Battenfeld

Edertal-Holzwerk stellt jährlich 7000 Särge her - Der allerletzte (Aus-)Weg

Schaut positiv in eine ungewisse Zukunft: Holzwerk-Geschäftsführer Tom Christofer Haase möchte sich in Zukunft breiter aufstellen. Zur Sarg- soll auch die Fenster- oder Türenproduktion hinzukommen.Foto: Dennis Schmidt

- Allendorf-Battenfeld (den).Das Firmenschild am Eingang ist unscheinbar – muss es auch sein. Denn das Gewerbe, in dem Edertal-Holzwerk tätig ist, verlangt Zurückhaltung. In dem Werk entstehen jährlich 7000 Särge.

Allendorf-Battenfeld. Ein unaufdringlicher Holzduft liegt im Innern der Industriehalle in der Luft. So frisch der Stoff, aus dem die Särge sind, auch riecht, das Geschäft hat mit dem genauen Gegenteil zu tun. Für den heutigen Geschäftsführer Tom Haase kein Problem. „Ich bin damit aufgewachsen. Für mich und meine Kumpels war das immer vollkommen normal.“ Der Eingangstrakt der Holzfabrik sieht aus wie jeder andere: Bretter aus Eiche, Pappel oder Kiefer stapeln sich meterweise. Erst auf halber Höhe der Fabrik kann der Besucher, von denen es pro Jahr nicht viele gibt, erkennen, dass hier in Battenfeld keine Holzschaukeln oder -tische hergestellt werden, sondern Ober-, Unter- und Seitenteile für ein 1,98 Meter langes und 68 Zentimeter breites Möbel, in denen Verstorbene ihren allerletzten Weg antreten. Edertal-Holzwerk hat sich den neuen Bedingungen am Markt angepasst. Exklusiver und extravaganter werden die Särge auf der einen Seite, spärlicher und von schlechterer Qualität auf der anderen. Übergrößen sind für die Mitarbeiter ebenso wie Sonderanfertigungen kein Problem. „Dieser Teil macht aber deutschlandweit etwa nur ein Prozent aus“, zeigt sich der gelernte Schreiner Haase vorsichtig. Immerhin, das sind 8000 Sterbefälle pro Jahr. „Mein Großvater dachte sich: ‚Särge brauchen die Menschen immer'“, erinnert sich der Nachfahre leicht schmunzelnd. Opa Georg Traute sollte Recht behalten – allerdings hat sich der Wind inzwischen gedreht. „Wenn man meinen Vorgängern erzählt hätte, dass ein Bestatter in die Insolvenz geht, hätten sie nur gesagt: Unmöglich! Doch viele von ihnen geraten momentan in Schwierigkeiten.“ Schuld sei der Preiskampf, der in diesem Bereich nun mal herrsche. Die Holzbeschaffung, die vor einigen Jahren wegen des Wirtschaftsbooms in China ein Problem gewesen sei, sei wieder einfacher geworden, ist Haase überzeugt. Billiganbieter, die ihre Bestattungsdienste für unter 1000 Euro anbieten, drängen auf den Markt – vor allem aus Richtung Osteuropa. „Gegen die tun wir uns sehr schwer“, gibt der Geschäftsführer zu. „Allerdings bleibt dort die Pietät den Verstorbenen gegenüber komplett auf der Strecke.“ Der Trend zur billigsten Bestattungsvariante sei am ehesten in den Großstädten zu spüren. Auf dem „platten Land“ gelten noch andere Regeln. „Wenn hier der größte ortsansässige Landwirt stirbt, dann wollen die Nachfahren auch eine standesgemäße Beerdigung“, hat Haase beobachtet. Und noch etwas unterscheidet den Standort im beschaulichen Battenfeld von einem im Frankfurter oder Wiesbadener Raum: die Autobahnanbindung. Was vor allem bürgerliche Politiker landauf, landab als Argument für einen Ausbau im Frankenberger Raum ins Feld führen, sieht Haase grundlegend anders. „Ich brauche die A4 nicht“, ist sich Hasse sicher. Denn die aktuelle Situation hilft dem Holzwerk dabei, sich die Konkurrenz vom Leib zu halten; Waldeck-Frankenberg ist für andere Sarghersteller zu uninteressant. Großes Interesse zeigte gestern hingegen der CDU-Gemeindeverband Allendorf sowie Bundestagsabgeordneter Bernd Siebert bei einer Tour durch die Fabrik. Haase führt das Unternehmen als Geschäftsführer in der dritten Generation weiter. Was der Firmengründer in den 50-er Jahren aufgebaut hat, möchte er mit allen Möglichkeiten weiterführen. Doch die Spezialisierung auf die reine Sargproduktion mit 150 unterschiedlichen Modellen ist seiner Ansicht nach nicht länger zu halten.Deswegen schafft er sich demnächst mit einer Holzschreinerei ein zweites Standbein. Die Arbeitsplätze für die 20 Beschäftigten will er so langfristig sichern, womöglich auch wieder ausbilden.

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