Bewährung für versuchten Totschlag

Von einem Erzengel zum Tatort geführt

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In der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Haina – im Bild der Neubau – griff ein Korbacher seine Mitpatientin in einem religiösen Wahnzustand an. Archivfoto: Pauly

Haina (Kloster) / Marburg - Ein seltenes Urteil sprach die Strafkammer am Landgericht gestern aus: Ein Korbacher ist wegen versuchten Totschlags, Körperverletzung und Nötigung zur Unterbringung in ein psychiatrisches Krankenhaus verurteilt - allerdings zur Bewährung.

Der 50-Jährige aus Korbach hatte im September vergangenen Jahres eine Mitpatientin in der Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Haina angegriffen: Er hatte sie in ihrem Zimmer aufgesucht, sich auf ihren Oberkörper gekniet, seine Stirn gegen ihren Kopf geschlagen und sie gewürgt, so dass ihr Leben in Gefahr war. Ein Krankenpfleger und eine Psychologin waren gerade rechtzeitig hinzugekommen. Der Pfleger hatte den Mann von seinem Opfer hinuntergerissen und ihn mit Hilfe weiterer Mitarbeiter in ein Überwachungszimmer gebracht.

Über den Tatverlauf an sich gab es nach der Verhandlung in Marburg keinen Zweifel: Sowohl der Beschuldigte als auch mehrere Zeugen und die verlesene Aussage des Opfers stimmten darin überein.

Der Korbacher war zu diesem Zeitpunkt als Patient in der Klinik. Er litt unter religiösen Wahnvorstellungen. Bereits in den Wochen zuvor hatte er aus Alltagsdingen Altäre aufgebaut, den Satan in Ärzten „erkannt“ und versucht, „göttliche Kraft“ auf andere Patienten zu übertragen. „Ich war der Überzeugung, der Knecht Gottes zu sein und die Aufgabe zu haben, andere zu heilen“, erinnerte er sich. Deswegen befand er sich in einer geschlossenen Station der Allgemeinpsychiatrie. Dorthin wurde er verlegt, nachdem er sich selbst freiwillig in eine offene Station begeben hatte.

An jenem Tag, an dem sein religiöser Wahn in dem Übergriff gipfelte, sei er davon überzeugt gewesen, dass ein 2000 Jahre alter Erzengel ihn durch die Station führt. An verschiedenen Patientenzimmern habe dieser Engel ihm Jahwe, Shiva oder auch Buddha vorgestellt. „Ich habe das alles für bare Münze genommen. Das ist im Nachhinein das Erschreckende“, sagte der Mann vor Gericht.

Vor der Tür des späteren Opfers habe der Engel erklärt, in diesem Zimmer warte der Tod. Diesen habe er, der Beschuldigte, „beeindrucken“ wollen, damit er seine Familie verschone. Er sei felsenfest davon überzeugt gewesen, der Frau keinen Schaden zufügen zu können, betonte der Beschuldigte.

Schon bevor er sein Opfer würgte, war er mit der Frau zusammengeraten: Wenige Stunden zuvor hatte er nach Aussage einer Zeugin den Kopf der Frau umfasst und heftig geschüttelt. Der Beschuldigte ergänzte, dass er vor dem Vorfall zudem mit dem späteren Opfer das Abendmahl habe feiern wollen - mit Früchtetee und Minzschokolade in Ermangelung von Wein und Hostien. Dass sie das Ritual jedoch nicht so gestaltete, wie er es aus der Kirche kannte, habe ihn wohl davon überzeugt, dass sie der Tod sei. „Ich wollte niemals einen Menschen verletzten, geschweige denn töten“, betonte der Beschuldigte. „Ich war da ein anderer Mensch. (apa)

Mehr lesen Sie in der WLZ-FZ vom Mittwoch, 16. Mai 2014.

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