Literarischer Frühling

Einblicke in das Leben eines Filmstars

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Frankenberg - Mit drei Jahren wurde er von der Mutter im Waisenhaus "abgegeben", als Erwachsener raste er mit Alain Delon im silberfarbenen Porsche mit Tempo 200 durch Rom - diese und andere Einblicke in sein bewegtes und spannendes Leben gewährte Mario Adorf am Sonntagvormittag in Frankenberg.

Die Gäste im Hotel „Die Sonne Frankenberg“ haben einen angenehmen Vormittag: Zwei Stunden lang genießen sie einen Brunch mit Suppen, Salaten, diversen Fleischgerichten, Fisch und Beilagen sowie Desserts. Doch den größten „Leckerbissen“ gibt es erst um 13 Uhr: Nach einem kurzen Video-Zusammenschnitt aus verschiedenen Filmen, in denen er mitwirkte, betritt Mario Adorf die Bühne.

Noch bevor er ein Wort gesagt hat, zollen ihm die knapp 100 Gäste im Saal Respekt und applaudieren anhaltend. Im Rahmen des „Literarischen Frühlings“ ist der 81-jährige Schauspieler und Autor zu Gast in Frankenberg – nicht zum letzten Mal, hoffe er, sagt Adorf und wünscht sich eine Fortsetzung des Literatur-Festivals. Schon am Vorabend hatte er im Leseduett mit Helene Grass im Schloss Waldeck begeistert (wir berichteten gestern).

Und auch in Frankenberg zeigt sich der Profi: Als Schauspieler weiß er mit Worten Wirkung zu erzeugen. Die Lesung im Hotel „Die Sonne“ stand unter dem Motto „Unordentliche Erinnerungen“. Von Unordnung kann jedoch keine Rede sein, denn Adorf beginnt ganz vorn: mit einer Beschreibung seiner Kindheit in Mayen in der Eifel. Seine Mutter gab ihn ins Waisenhaus, als er drei Jahre alt war, weil sie als Schneiderin bei den Kunden allein erwartet wurde. Ihre gemeinsamen Spaziergänge, so verstand er erst später, waren ein „Schaulaufen“ für die Mayener Bürger, die sehen sollten, wie ordentlich und wohlerzogen ihr Sohn Mario war. Denn Mario Adorf war nicht nur Halb­italiener, sondern auch noch unehelich – in den frühen 1930er-Jahren entsprach das nicht den Konventionen.

Aus seinem ersten Buch „Der Mäusetöter“ liest Adorf die Passage, die über den Buchtitel aufklärt: Als junger Mann sortierte er den Inhalt amerikanischer Care-Pakete; die guten Kekse kamen in einen Korb, die angefressenen in den anderen und die Mäuse nach einem tödlichen Schlag in den Ofen. Moderatorin Christiane Kohl leitet über zu seiner Karriere als Schauspieler. Adorf greift das Thema mit einem weiteren Textauszug auf und liest von Begegnungen mit Romy Schneider und Alain Delon. Er erzählt darin, wie die „Sissi“-Darstellerin ihn mit einer schmerzvollen Gretchen-Interpretation komplett überzeugte, wie er mit Alain Delon im silberfarbenen Porsche mit 200 Stundenkilometern über den römischen Stadtring raste und seine Angst durch hysterisches Lachen kompensierte.

Im Gespräch mit Christiane Kohl berichtet er, wie er während Dreharbeiten für einen Italo-Western in Spanien eine Frau kennenlernt, die ihm neben Brigitte Bardot zunächst gar nicht aufgefallen war – Monique wurde seine Ehefrau. Er blickt zurück auf seine Rolle als Mussolini, für die er dessen Art zu sprechen eingeübt hatte und dann doch synchronisiert wurde. Adorf erzählt, wie er einmal gebeten wird, auf einen Teil seiner Gage zu verzichten, damit Schauspielkollege Armin Mueller-Stahl etwas mehr Geld bekommt – und wie dieser viel später darauf angesprochen verwirrt fragt, ob Adorf die 20.000 Mark jetzt zurückhaben wolle.

Manche Filmrollen begleiteten ihn viele Jahre, sagt Mario Adorf. Im Ruhrgebiet und im Rheinland werde er manchmal mit dem Zitat „Ich scheiß‘ dich zu mit meinem Jeld“ auf der Straße auf seine Rolle in Dietls „Kir Royal“ angesprochen. Die Brüder Grimm sind an diesem Vormittag ausnahmsweise kein Thema, wohl aber ein Märchen. Denn Mario Adorf hat selbst eines geschrieben: „Als das Lesen verboten wurde“. Und dieses Märchen liest er als letzten Beitrag der Lesung vor.

Die Gäste im Saal lauschen aufmerksam, wie schon den ganzen Vormittag lang, und bedanken sich mit Applaus. Nun dürfen auch die Gäste, die Adorfs Lesung nebenan in der Rathausschirn auf Bildschirmen verfolgt haben, den Filmstar aus der Nähe sehen. Die Schlange der Zuschauer, die sich ein Buch von Mario Adorf signieren lassen wollen, ist lang. Der Schauspieler nimmt sich die Zeit für einen kurzen Wortwechsel mit jedem Gast und schreibt sein Autogramm in ein Buch nach dem anderen.

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