Direktkandidat im Portrait: Engin Eroglu will für die Grünen in den Bundestag ziehen

- Frankenberg (-sg-). Engin Eroglu aus Ziegenhain will am 27. September für die Grünen in den Bundestag einziehen – indem er das Direktmandat holt.

Ein Moslem, der sich in der evangelischen Jugendarbeit engagiert, und ein Banker, der für die Grünen kandidiert – warum denn nicht? Denn so wie sich für Engin Eroglu Ökonomie und Ökologie trefflich verbinden lassen, führt er die scheinbaren Gegensätze seiner Biographie zusammen: Der Deutsche mit türkischen Eltern mag die religiösen und kulturellen Wurzeln seiner Familie ebenso wenig verleugnen, wie er auf die Errungenschaften der aufgeklärt-freiheitlichen, demokratischen Gesellschaft verzichten will. Brücken bauen, das will er auch als Politiker – ob in Schwalm-Eder und im Frankenberger Land oder im Berliner Reichstagsgebäude.

Um in den Bundestag einzuziehen, hat er nur eine Chance: Er muss sich gegen die „Platzhirsche“ Dr. Edgar Franke und Bernd Siebert durchsetzen und im Wahlkreis 171 das Direktmandat holen – denn einen Listenplatz bei den Grünen hat er nicht. Die Lust am Wahlkampf dämpft das für ihn nicht, er sei doch erst 27 Jahre. „Ich habe noch einige Jahre vor mir“ – da kann er noch mal versuchen, was bislang nur Parteifreund Christian Ströbele im Berliner Kiez gelungen ist.

Und wenn nicht, bleibt immer noch die Arbeit in der Kommunalpolitik. Und der Job bei der Schwälmer Kreissparkasse, wo er in einer Tochtergesellschaft in Homberg/Eftze Sachbearbeiter für Immobilien ist.Seine türkischen Eltern waren 1969 als „Gastarbeiter“ nach Deutschland gekommen, in Ziegenhain kam Engin Eroglu 1982 auf die Welt – den deutschen Pass hat er seit 2005.

Die Familie wohnte neben dem evangelischen Pfarrer, der Söhne im Alter des Jungen hatte. Oft war er bei ihnen zu Gast. Zwar tragen Frauen im Hause Eroglu kein Kopftuch, aber seine Eltern waren schon religiös, sie schickten ihren Sohn auf eine Koranschule – auf der anderen Seite ließen sie ihn aber zu seinen deutschen Freunden gehen. „So bin ich zur Kirche gekommen“, sagt er.

Engin Eroglu nahm am Kindergottesdienst teil, besuchte die Jungschar, ein Jahr sei er sogar Pfadfinder gewesen, erzählt er. Für den Christlichen Verein junger Männer arbeitet er ehrenamtlich daran, in Gemeinden „Ten-Sing“-Gruppen aufzubauen. In dieser offenen Form der Jugendarbeit sollen Interessenten nach dem Motto „Do it yourself“ miteinander Theater spielen, singen, tanzen oder musizieren – und über Glaubensfragen nachdenken. Eben das macht auch der „bewusste Muslim“ Eroglu. Und er kommt zu dem Ergebnis, dass manche Positionen nichts mit dem Koran zu tun hätten, sondern schlicht mit alten kulturellen Gewohnheiten. Dass manche moslemische Mädchen nicht mit auf Klassenfahrt dürfen, hält er zum Beispiel für ein Unding. Aufklärung in den Familien sei dringend geboten.

Aber die Moslems müssten sich auch endlich einig werden, damit der islamische Religionsunterricht an Schulen eingeführt werden könne, das müsse auf der Agenda oben stehen. Für solche Prozesse biete es sich an, Diskussionen „von oben“ anzustoßen, sagt Eroglu. Als Bundestagsabgeordneter sähe er sich dazu in der Position. Auch in Frankenberg mit seiner islamischen Gemeinde will er den „Dialog der Religionen“ befördern. Dabei will er auch Vorurteile in deutschen Köpfen ausräumen. „Ich glaube, hier ist noch viel Pionierarbeit gefragt,“ sagt er.

