Bereits das elfte Kind

Zur Einschulung: Familie vererbt Schultüte seit 80 Jahren

Eine langlebige Schultüte, die seit 80 Jahren elf Kinder und vier Generationen glücklich gemacht hat: Elfriede Thomschewski aus Dodenau hat die Schultüte jetzt an ihr Urenkelkind Melina Kastrati „vererbt“.
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Eine langlebige Schultüte, die seit 80 Jahren elf Kinder und vier Generationen glücklich gemacht hat: Elfriede Thomschewski aus Dodenau hat die Schultüte jetzt an ihr Urenkelkind Melina Kastrati „vererbt“.

In Waldeck-Frankenberg starten 1350 Jungen und Mädchen als Erstklässler in das Schulleben. Melina Kastrati wird mit einer ganz besonderen Tüte eingeschult.

Dodenau – Manche Dinge sind für die Ewigkeit, Schultüten gehören in der Regel nicht dazu. Umso erstaunlicher ist die Geschichte einer Schultüte aus Dodenau, die dieses Jahr das elfte Kind in der vierten Generation in einem Zeitraum von 80 Jahren bei der Einschulung begleitet.

Elfriede Thomschewski aus Dodenau wurde Ostern 1940, während der ersten Kriegsjahre, in der Grundschule Dodenau eingeschult. Sie war das erste Kind, das jene Schultüte überreicht bekam, die seitdem innerhalb der Familie weitergegeben wird.

Damals wie heute: Die Schultüte gehört zur Einschulung einfach dazu

Gefüllt war diese Tüte damals sowohl mit Schulutensilien wie Griffeln, Stiften und Radiergummi, aber auch mit Süßigkeiten wie zum Beispiel Zuckersteinen.

Das ist heute kaum anders. Auch Thomschewskis Urenkelin Melina Kastrati wird bei ihrer Einschulung am morgigen Dienstag in besagter Schultüte sowohl Praktisches für den Schulalltag als auch Süßes für den Gaumen und sogar eine Armbanduhr finden.

„Zu meiner Zeit war es eine immense Freude, in die Schule zu kommen. In die Schultüte kamen Gegenstände, die Kinder für den Schulalltag brauchten“, erklärt Thomschewski. Vieles davon sei Ausrangiertes gewesen, das ältere Schüler jüngeren überlassen hätten.

Heutzutage liege der Fokus klar auf Geschenken und Süßigkeiten – ein Luxus, den sich 1940 kaum eine Familie leisten konnte. Insgesamt sei sie acht Jahre zur Schule gegangen, und das sehr gerne, berichtet Elfriede Thomschewski.

Zu meiner Zeit war es eine immense Freude, in die Schule zu kommen.

Elfriede Thomschewski

Neben einem kurzen Intermezzo an der Städtischen Luisenschule in Frankenberg sei sie fast durchgängig an der Grundschule Dodenau gewesen. Dort wird nun auch Urenkelin Melina eingeschult.

„Von der alten Grundschule ist wenig übrig geblieben. Heutzutage steht sie an anderem Ort, in anderem Gewand“, erzählt Thomschewski.

Nach ihrer Einschulung hat die Schultüte weitere neun Kinder bei ihrer Einschulung begleitet. Kinder und Enkelkinder – nun ist zum ersten Mal eine Urenkelin dran.

„Oft wurde ich gefragt, warum ich gerade an diesem Objekt so hänge und es all die Jahre aufbewahrt habe“, sagt Thomschewski. Streng genommen wisse sie darauf nicht zu antworten, sie hänge einfach an dem einzigartigen Stück, auf dem Fotos aller Kinder zu sehen sind, die es begleitet hat. „Wahrscheinlich ist es das Gefühl, das zurückkehrt, wenn ich an meine Kindheit und an die Schule denke.“

Schulzeit als Privileg

Die Wahrnehmung von Schule und Unterricht sei früher eine völlig andere gewesen, sagt sie. „Ich habe meine Schulzeit als Privileg empfunden“, erinnert sich die 87-Jährige.

Der Dodenauerin hat sie jedenfalls den Grundstein für ein langes und erfülltes Leben beschert. Nach der Schule hat sie in verschiedenen Hotels im Ort sowie in einer nahen Eisengießerei gearbeitet. Mit ihrem – inzwischen verstorbenen – Mann Günther hatte sie eine Familie gegründet, aus der zwei Kinder, vier Enkel und zwei Urenkel hervorgegangen sind.

Noch heute ist die 87-Jährige guter Dinge und sehr aktiv. Jeden Tag laufe sie lange durch die Natur, gerne spiele sie mit ihren Urenkeln, betont sie. Einzig die Corona-Krise macht ihr Angst: „Die von Politikern und Medien in Bezug auf die Pandemie verwendete Sprache verunsichert mich. Viele Begriffe erinnern mich an den Krieg.“

Auf die Frage, was sie Melina zu ihrer Einschulung gerne mit auf den Weg geben würde, sagt sie: „Meiner Urenkelin wünsche ich Begeisterung, für all das, was ihr in der Schule beigebracht wird, und Freude an den Begegnungen mit anderen Kindern.“ (Raphael Digiacomo)

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