Premiere von "Mein Freund Harvey" in der Ortenbergschule

Am Ende fantasiert sogar das Publikum

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Frankenberg - Wer ist denn hier bitteschön verrückt? Der Patient, seine Familie oder die Psychiater? Mit ihrer grandiosen Inszenierung von "Mein Freund Harvey" hat die Komödie Frankenberg die Grenzen des Wahnsinns gesprengt. Am Ende der Premierenvorstellung hat sogar das Publikum fantasiert.

Es ist schon eine verrückte Angelegenheit, wenn ein erwachsener Mensch behauptet, er habe einen Freund mit zwei langen Schlappohren. Ein weißer Hase, 2,10 Meter groß, ist der ständige Begleiter von Elwood P. Dowd. Für dessen Schwester Veta Louise und die Nichte Myrtle Mae, die gemeinsam in einem schicken englischen Landhaus leben, werden Elwoods Hasen-Fantasien mehr und mehr zu einem Problem. Nicht nur, dass der Hase mit am Tisch sitzt, Elwood stellt seinen schlappohrigen Kumpel auch noch den Gästen eines Schickimicki-Empfangs seiner Schwester vor. Damit ist die Blamage für die feinen Damen perfekt und Myrtle Mae bringt ihre Verzweiflung zum Ausdruck: "So viele Leute werden jeden Tag überfahren. Warum kann es nicht Elwood treffen?"

Als einen guten Freund für alle Lebenslagen, so beschreibt Elwood seinen Hasenfreund Harvey. Die beiden teilen alles - vor allem die Vorliebe für Whiskey. Doch damit soll nun endlich Schluss sein: Veta Lousie liefert ihren Bruder Elwood in eine Irrenanstalt ein.

Die folgende Handlung klingt oberflächlich betrachtet nach typischem Volkstheater-Klamauk. Tatsächlich aber entfalten sich durch die Irrungen und Wirrungen im Sanatorium von Chefarzt Dr. Chumley wahnsinnig witzige Dialoge und eine Botschaft, die zum Schluss der Taxifahrer E.J. Lofgreen auf den Punkt bringt. Der vor Wut schnaufende Chauffeur beschreibt zunächst die Herzlichkeit und Großzügigkeit eines Patienten, den er zu dem Psychiater bringt. Auf der Rückfahrt sei dann alles anders: "Nachher ist er ein ganz normaler Mensch. Und Sie wissen ja, was das für ein Gesindel sein kann."

Jede Geste sitzt

Die Inszenierung der Komödie glänzt durch herausragende Hauptdarsteller, einen detailverliebten Kulissenbau und Kostüme, die der Schräge der Charaktere jeweils eine optische Entsprechung geben. Regisseur Peter Höhl hat sehr genau mit den Laienschauspielern gearbeitet: Da sitzt jede Geste, jede Bewegung und auch Tonfall und Tempo beim Reden. Höhl ist bekanntlich großer Großbritannien-Fan. Da wundert es wenig, dass es ihm gelingt, das Stück mit feinem englischen Humor auf die Bühne zu bringen. Die Pointen kommen punktgenau.

Holger Kraus als Elwood P. Dowd schaut seinem schlappohrigen Freund Harvey bei dessen Hopsern durchs Wohnzimmer mit einer Selbstverständlichkeit hinterher, die das Publikum immer wieder von Neuem zum Lachen bringt. Kraus hat nicht nur textlich die schwerste Rolle übernommen. Dem Laienschauspieler gelingt es zudem auf beeindruckende Weise, dem Lebemann Elwood einen ebenso liebenswürdigen wie schrulligen Anstrich zu verleihen. Nicht weniger überzeugend verkörpern Sabine Eckel als Veta Lousie und Rebekka Jilg als Myrtle Mae die Verzweiflung von Elwoods Familie. So gerne wollen die beiden Damen zur feinen Gesellschaft gehören und Klatschredakteurinnen Interviews geben. Doch immer wieder werden sie dabei durch Elwoods Hasen-Fantasien ins Abseits geschossen. "Manchmal sehe ich schon selbst diesen Hasen", gibt Veta Louise im Gespräch mit Psychiater Dr. Sanderson zu. Dessen Rolle wiederum füllt Karlheinz Balz mit einer gehörigen Portion Wahnsinn. Und beim Anblick seiner schwarz-weiß-karierten Hose und der gestrickten Ringelsocken fragt sich der Zuschauer sofort, ob denn nun Patient oder Therapeut als erstes Hilfe benötigen.

Weitere Akteure in der Irrenanstalt sind Conny Buß, die als Krankenschwester im Minirock den Männern die Köpfe verdreht, Harald Rudolph als trotteliger Pfleger Wilson, dem der Wahnsinn förmlich aus den Augenhöhlen herausschießt, und natürlich Chefarzt Dr. Chumley, dessen Verrücktheit Harald Hörl gekonnt verkörpert.

Dem Thema Irrenanstalt noch mehr Lebendigkeit geben die Auftritte von Julia Balz, die erst als Funkenmarichen zum Narrhalla-Marsch und dann als Pippi Langstrumpf über die Bühne hoppelt. In weiteren Sprechrollen zu sehen sind Nadine Oberbender als die in der Rechtsanwältin Olivia Gaffney personifizierte Spießigkeit, Gabriele Heinz als Betty Chumley, die den Dreh- und Angelpunkt der Missverständnisse bildet, sowie Renate Göbel als Ethel Chauvernet, die allein für ihren mit Pilzen, Weizen-Ähren und Weintrauben verzierten Hut einen Preis verdient hätte. Nicht zu vergessen ist Darsteller Dirk Schäfer, der als Taxifahrer E.J. Lofgreen zwar nur einen kurzen, dafür aber umso energischeren Auftritt hat.

Helfer im Hintergrund

Im Hintergrund wirken für ein wunderbar altmodisch ausgestattetes Bühnenbild und die Gesamtorganisation der Inszenierung mit: Heike Höhl, Thomas Beuermann, Ansgar Dülmer, Peter Kuke, Uwe Reuter und Hans Schlaudraff. Als Souffleusen engagieren sich Heike Maurer und Birgit Müller bei der Komödie, die Maske haben Larissa Blank, Tatjana Müller-Röhse und Silke Kesper übernommen.

Als am Ende der dreistündigen Aufführung immer mehr Akteure auf der Bühne zugeben, dass sie Harvey sehen und sogar mit ihm sprechen können, reiben sich kurz darauf auch die Zuschauer die Augen: Ist das ein großer, weißer Hase, der da über die Bühne hoppelt?

Weitere Aufführungen am 16., 17. und 18. März jeweils um 19.30 Uhr in der Aula der Ortenbergschule. Karten gibt es bei der Frankenberger Zeitung, in der Buchhandlung Jakobi, bei Foto Hörl und bei Edeka Wiskemann zum Preis von neun Euro. Schüler zahlen nur fünf Euro.

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