Aber eigentlich hat ihn etwas anderes in die Politik getrieben: Als CDU-Oppositionsführer Roland Koch Ende 1996 im Wahlkampf seine heftig kritisierte Unterschriftenaktion gegen das neue rot-grüne Staatsbürgerschaftsgesetz startete, reichte es Eroglu: Er trat der Grünen Jugend bei, um gegen diesen „ausländerfeindlichen Landtagswahlkampf“ zu agieren.

Doch die Liebe zu den Grünen währte keine drei Jahre: Als die Partei 1999 dem Einsatz der Bundeswehr im Kosovo zustimmte, trat er aus, diesen „Angriffskrieg“ ohne UNO-Mandat habe er nicht mittragen wollen.

Eroglu absolvierte das Fach-abitur mit Schwerpunkt Wirtschaft und Verwaltung und schloss bei der Kreissparkasse eine Ausbildung zum Bankkaufmann ab. Nebenberuflich hat der Immobilienfachmann im August den „China-Messepark“ übernommen – seitdem versucht er, das als Freizeitgelände geplante Areal mit seinen Gebäuden im chinesischen Stil zu bewirtschaften.

Ein politischer Mensch blieb er. Er ärgerte sich weiter über Roland Koch, verfolgte, wie die Grünen im Kommunalwahlkampf schlechte Ergebnisse einfuhren. „Zuschauen und sich aufregen macht es nicht besser“, sagte er sich – und trat wieder der Grünen Jugend bei.

Als der Korbacher Daniel May in den Landtag einzog, wurde Eroglu im März dessen Nachfolger als Landesvorsitzender. Über May knüpfte er auch erste Kontakte ins Frankenberger Land. Solche Freundschaften seien wichtig, betont er.

Und als die Grünen im Wahlkreis 171 über ihren Bundestagswahlkampf berieten, entschied sich Eroglu zur Kandidatur. „Ich trete für eine neue Generation der Grünen mit einem leicht nicht typisch grünen Lebenslauf an“, sagt er. Auch seine politischen Schwerpunkte haben nur bedingt etwa mit den Idealen der Gründergeneration um Petra Kelly oder Jutta Ditfurth zu tun: Schon durch sein berufliches Fachwissen setze er auf die Wirtschaftspolitik.

Auch er will Wirtschaft und Umweltschutz miteinander versöhnen. Schaffen nicht die erneuerbaren Energien mehr Arbeitsplätze als Atomkraftwerke? Und als Immobilienfachmann weiß er, welch einen Sanierungsbedarf die meisten Häuser im Lande haben – ob sie eine neue Heizung bräuchten oder Wärmedämmung. Mit staatlicher Lenkung oder Förderprogrammen ergebe sich ein riesiges Auftragsvolumen für den heimischen Mittelstand, ob für Viessmann oder unzählige Handwerksbetriebe, erläutert er. Das sichere oder schaffe Arbeitsplätze, die schon wegen des Bevölkerungswandels wichtig seien – sonst zögen junge Leute weg. Und: „Die Wertschöpfung bleibt vor Ort.“

Menschen mitnehmen

„Wer unökologisch ökonomisch handelt, verursacht meist hohen Schaden“, für den dann meist der Steuerzahler aufkommen müsse , sagt Eroglu – und verweist auf den Atommüll im maroden Salzbergwerk Asse. „Gekoppelt an die Wirtschafts- und Umweltpolitik ist für mich die Energiepolitik“, fügt er hinzu. Längere Laufzeiten für Atomkraftwerke? Nein danke! Da ist er sich mit der Mehrheit der Deutschen einig.Und die will er mitnehmen und im Gespräch überzeugen, um der Politikerverdrossenheit entgegenzutreten. Egal ob Wahlberechtigte oder in Deutschland lebende Ausländer, für Ergolu ist klar: „Ohne die Menschen in unserem Land werden wir die Herausforderungen der Zukunft nicht meistern können.“

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