Literarischer Frühling

Eine Liebeserklärung an die deutsche Sprache

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Waldeck - Lebendig, kurzweilig, spannend: Mario Adorf und Helene Grass, die für ihren erkrankten Vater Günter Grass eingesprungen ist, fesseln ihre Zuhörer bei einem hochkarätigen Lese-Duett im Rittersaal der Waldecker Burg.

Die Gäste im Rittersaal und auch die Besucher, die die 22. Lesung des „Literarischen Frühlings“ im Restaurant Altane über Leinwand verfolgen, müssen einige Minuten warten auf Schauspieler Mario Adorf. Mit ihm kommt Helene Grass in den Saal, die für ihren Vater Günter Grass eingesprungen ist und aus seinem jüngsten Werk „Grimms Wörter“ liest. „Er ist nicht zu ersetzen, da würde er uns bestimmt zustimmen“, sagt Spiegel-Moderatorin Bettina Musall und entschuldigt den Literaturnobelpreisträger, der wegen einer Bronchitis nicht kommen konnte.

„Ich soll Sie herzlich von meinem Vater grüßen“, sagt Helene Grass, „er ist froh, dass wir eine familieninterne Vertretung gefunden haben.“ Und sie ist eine würdige Vertreterin, denn sie begeistert von Anfang an mit ihrer beeindruckenden Art zu lesen, während Mario Adorf konzentriert lauscht. Ebenso beeindruckend ist die begnadete Wortfindung des Meisters der deutschen Sprache. Grandios beschreibt er das Leben der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm und zieht Parallelen zu seinem eigenen Leben „so sind wir über Wortbrücken verbunden“.

Aus Briefen der Grimms, in denen es immer wieder um Literatur, Projekte und Geld geht, liest Mario Adorf mit seiner markanten Stimme. So bittet Wilhelm in Berlin seinen Bruder Jacob in Kassel, ihm einen wollenen Rock zu schicken. Jacob fragt später nach der genauen Ankunft, um „den Braten zu bestellen“. Der Briefwechsel wirkt in der vorgetragenen Weise so lebendig wie ein Gespräch, gleichsam spannend wie kurzweilig. Mit ihren Briefen, die Jacob mit einer Stahlfeder, Wilhelm mit einem weichen Federkiel schrieb, teilen sie sich gegenseitig mit, was in ihrem Umfeld passiert.

„Früher schrieb man Briefe, heute nennt man das „networking“, sagt Bettina Musall und fragt Mario Adorf, ob es 1955 nach seiner Ausbildung bereits „networking“ gab. „Während meiner Ausbildung haben wir abends oft zusammengehockt, Mitte der 50er-Jahre hörte die Geselligkeit auf“, antwortet Adorf. Er besuchte, wie auch Helene Grass, nur zu einer anderen Zeit, die Otto-Falckenberg-Schauspielschule in München.

„Zu der Zeit war man auf sich gestellt, man musste sich beweisen“, sagt Adorf. „Heute ist alles wahnsinnig schnelllebig, da muss man menschlich beieinander bleiben“, meint Helene Grass. Sie liebe ihren Beruf, aber ihr innerstes Glück hänge davon nicht ab.

„Schafft man es, die ganz besondere Rolle zu finden?“, will die Moderatorin weiter wissen. „Das schafft man fast nie“, sagt Adorf und gibt zu, dass er ein wenig darunter gelitten habe, dass man für ihn keine Rolle geschrieben habe. „Man hat mich nicht wirklich gewollt, man hat mich gebraucht“, resümiert er klar.

Für Grass sticht die Arbeit mit ihrem Vater heraus, als sie „durch die Lande zogen“ und 30 Lieder und Gedichte aus „Des Knaben Wunderhorn“ sangen und vortrugen. Adorf erinnert sich an die Besuche Grass’ im Studio zur Verfilmung von „Die Blechtrommel“.

Zu der Szene mit Katharina Thalbach auf dem Sofa sagte Günter Grass zu beiden: „Dass mir das keine Liebesszene wird, das muss eine böse Rammelei sein.“ Im Nachhinein für die Schauspieler sehr hilfreich, Grass konnte aber auch einschüchternd wirken. Nach der Autorität des Vaters gefragt, weiß Helene Grass zunächst keine Antwort. Doch dann sagt sie: „Er hat eine natürliche Autorität, sie ist einfach da.“ Dann ergänzt sie noch: „Wir sind ja eine große Familie, dort als Don an der großen Tafel zu sitzen, das gefällt ihm schon.“ Kritik an der deutschen Sprache kann der Halbitaliener Adorf nicht nachvollziehen. „Sie ist sehr schön, reich und eine genaue Sprache.“ Gerade auf der Suche nach seiner zweiten Heimat in Italien hat er sich immer mehr als Deutscher gefühlt.

„Jedes Wort ist wichtig“

Auch Helene Grass meint: „Es gibt die eine Muttersprache, jedes Wort ist wichtig, und wie man mit der Sprache umgeht.“ Schreiben habe sie jedoch nie gereizt. In einer Schulaufführung spielte sie im „Rattenfänger von Hameln“ eine Ratte und wollte es mit dem Schauspiel versuchen.

Während Grass die Werke von Heinrich von Kleist beeindrucken, ist Mario Adorf begeistert von Bertolt Brecht. „Als alter Mann kam er eines Tages ins Theater und sagte zu uns: Kinder, habt Spaß, vergesst den ganzen Quatsch, den ich da mal geschrieben habe“, erinnert sich Adorf. „Das war ein großer Schock für uns.“

Zum Abschluss liest Mario Adorf die erste Fassung von „Daumerlings Wanderschaft“, einem Märchen der Gebrüder Grimm aus dem Jahr 1812. Er schafft es, wie zuvor auch Helene Grass, dass sich die Zuhörer Bilder zu dem Erzählten vorstellen können. Das Publikum honoriert die hochkarätige Lesung mit lang anhaltendem Applaus.

Von Sabine Degenhardt

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