Dirndl oder hessische Tracht?

"Das ist wie Fasching im Oktober"

+

Frankenberg - Weißwurst, Bier im Literkrug und fesche Madln im Dirndl gehören zum Münchener Oktoberfest dazu. Die Tradition findet auch nördlich von Bayern immer mehr Anhänger: Vereine laden deutschlandweit zu Oktoberfesten, Modehäuser verkaufen Dirndl, hessische Metzger haben Hax‘n im Angebot. Bleibt da noch Raum für die regionale Identität, für Ahle Worscht und Hessenkittel?

Wenn es in München heißt „O‘zapft is“, dann ist überall in Deutschland ein bisschen Bayern: In Hamburg gibt es Weißwurst, in Köln Weizen und Frauen in Hannover tragen Dirndl. Lederhosen, karierte Hemden und Strickjacken tragen dieser Tage auch viele Hessen, wenn sie die regionalen Oktoberfeste besuchen. Es ist eine Entwicklung, die sich durch ganz Deutschland zieht - selbst an der Küste feiern die Friesen zünftige Feste mit Hax‘n und Ledehosen. Motzen und Betzel hingegen sind in Hessen oft nur noch bei Landjugenden zu sehen und die Trägerinnen hessischer Trachten auf den Dörfern werden immer seltener.

„Sind wir hier eigentlich in Bayern oder vielleicht doch in Nordhessen?“, postet Thomas Müller, der Vorsitzende der Frankenberger CDU im sozialen Netzwerk Facebook. Damit hat er im Internet eine Diskussion rund um Dirndl, Oktoberfest und heimische Trachtenkultur losgetreten. „Zig Freunde von mir posten bei Facebook Bilder von sich im Dirndl“, erklärte Müller auf Nachfrage der Frankenberger Zeitung. „Da hab ich mich einfach mal gefragt, inwiefern das Ganze zu uns in Frankenberg passt und was eigentlich diese Faszination Oktoberfest ausmacht.“

Müller betont, dass er damit nicht die feschen Madln in ihren Dirndln oder die Oktoberfeste der Vereine kritisiert: „Das Bayerische ist attraktiv: Das Essen und das Bier schmecken gut, das Image ist populär“ - und für Vereine in ganz Deutschland sei dies eine gute Gelegenheit, Geld in die Vereinskassen zu spülen. So erklärt er sich die Beliebtheit der vielen Oktoberfeste. Aber es geschehe deutschlandweit eine „Ballermanisierung“ des Traditionsfestes, ein großes Event, zu dem die Besucher sich eben gerne verkleiden.

Dass auch die hessischen Buben und Madln immer häufiger zu Dirndl und Lederhose greifen, um sich zu einem Oktoberfest passend zu kleiden, hat auch Hans Heinrich Heinze bemerkt. Der Geschäftsführer des gleichnamigen Frankenberger Modehauses hat erstmals Landhausmode in sein Sortiment aufgenommen. Passend zum „O‘zapft“ in München hingen an den Kleiderständern des Geschäfts Dirndl, Blusen und Lederhosen im bayerischen Stil. „Meine Mitarbeiter haben mich auf die Idee gebracht. Sie waren letztes Jahr auf den Oktoberfesten in der Region“, berichtet Heinze. „Ich dachte mir, dann brauchen sie dafür auch passende Kleidung.“

Als Heinze dann auffiel, dass einige seiner Lieferanten auch Dirndl im Angebot haben, sei die Entscheidung schnell gefallen und zwischen der schicken Abendmode wurde Platz für Landhausmode geschaffen. „Das hat sehr gut geklappt. Die Kunden waren zufrieden.“ Daher ist der Geschäftsführer sich sicher, auch im nächsten Jahr wieder Mode für das Oktoberfest zu verkaufen.

„Der Hessenkittel sitzt locker und ist bequem“

Dirndlträgerinnen werden - zumindest im Oktober - mehr, echte hessische Trachtenträgerinnen sterben hingegen aus. Die Landjugenden und die hessische Vereinigung für Tanz- und Trachtenpflege (HVT) setzen sich daher seit Jahrzehnten für den Erhalt der hessischen Identität ein. „Die Menschen sind neugierig, kennen sich aber eher selten noch mit Trachten aus“, sagt Thorsten Kahler von der HVT. „Die sagen ‚Meine Mama hat sowas noch im Schrank hängen‘. Dabei sind wir das trachtenreichste Bundesland.“ Im Altkreis Frankenberg werden nur die Marburger Evangelische und die Buntstruhter Tracht, ebenso wie die Edertaltracht noch getragen.

