Interview mit Hobby-Historiker

Das Facebook von früher: Was uns Poesiealben heute noch sagen

Der Wandel der Zeit: Wie sich die Dokumentation freundschaftlicher Verbindungen im Laufe der Zeit verändert hat, zeigt Karl-Heinz Hartmann anhand eines Poesiealbums aus den 1930er-Jahren und eines Freundebuchs von 2010. Foto:  Skupio

Frankenberg. Heute sammelt man Freunde bei Facebook, früher gab es dafür das Poesiealbum.

Schulfreunde schrieben so hübsche Verse wie „In allen vier Ecken soll Liebe drin stecken“ oder „Rosen, Tulpen, Nelken, alle Blumen welken, nur die eine Blume nicht, die da heißt Vergissmeinnicht.“ Dazu wurden Herzen gemalt und Bildchen geklebt.

Hobbyhistroriker Karl-Heinz Hartmann aus Schreufa hat Poesiealben aus der Zeit zwischen 1920 und 1950 untersucht. „Poesiealben gelten als unmännlich“, sagt er im Interview und erklärt, wie er das meint.

Herr Hartmann, Sie haben acht Poesiealben aus der Zeit zwischen 1920 und 1950 untersucht - alle von Damen. Ist das Zufall?

Karl-Heinz Hartmann: Nein. Männer sind mehr für die Prosa des Lebens. Die Gefühlsqualität bei Frauen ist eine andere. Sie haben die Fähigkeit, Emotionalität auszuleben und zu verdichten, und eine hohe Affinität zur Freundschaft. Zudem gelten Poesiealben als unmännlich. Sogar viele Witwer haben das Album ihrer Frau nicht aufgehoben.

Aber Männer haben ja durchaus in Poesiealben geschrieben?

Hartmann: Das stimmt. Oftmals praktische Weisheiten. Mein Vater hat in mein Album geschrieben: Spare, lerne, leiste was, dann kannste, haste, biste was!

Sie als Mann hatten ein Poesiealbum?

Hartmann: Ja. Ich war sozusagen ein weißer Rabe. Meine Mutter hat mir eins geschenkt. Es ist aber in den Kriegs- und Nachkriegswirren verloren gegangen.

Gibt es darin einen Spruch, der Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Hartmann: Ja, der von meinem Onkel, den ich so nicht noch einmal gelesen habe. Er lautet: Halt dich aufrecht, liebe Seele, lass den Buckel dem Kamele.

Wie sah die Gestaltung aus?

Hartmann: Es wurde sehr darauf geachtet, dass die Seite einen ordentlichen Eindruck macht. Bei vielen Einträgen sieht man noch feine Bleistiftlinien. Zur Verschönerung wurden erhabene Hochglanzbildchen eingeklebt. Klebstoff hatte man damals nur für Renovierungsarbeiten zuhause. Stattdessen wurden die Bildchen mit einem Gemisch aus Mehl und Wasser festgeklebt.

Was ist der Sinn hinter Poesiealben?

Hartmann: Die Einträge in den Poesiealben - die ersten entstanden in der Biedermeierzeit (1815 bis 1848) - sind Freundschaftsbeweise, welche die Beliebtheit widerspiegeln. Die Sprüche sollen die Frauen führen, es ist eine Art Erziehung. Es finden sich Themen wie Strebsamkeit, gottgefälliges Leben, Demut, Pflichtbewusstsein und Wahrheitsliebe. Dementsprechend ist jedes Album ein Spiegel seiner Zeit.

Was meinen Sie damit?

Hartmann: So wie sich die Werte mit der Zeit geändert haben, änderten sich auch die Sprüche. Im Dritten Reich dominiert das vaterländische Denken, Treue und die Familie stehen im Mittelpunkt. Das kommt auch in den Sprüchen zum Ausdruck. Auch Hitler wird in den Alben zitiert.

Welche Sprüche findet man in der heutigen Zeit?

Hartmann: Bekannte Sprüche, Zitate oder Bibelverse werden umgedichtet. Beispielsweise wird aus dem Bibelvers „Wenn dich die Bösen locken, so folge ihnen nicht!“ die Abwandlung „Wenn dich die Bösen locken, bleib zuhause und stopf Socken!“.

Welche Erinnerungen HNA-Redakteure an ihre Poesiealben haben, lesen Sie in der gedruckten Dienstagsausgabe der HNA Frankenberger Allgemeine.

Quelle: HNA

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