Frankenberg

Fachhochschule wirbt bereits um Studenten für neuen Master-Jahrgang

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- Frankenberg (-sg-). Landrat Dr. Reinhard Kubat warb am Donnerstag für den neuen Master-Studiengang „Prozessmanagement“.

„Emma plus“ haben die 22 Studenten des Master-Studiengangs „Prozess­management“ die Firma genannt, die sie in ihrem Planspiel gegründet haben. Die Geschäftsidee: weltweit Waren besorgen und sie in Waldeck-Frankenberg mobil ausliefern. „Wir planen im ersten Jahr einen Umsatz von 21 Millionen Euro“, berichtet Prof. Werner Schmid, der das Seminar leitet. „21,9 Millionen“, korrigiert ein Student selbstbewusst.

Praxisnah lernen in enger Verzahnung mit heimischen Betrieben, so hoch qualifizierte Fachleute heranziehen und sie in der Region halten – das sind die Ziele des „dualen Studiengangs“, den die Fachhochschule Gießen/Friedberg zum Wintersemester 2009/10 an ihrer neuen Außenstelle hinter dem Frankenberger Landratsamt eingerichtet hat. Das erste Semester nähert sich dem Ende – den offiziellen „Antrittsbesuch“ des neuen Landrats Dr. Kubat nutzte die Leiterin des Studiengangs, Prof. Anita Röhm, gestern für ein erstes Fazit.

Trotz der kurzen Planungsphase sei der Anfang reibungslos verlaufen, berichtete sie. Die Studenten seien mit „unglaublicher Begeisterung“ dabei, auch von den derzeit zwölf Dozenten habe es eine positive Resonanz gegeben, betonte sie. Für die Zukunft gelte es, bei der Umsetzung des Bildungskonzepts Kontinuität, Stabilität und Berechenbarkeit zu gewährleisten, die Hochschule wolle „für die Region da sein und Leute ausbilden, die Verantwortung in den Betrieben übernehmen und neue Ideen umsetzen“.

Auch der Frankenberger Studiumskoordinator Dr. Diethelm Bienhaus sprach von einem „Drive“, den die Neugründung an den Tag gelegt habe. Diese Impulse gelte es weiterzutragen. Das Angebot sei „bedarfsorientiert“ für Unternehmen in die Region, der im „dualen Studium“ erworbene Abschluss Master runde die bereits bestehenden Bachelor-Angebote ab.

Im Wintersemester 2010/11 soll der zweite Master-Jahrgang beginnen. Bei rund 150 Firmen will die Hochschule um Studenten werben – auch im übrigen Nordhessen und im Sauerland. Bis Ende Mai können sich Interessenten melden.

Außerdem werde in Wetzlar gerade ein neuer Master-Studiengang in „Engeneering“ vorbereitet, der auch Waldeck-Frankenbergern offen stehen solle, berichtete Prof. Röhm.Derzeit schicken um die 15 Firmen Master-Studenten nach Frankenberg – von Conti in Korbach über Daimler in Kassel bis Viessmann, Günther, „Habö“ und weiteren Mittelständlern aus dem Kreis. Die Professorin warb für ein stärkeres Engagement: „Es muss eine kritische Masse da sein, die neue Gedanken in die Unternehmen hineinträgt“, erklärte sie.

Studenten fürs zweijährige „Studium plus“ abzustellen, bringe ihnen letztlich mehr, als externe Berater zu bezahlen, fügte Dr. Bienhaus hinzu. Über diesen Studiengang Nachwuchs zu gewinnen, sei auch günstiger, als Fachpersonal von teuren Vermittlern einzukaufen, sagte der Fachbereichsleiter der Kreisverwaltung für die Schulen, Friedhelm Pfuhl – „und es gibt eine höhere Erfolgsquote“: Die Chefs wissen ja, wen sie zum Studieren schicken.

Das sehen offenbar auch die Unternehmer, die trotz der teils gewaltigen Auftragseinbrüche durch die Weltwirtschaftskrise am Studium für ihre Mitarbeiter festhalten: „Ich sehe keine Einbrüche wegen der Krise“, betonte Prof. Röhm, die auch geschäftsführende Direktorin des wissenschaftlichen Zentrums in Wetzlar ist.

„Bildung ist der Schlüssel zum Erfolg“, betonte Dr. Kubat, da sei auch der Kreis in der Pflicht – er hat der Hochschule das einstige Gesundheitsamt hinter dem Landratsamt kostenfrei zur Verfügung gestellt. Er freue sich, dass es nach 400 Jahren endlich wieder eingeschriebene Studenten in Frankenberg gebe, sagte der Landrat mit Blick auf die Marburger Universität, die ihren Lehrbetrieb in Pestzeiten mehrmals nach Frankenberg verlagert hatte. Das „Studium plus“ sei wichtig, um junge Menschen in der Region zu halten. Denn oft genug ziehen sie fürs Studium weg – und kehren nur selten zurück.

Ihnen müssten im Kreis Chancen geboten werden, eine Familie zu gründen, ein vernünftiges Einkommen zu erzielen und einen Arbeitsplatz in einem zukunftsfähigen Unternehmen zu finden, mahnte er. Und so gelte es, Jugendliche und Firmen zu motivieren, das „qualitativ ausgesprochen hochwertige“ Bildungsangebot auch anzunehmen. Betriebe vom „Mehrwert“ dieses Studiengangs zu überzeugen, „wird mir eine Herzensangelegenheit sein“, versprach er. „Frankenberg kann sich glücklich schätzen.“

Bildung und Weiterbildung seien für ihn auf der Agenda oben angesiedelt, angesichts des Bevölkerungswandels müsse der eher dünn besiedelte Kreis reagieren. In wenigen Jahren fehlten im Handwerk und der übrigen Wirtschaft deutlich mehr junge Ausbildungswillige und Fachleute. Er werde sich dafür einsetzen, dass der Kreis Rahmenbedingungen schaffe,­ damit junge Leute den Kreis nicht mehr verlassen müssten.Die Vertreter von „Studium plus“ wollten es in Waldeck-Frankenberg zu einem Erfolgsmodell machen, das es in Mittelhessen bereits geworden sei. Dort habe die Fachhochschule vor zehn Jahren mit 50 Studenten angefangen – heute seien es 600. Für Frankenberg wünschte sich Dr. Kubat, dass sich die Studentenzahlen „mehr als verzehnfachen“, der Hochschul-Standort solle zur „festen Größe in der nordhessischen Bildungslandschaft“ werden.

Nichts weniger als eine „Revolution“ plant Werner Schmid in Frankenberg. In der deutschen Wirtschaft herrschten noch vielfach Management-Methoden der 1980er-Jahre vor, bei denen es um die Verbesserung der Prozesse im Betrieb gehe. Dieser „interne“ Ansatz sei heute falsch, vielmehr gelte es, die Weltmarktbedingungen zu sehen und auf Mitbewerber zu reagieren. „Das erfordert die Umkehr des Denkens“, erklärte der renommierte Ulmer Wissenschaftler. Er forderte, die Lehrbücher radikal umzuschreiben. Innovative Gedanken in die Lehre einzubringen, sei an einer Neugründung wie Frankenberg zu schaffen, weil dort niemand sage: „Das haben wir schon immer so gemacht.“

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