Interview mit Vertreterin des Umweltbundesamts

Anwohner fordern Tempo 30 auf Bundesstraßen in Waldeck-Frankenberg. Was bringt das wirklich?

Protestaktion: Um auf ihre Belastung aufmerksam zu machen, hatten Ernsthäuser mit Traktoren und parkenden Autos am Straßenrand an einem Freitagnachmittag im September für zähflüssigen Verkehr auf der B 252 im Ort gesorgt.
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Protestaktion: Um auf ihre Belastung aufmerksam zu machen, hatten Ernsthäuser mit Traktoren und parkenden Autos am Straßenrand an einem Freitagnachmittag im September für zähflüssigen Verkehr auf der B 252 im Ort gesorgt.

Immer mehr Anwohner an Bundesstraßen in Waldeck-Frankenberg fordern, dass innerorts an diesen Straßen Tempo 30 eingeführt werden soll. Bringt das wirkliche ein Entlastung? Ja, sagt das Umweltbundesamt.

Waldeck-Frankenberg - Bringt Tempo 30 tatsächlich die Entlastung, die sich Anwohner an viel befahrenen Straßen davon versprechen? Das haben wir Petra Röthke-Habeck vom Umweltbundesamt, Fachgebiet Nachhaltige Mobilität in Stadt und Land, gefragt. Ihre Antwort ist ein eindeutiges Ja. Es werde leiser, sicherer, Schadstoffbelastungen nähmen ab. Und Akzeptanz-Probleme gebe es auch nicht.

Frau Röthke-Habeck, was kann Tempo 30 auf Bundesstraßen mit viel Lkw-Verkehr innerorts tatsächlich bringen? Fangen wir mal mit der Lärmbelastung an. Wird es dadurch leiser?

Es wird auf jeden Fall leiser im Vergleich zu Tempo 50. In Begleituntersuchungen für Tempo 30 an Hauptverkehrsstraßen wurde festgestellt, dass der Mittlungspegel für den Lärm durchschnittlich um ein bis vier Dezibel sinkt. Der Effekt ist genau so hoch, als wenn man die Hälfte des Verkehrs von der Straße nehmen würde.

Kritiker sagen, dass, wenn langsam gefahren wird, der Verkehr stocke und durch ständiges Anfahren mehr Lärm entstehe.

Durch Tempo 30 ergibt sich meistens eine verstetigte Fahrweise, so dass es dadurch sogar weniger Stop-and-go-Verkehr gibt. Wenn Tempo 30 angeordnet wird, werden normalerweise auch die Ampeln angepasst und auch damit wird ein stetiger Verkehr erreicht. Verstetigter Verkehr reduziert auch den Lärm. Die Maximalpegel, also die Lärmspitzen, werden verringert. Das spielt beim Schlaf in der Nacht eine besondere Rolle. Denn der Schlaf wird insbesondere durch kurze, sehr starke Lärmereignisse gestört.

Petra Röthke-Habeck, (56) studierte Landschaftsplanung an der TU Berlin. Nach wissenschaftlicher Tätigkeit im Fachgebiet „Umwelt und Verkehr“ des Umweltbundesamtes in Dessau, wo ihr Schwerpunkt bei Umweltaspekten der Bundesverkehrswegeplanung lag, ist die Ingenieurin seit 2019 im Fachgebiet „Nachhaltige Mobilität in Stadt und Land“ tätig und arbeitet an der kommunalen Verkehrsplanung und Förderung der aktiven Mobilität. 

Ein Problem wird wohl die Akzeptanz sein. Kritiker sagen beispielsweise, sie wollen nicht mit Tempo 30 die 1,8 Kilometer lange Ortsdurchfahrt durch Bottendorf kriechen.

Begleituntersuchungen haben ein anderes Ergebnis gezeigt: Je länger die Geschwindigkeitsreduzierung schon galt, desto mehr wurde sie befolgt.

Auch ohne ständige Geschwindigkeitsüberwachung?

