Frankenberger Chefarzt der Inneren Medizin geht in den Ruhestand

Ende einer Ära: Dr. Schmid hört auf

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Frankenberg - Dr. Harald Schmid schafft eine Gratwanderung mit Leichtigkeit: Er strahlt Kompetenz und Liebenswürdigkeit gleichermaßen aus, genießt hohen Respekt bei Kollegen und Vorgesetzten und ist zugleich sehr beliebt in der Bevölkerung. Am Freitag hat er seinen letzten Arbeitstag – nach 29 Jahren am Kreiskrankenhaus.

Das Stethoskop in der Tasche des weißen Kittels, ein fester Händedruck und ein freundliches Lächeln im Gesicht: So kennen unzählige Patienten, Angehörige und Mitarbeiter den Chefarzt des Frankenberger Krankenhauses. In der vergangenen Woche ist Harald Schmid 65 Jahre alt geworden. Sein Dienst endet am Freitag. Dann hat er Urlaub, bevor er am 1. September in den wohlverdienten Ruhestand geht. Für viele ist Dr. Harald Schmid die Konstante, das Gesicht der Klinik. Während Geschäftsführer kamen und gingen, die Klinik umgebaut oder erweitert wurde und politische Diskussionen um Tarifverträge und Kooperationen tobten, blieb er. Und er hatte immer eines im Blick: die Gesundheit seiner Patienten. Deren Genesung stand für ihn stets im Fokus – ganz so, wie es der Hippokratische Eid vorsieht. Aus der aktuellen Version, dem „feierlichen Gelöbnis“, zitiert er gern, wenn junge Mediziner ihr Staatsexamen bestanden haben. „Darin ist nicht die Rede von Fallpauschalen oder Einsparungen“, begründet der Mediziner. Dass er immer nach diesem Verhaltenskodex arbeiten durfte, habe ihn sehr erfüllt. Die Medizin spielt in der Familie von Harald Schmid eine wichtige Rolle: Sein Vater war Zahnarzt, sein Bruder ist es ebenfalls, der andere ist „Landarzt auf der Schwäbischen Alb“, wie Harald Schmid beschreibt. Seine Ehefrau betreibt eine Psychotherapie-Praxis. Nach dem Medizinstudium in Heidelberg, Hamburg und Tübingen konzentrierte sich Schmid auf Nierenkrankheiten und wechselte dann zur 
Kardiologie. Schmid kam 1983 nach Frankenberg. Sein Vorgänger, Professor Arndt, holte ihn aus Marburg an die Eder. Schmid hat es nie bereut. „Dieses Haus hat eine Bodenständigkeit und eine Herzlichkeit, die man sonst selten zu spüren bekommt. Die Seele stimmt“, sagt er über das Kreiskrankenhaus. Deshalb bewarb er sich 1995 als einer von 50 Interessenten um die Stelle des Chefarztes. Auch der Schritt von der Nephrologie zur Kardiologie sei richtig gewesen: „Wir sehen den Erfolg einer Behandlung sofort. Wir geben eine Spritze und haben sofort eine Rückmeldung“, erklärt er die Faszination. Obwohl er als Herzspezialist in einer der dramatischsten Fachabteilungen arbeitet, sei das Spannendste an seiner Arbeit immer die Beziehung zwischen Arzt und Patient gewesen – auch nach so vielen Jahren noch, sagt Dr. Schmid.Er ist überzeugt davon, dass menschliche Zuwendung, Hilfsbereitschaft und das Miteinander einen entscheidenden Teil der Therapie ausmachen. Deshalb hat er stets Wert auf eine gute Ausstattung mit Pflegepersonal gelegt und spricht sich für eine flache Hierarchie aus: „Den Halbgott in Weiß gibt es nicht mehr“, sagt Schmid. Eine enge Zusammenarbeit mit allen Beteiligten sei wichtig. Das gelte auch für die Führungsebene, auf der er „auf Augenhöhe“ mitgearbeitet habe. Seit 2006 wird er als Ärztlicher Direktor in alle größeren Entscheidungen einbezogen. Die damit verbundene bürokratische Arbeit macht etwa 20 Prozent seiner Tätigkeit aus.

Harald Schmid kam 1983 als Oberarzt ans Kreiskrankenhaus, seit 1995 ist er Chefarzt der Inneren Medizin. Außerdem ist der Kardiologe Ärztlicher Direktor, Leiter der Röntgenabteilung, Leiter des Labors und Vertrauensdozent für Studierende am Akademischen Lehrkrankenhaus. Er hat in den vergangenen 29 Jahren in Frankenberg den enormen Fortschritt der Medizin miterlebt, aber auch den Anstieg der Volkskrankheiten und die wirtschaftlichen Zwänge. Nicht alle Entwicklungen seien aus medizinischer Sicht positiv gewesen: Das Abrechnungssystem über Fallpauschalen sei „ein Ritt auf Messers Schneide“. „Aber was nötig war, haben wir immer bekommen“, sagt er. Der bedeutendste Schritt in all den Jahren war aus seiner Sicht aber die Ernennung zum Akademischen Lehrkrankenhaus: Sie brachte der Klinik Renommee, das Interesse von guten Chefärzten, jungen Medizinern und den direkten Zugang zur Forschung durch das Uni-Klinikum in Marburg. Schmids Abschied ist gut vorbereitet. Für die nächste Woche ist eine Feierstunde geplant. Seine ambulante Praxis hat er schon vor eineinhalb Jahren übergeben – und damit den Erhalt der Praxis in Frankenberg für etwa 800 Patienten im Quartal sichergestellt. Schon im vergangenen Jahr übernahm Dr. Ludolph einen Oberarztposten, er ist einer der beiden Nachfolger von Schmid. Der Gastroenterologe wird sich die Chefarztstelle mit einem Kardiologen teilen. Wer das sein wird, steht noch nicht ganz fest, sagt Schmid: Die Verhandlungen laufen noch. Damit sind die beiden wichtigsten Behandlungsfelder der Inneren Medizin mit jeweils einem Chefarzt besetzt. Nur eine Arbeit wird er vorerst fortsetzen: Er bleibt Vorsitzender des Fördervereins am Krankenhaus. Sein großes Ziel ist die Finanzierung eines Magnet­resonanztomographen (MRT). Von den Gesamtkosten in Höhe von 1,2 Millionen Euro muss das Kreiskrankenhaus 750 000 Euro selbst aufbringen. Der Förderverein hat bereits 250 000 Euro gesammelt, eine weitere große Spende soll schon in Kürze übergeben werden. Außerdem kann sich der 65-Jährige vorstellen, hin und wieder EKG-Schulungen für Studenten zu übernehmen. „Das mache ich einfach gerne“, sagt er. Er plant sogar, ein Buch für Lehrende über EKG-Schulungen zu schreiben. Seine praktische ärztliche Tätigkeit endet jedoch am morgigen Freitag. Auch die Herzwoche, die er stets mit großem Engagement in Frankenberg geleitet hat, wird er in die Hände seines Nachfolgers legen.Seine freie Zeit hat der Frankenberger bereits verplant: Er möchte sein Elternhaus in Schwaben sanieren, Klavier und Orgel spielen und Italienisch lernen. Vor allem aber will er viel Zeit mit seiner Familie verbringen, seine Töchter und Geschwister besuchen – denn nachdem er dem Krankenhaus so viel seiner Lebenszeit gewidmet hat, sind nun sie an der 
Reihe.

Von Andrea Pauly

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