnen. Auch wenn der Geschädigte dies ausschließt.

Ein typischer Fall von „In dubio pro reo“, „Im Zweifel für den Angeklagten“.

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