Eine Überwachung durch Blitzautomaten verstärkt in den meisten Fällen die Durchsetzung, eine Wirkung kann damit schneller und zuverlässiger erzielt werden. Aber auch ohne Blitzer wird Tempo 30 mit der Zeit immer besser befolgt. Die Menschen gewöhnen sich offenbar an die reduzierte Höchstgeschwindigkeit. Auch Umgestaltungen der Nebenanlagen erhöhen die Akzeptanz. Anlagen zum Beispiel, die den Eindruck vermitteln, dass man in einen engeren Bereich hinfährt.

Ein Problem sind die Erschütterungen in den Häusern durch vorbeifahrende Lkw. Das müsste doch bei Tempo 30 besser werden?

Dadurch, dass die Fahrzeuge langsamer über den Asphalt rollen, und damit auch langsamer über Dellen und Erhebungen, nehmen auch die Erschütterungen ab. Gerade bei Lkw mit Aufbauten sinken sowohl Erschütterungen als auch Lärmbelastungen durch Spitzenpegel bei langsamerem Fahren wirkungsvoll.

Und wie sieht es in Sachen Abgas-Belastung aus?

Bei mehreren Begleitstudien wurde festgestellt, dass Tempo 30 insbesondere einen positiven Effekt hat auf die Minderung der Stickstoffdioxid- und der Feinstaub-Emissionen. Stickstoffdioxid kann Atemwegs- sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen verursachen. Feinstaub-Partikel können bis in die Lungenbläschen gelangen und dort Entzündungen verursachen. Es gibt Grenzwerte für diese Stoffe, die insbesondere an vielen Hauptverkehrsstraßen in großen Städten häufiger überschritten werden. Diese Probleme können durchaus effektiv mit Tempo 30 abgemildert werden.

Die Anwohner versprechen sich von Tempo 30 auch mehr Sicherheit und weniger Unfälle. Ist die Erwartung realistisch?

Das ist realistisch. Auch dazu gab es viele Begleituntersuchungen und es hat sich an den meisten Stellen gezeigt, dass sich sowohl die Zahl der Unfälle als auch die Schwere der Unfallfolgen deutlich verringern. Mit Tempo 30 wird auch die Querbarkeit der Straße verbessert. Weil die Fahrzeuge langsamer anrollen, können die Lücken zwischen den Fahrzeugen besser eingeschätzt werden. Das ist besonders für Kinder wichtig. Ihnen fällt das Abschätzen von Zeitlücken zwischen Fahrzeugen bei höheren Geschwindigkeiten schwer.

Die Genehmigung von Tempo 30 auf Hauptverkehrsstraßen ist ja nur in Ausnahmefällen möglich. Was könnte aus Sicht des Umweltbundesamtes dafür sprechen?

Für eine solche Genehmigung auf Hauptverkehrsstraßen muss unter anderem eine Gefahrenlage vorliegen. Sie kann auch dadurch gegeben sein, dass Luftschadstoffe die Grenzwerte überschreiten und somit die Gesundheit gefährdet wird. Von Martina Biedenbach

Weitere Informationen

Baden-Württemberg hat eine Übersichtskarte über Tempolimits von 20 bis 40 Stundenkilometer auf innerörtlichen Bundesstraßenabschnitten herausgegeben: vm.baden-wuerttemberg.de/de/politik-zukunft/verkehrssicherheit/tempolimits/

Das Umweltbundesamt hat Beispiele für Straßenumgestaltungen in der Broschüre „Straßen und Plätze neu denken“ veröffentlicht – verfügbar auf umweltbundesamt.de. In Rudersberg bei Stuttgart wurde zum Beispiel ein Abschnitt der innerörtlichen Landesstraße nach dem Prinzip „Shared Space“ umgestaltet. Dort gilt Tempo 30. Straßenleuchten wurden dicht an der Entwässerungsrinne platziert. Dies erweckt den Eindruck einer schmaleren Straße. Insbesondere Lkw fahren nach Angaben der Gemeinde dadurch langsamer.

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