Ronja Klinge kennt sich damit aus: Die 15-Jährige tanzt seit elf Jahren bei der Geismarer Landjugend mit - in Arbeitskleidung, die an die Marburger Evangelische Tracht angelehnt ist. „Ich finde die Tracht sehr schön. Und es ist schön, sich zu treffen und gemeinsam zu tanzen.“ David Heinz tanzt seit sechs Jahren mit. Er trägt einen Hessenkittel und eine eigens für ihn gestrickte Mütze - die sogenannte Betzel. „Die Kniebundhose und die Kniestrümpfe waren anfangs schon ungewohnt und gerade im Winter ziemlich kühl“, sagt er. Dennoch trägt er die Kleidung gerne: „Sie sitzt extrem locker und bequem.“ Echte Trachtenträgerinnen gibt es in Geismar nicht mehr - aber die Jugend hält die Traditionen hoch. Rund 40 Erwachsene tanzen in der Landjugend mit, die meisten haben als Kinder angefangen. „Hier gibt es keinen Jugendclub. Und die Landjugend fährt zu der Europeade“, sagen die Tänzer. Da wollten sie schon als Kinder gerne mit.

Thomas Müller wünscht sich, dass mehr Vereine die Traditionen bewahren, damit neben der „Bajuwarisierung“ das Regionale nicht zu kurz komme. „Klar sind Hax‘n lecker - aber eine echte nordhessische Schlachteplatte schmeckt nicht schlechter“, ist sich Müller sicher. „Wieso nicht also eine hessische Variante finden, die genauso anziehend ist, wie ein Oktoberfest?“ - und zu diesen Festen dann hessische Tracht tragen. Er wirbt für die nordhessische Tradition: „Die Region bleibt doch nur attraktiv, wenn sie eine eigene Identität hat“, meint der Politiker. „Daher ist es toll, dass die Landjugenden sich um die Pflege unserer Traditionen bemühen.“

Die Idee eines regionalen Festes hatte der Männergesangverein von Schreufa und Frankenberg: Die Sänger veranstalten am Wochenende einen hessischen Abend. Geplant war bis vor drei Wochen ein einfacher Chorabend mit drei Musikgruppen. Mitten zur Oktoberfestzeit haben die Sänger ihren Abend nun bewusst unter ein hessisches Motto gestellt. „Schließlich sind wir Hessen“, sagt der Vorsitzende Werner Böhle. „Bei uns brauchen die Besucher kein Dirndl. Es gibt Mundart, hessische Tracht und Apfelwein.“ Auch Ahle Worscht und selbst eingelegter Handkäs‘ mit Musik stehen auf dem Speiseplan in dem hessisch rot-weiß dekorierten Saal.

Trachtentänzerinnen tragen auch mal Dirndl

Von Hessen nach Bayern sind es am Samstag nur wenige Kilometer: Bajuwarisches blau-weiß, Hax‘n und Lederhosen gibt es am gleichen Abend beim Oktoberfest des Allendorfer Sportvereins. Gemeinsam mit dem Fanclub der Südtiroler Spitzbuam ziehen sie einen Konzertabend mit bayerischen Leckereien auf. „In Allendorf gab es ein Oktoberfest so noch nicht“, sagt der Vorsitzende des Allendorfer Sportvereins, Stefan Noll. Die Spitzbuam spielten diese Woche auf dem Münchener Oktoberfest. In der nächsten Woche geben sie ein zünftiges Gastspiel im Norden. „Dazwischen machen sie Halt bei uns. Da passt das Motto Oktoberfest einfach.“ Die Idee kommt bei den Besuchern so gut an, dass der Verein den Kartenvorverkauf bereits vor einer Woche stoppen musste. Mehr als 1000 Karten sind verkauft. Laut Noll soll es nur noch ein paar Karten an der Abendkasse geben.

Was es an diesem Abend aber zur Genüge geben dürfte, sind Lederhosen und Dirndl. Solche Oktoberfeste feiern auch die Landjugenden mit. Einige der jungen Volkstänzerinnen haben selbst Dirndl im Schrank hängen. „Das trägt man ja nur einmal im Jahr“, sind sich die Tänzer der Geismarer Landjugend einig. Eine Konkurrenz zu den heimischen Trachten sehen sie daher nicht - im Gegenteil: „Dass viele Menschen Dirndl und Lederhosen tragen erhöht irgendwie auch die Toleranz uns gegenüber, wenn wir hessische Tracht tragen.“ Denn gerade als sie in den vergangenen Wochen in Tracht in Frankfurt unterwegs waren, seien sie komisch angeschaut worden, während sich niemand wundere, wenn Hessinnen im Herbst Dirndl tragen. „Dabei sieht das nach Verkleiden aus“, sagt Thorsten Kahler. „Das ist wie Fasching im Oktober.“ Denn das, was deutschlandweit als Lederhose und Dirndl getragen werde, erinnere nur entfernt an richtige bayerische Tracht.

Das Regionale hoch halten und neben dem Dirndl auch Betzel, Käppchen und Hessenkittel anzubieten, kann Hans Heinrich Heinze sich schon vorstellen - allerdings fehle bisher die Nachfrage, „Wir entwickeln uns weiter und wenn der Kunde hessische Trachten nachfragt, dann würden wir uns auch darum kümmern, sie in unser Angebot aufzunehmen.“ Dann hätten die Menschen im Frankenberger Land auch Kleidung für ein regionales Schlachteessen - und ein bisschen mehr Gefühl für die eigene Tracht.

Von Patricia Kutsch

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare