Vorverlegung der Sperrstunde

"Feiern, wann wir es für richtig halten"

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Sie alle sind gegen eine Sperrstunde in Frankenberg: von links André Landau und Marcel Arnold („Der Hirsch rockt“-Team), Christoph Müller (JU), Sebastian Schöneweiß und Maren Koch (beide Landjugend Haubern), Sebastian Held (JU), Christine Möller (GJ), Mar

Frankenberg - Eine sinkende Attraktivität der Region, finanzielle Nachteile für die Gastronomie und fehlende belastbare Zahlen, die eine positive Auswirkung belegen könnten - das sind die Argumente der Gegner einer möglichen Sperrzeit ab dreiUhr.

Zu einem „Runden Tisch“ zur geplanten Sperrstunde um drei Uhr hatten die Stadtverbände der Jungen Union und Jungen Liberalen eingeladen. Dazu waren neben Vertretern aller politischen Jugendverbände auch Mitglieder der Hessische Landjugend, der Landjugendgruppen aus Geismar und Haubern und des Röddenauer Jugendclubs sowie der Betreiber der Discotheken „Bonkers“ und „Utopia“ Lothar Battefeld gekommen.

Vergleiche mit Korbach und Willingen, wo die Sperrstunde bereits gilt, sehen die Jugendverbände kritisch: „Einerseits liegen bis heute keine belastbaren Zahlen vor, die eine Verringerung von Sachbeschädigungen, Ruhestörungen oder Gewaltdelikten belegen könnten“, heißt es in einer gemeinsamen Mitteilung (siehe dazu auch Kasten unten). „Andererseits verzeichnen Gastronomen erhebliche Umsatzeinbußen von bis zu 30 Prozent an den Wochenenden.“ In Willingen werde die Sperrstunde kaum überprüft, zudem bestehe die Möglichkeit, auf eine Discothek mit Ausnahmegenehmigung auszuweichen.

In Frankenberg bewerten die Jugendverbände die Absichten als „eine Einschränkung ihrer persönlichen Freiheit“. Die Einführung der Sperrstunde sei zudem „eine Gefahr für die Attraktivität des ländlichen Raumes, der ohnehin schon Schwierigkeiten hat, junge Menschen für ein Leben fernab der großen Städte zu gewinnen“, sagte Carolin Hecker, stellvertretende Landesvorsitzende der Hessischen Landjugend. Es sei zu befürchten, dass langfristig das Bestehen der beiden Discotheken stark gefährdet werde, „denn die Menschen werden sich das Feiern nicht verbieten lassen, sondern dahin fahren, wo es möglich ist“, ergänzten die Landjugend-Vorsitzenden Helena Graß (Geismar) und Carolin Schmidtmann (Haubern).

Keine Lärmbelästigung

Auch der Betreiber der beiden Discotheken, Lothar Battefeld, war zu dem Runden Tisch eingeladen. Er forderte, dass das Fehlverhalten einer Minderheit nicht zur Einschränkung aller führen dürfe: „Wenn sich nach einem Discoabend mit 1000 Besuchern zehn Personen daneben benehmen, ist das gerade einmal ein Prozent aller Gäste. Dafür die anderen 99 Prozent der absolut friedlich Feiernden in Sippenhaft nehmen zu wollen, kann man nicht ernsthaft wollen.“

André Landau vom Röddenauer Jugendclub, der den Discoabend „Der Hirsch rockt“ veranstaltet, verweist auf das veränderte Ausgehverhalten: „Heute ist es für die meisten jungen Leute üblich, erst gegen 24 Uhr auf Discoabende zu gehen. Dies ist ein allgemeiner Trend, den wir nicht in Frankenberg umkehren werden. Stattdessen laufen wir Gefahr, frustrierten jungen Menschen das Feierverbot ab drei Uhr erklären zu müssen.“

Die Jugendverbände vermuten die weiten Entfernungen und fehlende personelle Kapazitäten bei der Polizei als Gründe für deren Empfehlungen. Ruhestörungen spielten in Frankenberg aber keine Rolle: „Insbesondere das ‚Bonkers‘ befindet sich ohnehin in einem Industriegebiet“, betonte Lothar Battefeld.

Christine Möller, Sprecherin der Grünen Jugend und Stadtverordnete, forderte stattdessen eine konsequente Präventionsarbeit als Lösung für alkoholisierte und gewaltbereite Jugend. „Schließlich wird ein Großteil des Alkohols nicht in den Discotheken und auf den Discoabenden konsumiert, stattdessen treffen sich viele zum sogenannten Vorglühen mit harten Spirituosen.“

„Warum in Frankenberg mehr als zehn Jahre keine Sperrstunde nötig war und plötzlich dringender Regelungsbedarf besteht, ist überhaupt nicht nachvollziehbar“, kommentierte Hendrik Klinge, Chef der JuSos.

Christoph Hartel, Vorsitzender der Jungen Liberalen in Frankenberg, verwies auf die Folgen für die Wirte und Veranstalter: „Die Belastungen für die Gastronomen werden immer größer, neben der GEMA-Reform jetzt auch noch die Sperrstunde. Wir brauchen uns nicht zu wundern, wenn Frankenberg in Zukunft ganz ohne Discotheken dasteht.“ Als Beispiele aus der Vergangenheit nennt Hartel die Schließungen der Gaststätten Havanna, Klimperkasten und Barrock.

„Wir als Jugendorganisation sehen uns als Anwalt der jungen Generation und wollen unsere Freiheit, dann feiern zu gehen, wenn wir es für richtig halten“, sagte Christoph Müller, Stadtverbandsvorsitzender der Jungen Union. „Solange wir dabei niemanden stören, sehen wir keinen Grund uns einzuschränken.“ Gemeinsam mit Hartel resümierte er: „Niemand in Frankenberg braucht über die mangelnde Attraktivität und Verfügbarkeit abendlicher Ausgehmöglichkeiten zu klagen, wenn das Nachtleben durch die Einführung einer Sperrstunde beschnitten wird“. (r/apa)

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