Astonomietreffen im Burgwald

Fenster in die Unendlichkeit

+
Künstliches Licht ist eigentlich verboten beim Amateur-Teleskop-Treffen in Hertingshausen. Doch wenn Wolken nur kleine, sternengefüllte Fenster öffnen, dann darf auch mal in lauschiger, beleuchteter Runde gefachsimpelt werden.

Wohratal-Hertingshausen - Astronomische Nebel wollten sie sehen - Hochnebel bekamen sie: Eine Woche lang hatten Freizeitastronomen bei Hertingshausen mit den Widrigkeiten des deutschen Sommers zu kämpfen. Doch ihr Hobby begeistert auch bei einem verhangenen Himmel.

Die Dunkelheit ist heilig. Ärgerlich nur, wenn sie zu vollkommen ist, weil Wolken auch den winzigsten Schimmer Licht abschirmen - das weitgereiste Strahlen der Sterne. Dafür nämlich pilgern jährlich Dutzende Liebhaber langer Nächte auf eine Wiese oberhalb von Hertingshausen, direkt hinter der Kreisgrenze.

Stolze 140 Hobbyastronomen aus ganz Deutschland, den Benelux-Staaten und sogar Frankreich markierten vor einigen Jahren den Höhepunkt des Amateur-Teleskop-Treffens im Burgwald. Üblich sind etwa 80 bis 100 Freunde der Nacht. In diesem Jahr - in diesem Sommer, der ein Herbst ist - sind es spürbar weniger. Und an diesem allerletzten Abend, bevor für die meisten Teilnehmer der Alltag einkehrt und die Astronomie wieder zur Nebensache wird, sind es gerade mal eine Handvoll Hartgesottene, die ihre hoffenden Blicke in die dichten, manchmal Regen bringenden Wolken richten.

„Montag und Dienstag hatte ich wunderbare Nächte“, sagt Peter Hirschmann - und wünscht sich wenigstens für die letzte Nacht einige lichte Momente. In der Dämmerung steht er bei acht Grad barfuß auf der feuchten Wiese. „Man gewöhnt sich an die Kälte“, sagt der Hobbyastronom aus Eppelheim bei Heidelberg. Der deutsche Sommer verlangt ihm einiges ab.

Unzufrieden ist überraschenderweise dennoch niemand auf der einsamen Wiese im Burgwald. Besonders nicht Hirschmann. „Wenn es heute auch nichts wird, freue ich mich über die beiden ersten Nächte und hatte trotzdem eine interessante Woche“, sagt er. Schon die Tatsache, dass er nicht alleine in der Dunkelheit sitzen musste, dass er sich austauschen konnte, erfüllt ihn. „Außerdem bin ich zu Hause oft zu träge, um mich nach der Arbeit noch aufzuraffen. Hier steht die Astronomie eine Woche im Mittelpunkt“.

Vom Mikroskop zum Teleskop

Wie die meisten Besucher ist er kein Profi im Fach. Er arbeitet als biologisch-technischer Assistent in einer Pharma-Firma. „Früher musste ich tatsächlich durch Mikroskope gucken“, sagt Hirschmann, lacht und klopft auf sein Teleskop. Acht Zoll reichen ihm, um in den Himmel einzutauchen. „200x Zoom“ stünde auf der Verpackung, würden Teleskope mit den gleichen Worten beworben wie handelsübliche Digitalkameras.

„Ich habe mir ein Wochenende Zeit genommen, um das Gestell mit dem zu bauen, was ich im Keller hatte“, erklärt Hirschmann. Dobson-Montierung heißt das - benannt nach dem Amateur-Astronomen John Dobson. Der Amerikaner hatte als hinduistischer Mönch gelobt, in Armut zu leben, war aber stets von der Astronomie faszinierst. Seine Tüftelei mit dem, was da war, half, die Astronomie als bezahlbares Hobby zu verbreiten.

„Es reichen 1500 Euro, um schon richtig viel zu sehen“, sagt Peter Hirschmann. Auch das sei es, was ihn an diesem Hobby so fasziniere - seine Einfachheit. „Ich schaue die Sterne an, weil sie da sind. So wie Tiere und Pflanzen auch einfach da sind“, sagt der naturbegeisterte Mann, der seinen Urlaub lieber in Lappland als am Strand von Mallorca verbringt. „Astronomie ist kein kompliziertes Hobby“.

Probleme schrumpfen im Angesicht des Firmaments

Beim Blick in die Natur und gerade in den Himmel werde er sehr nachdenklich, sagt Hirschmann. „Man wird sich seiner eigenen Bedeutungslosigkeit bewusst.“ Das kann einen Menschen bedrücken - Peter Hirschmann befreit es: Probleme würden schrumpfen. „Und es erweitert meinen Horizont“, sagt der Mann, der zwei Supernovae und zwei Sonnenfinsternisse gesehen hat. Am meisten begeistert ihn aber bis heute die Passage der Kometen Hale-Bopp und Hyakutake in den Jahren 1995 und 1996.

Ein paar Mal, für einige kurze Sekunden, erspäht Hirschmann auch an diesem Abend einen Kometen: „E2 Jacques“. Dieser neu entdeckte Schweifstern ist der Star des zwölften Amateur-Teleskop-Treffens, versteckt sich aber viel zu oft hinter einem Vorhang aus Wolken. Kurz vor Mitternacht dann reicht es dem Hobby-Astronomen: „Ich geh‘ ins Bett, gute Nacht“, ruft er seinen durchgefrorenen Kollegen zu. Sein Hobby stellt er nicht über alles - besonders nicht über eine sichere Heimfahrt nach sieben Nächten unter dem freiem Himmel des Burgwalds.

Von Malte Glotz

Die Astronomie-Gruppe Lahn/Eder ist offen für neue Mitglieder. Vom 26. bis 28. September findet in Hertingshausen ein Beobachtungswochenende statt. Mehr Informationen unter www.astronomie-lahn-eder.de im Internet.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare