Aus der Geschichte der Frankenberger Garnison – Vierter Teil: Das Bataillon für Elektronische Kampfführung im Kalten Krieg

Fernmelder verfolgen den Vormarsch auf Prag

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Frankenberg - Die Fachleute des Fernmeldebataillons 320 machen sich mit ihrer Aufklärungsarbeit einen Namen.

Erst Urlaubssperre und der Befehl „erhöhte Gefechtsbereitschaft“, dann zunehmende Truppenbewegungen, hektische Funksprüche in den Stäben der Nationalen Volksarmee und der sowjetischen Eliteeinheiten, schließlich die „volle Gefechtsbereitschaft“ wie im Krieg mit der Ausgabe scharfer Munition - was war da los im Süden der DDR?

Hochsommer 1968: Die Tschechoslowaken diskutierten im Kaffeehaus freudig über einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ oder inszenierten in den Theatern systemkritische Stücke, im Westen jubilierten Linke, der Kommunismus lasse sich über den „dritten Weg“ der Prager Genossen erreichen - doch in den Führungsstäben der NATO herrschte helle Aufregung: Da bahnte sich doch etwas an in diesem kleinen Land jenseits des „Eisernen Vorhangs“, gleich hinter der Grenze zu Bayern und dem neutralen Österreich. Aber was?

Panzer gegen Reformer

Auch Soldaten im fernen Frankenberg lieferten den rätselnden Generälen die so dringend gesuchten Fakten. Sie bestätigten: Truppen des Warschauer Paktes würden in das „sozialistische Bruderland“ Tschechoslowakei einmarschieren. Panzer sollten den „Prager Frühling“ niederwalzen und die Vorherrschaft der Betonköpfe wieder herstellen, die auf der rigiden Linie Moskaus lagen. Den „Reformkommunisten“ sollte der Garaus gemacht werden.

Am 21. August 1968 überquerten die „Verbündeten“ die Grenzen und marschierten auf Prag zu. Und die hoch spezialisierten Fachleute des Fernmeldebataillons 320 verfolgten aufmerksam, was sie unternahmen. Mit den Mitteln der Elektronischen Kampfführung lieferten sie hochwertige Aufklärungsergebnisse, die auch in Bonn auf Anerkennung stießen. Es waren Sternstunden des Verbands, der vor 50 Jahren aufgestellt wurde. 1968 bewies er die gesamte Bandbreite seiner Fähigkeiten.

Gegenseitiges Misstrauen

Der Auftrag des Bataillons ist vor dem Hintergrund des 1945 entstandenen Kalten Krieges zu sehen. An der innerdeutschen Grenze standen sich mit NATO und Warschauer Pakt zwei hochgerüstete Militärbündnisse gegenüber, die sich gegenseitig misstrauten und belauerten.

Wie inzwischen teilweise geöffnete Archive belegen, bestand in den kommunistischen Parteizentralen und in den Generalstäben des Warschauer Pakts durchaus die Furcht vor einem westlichen Angriff. Die „Eindämmungsstrategie“ der USA, die Drohung, Atomwaffen einzusetzen, der Krieg in Vietnam, provokante Spionageflüge und Manöver - all das werteten die Sowjets als Beweis für die Aggressivität des Westens. In seiner Propaganda ließ sich der Ostblock hingegen als Bewahrer des Friedens feiern.

Auf der anderen Seite hatte die diktatorisch regierte Sowjetunion schon mehrfach bewiesen, dass sie sich ihre Macht auch militärisch sichern würde: Sie griff etwa in Kolonialkriege mehr oder weniger direkt ein, um strategische Vorteile und neue Verbündete zu gewinnen. Und sie hatte die Aufstände im Juni 1953 in der DDR und 1956 in Ungarn und Polen niedergeschlagen. War deshalb auch ein Angriff auf westliche Staaten denkbar? NATO-Strategen beunruhigten besonders die großen Panzerarmeen des Ostens, die einen schnellen Vorstoß ermöglichten.

Für Militärs wie Politiker hatte die Aufklärung deshalb eine große Bedeutung: Was besagten Truppenbewegungen im Osten? Drohte etwa ein Angriff? Was bezweckte ein Manöver? War es nur eine Übung? Oder ein getarnter Aufmarsch? Spione im Osten lebten gefährlich, deshalb versuchten die westlichen Verbündeten, auch mit den technischen Möglichkeiten der Elektronischen Kampfführung von der Bundesrepublik aus militärische Erkenntnisse zu gewinnen.

In dieser Anfangszeit überwachten die Frankenberger Fernmelder zwei sowjetische Verbände in der DDR: die 8. Gardearmee in Weimar und die 1. Gardepanzerarmee in Dresden. 1971 kamen auch Grenztruppen und die 3. Armee der Nationalen Volksarmee hinzu, die Divisionen in Erfurt, Halle und Dresden stationiert hatte.

An der Kreisstraße 117 am Rande der Kaserne steht noch das Antennenfeld, von dem aus die Funknetze im Osten stationär überwacht wurden. Hinzu kam 1962 der stationäre Außenposten auf dem Hohen Meißner, ab 1977 „grenznahe Fernmeldeaufklärungsstelle“ genannt. Sie wurde immer weiter ausgebaut. Und im September 1967 übernahmen Soldaten der dritten Kompanie den Dienstbetrieb im 1967 fertiggestellten und später ebenfalls erweiterten Fernmeldeturm C auf dem Stöberhai im Harz. Außerdem waren mobile Trupps in Lastwagen und Unimogs unterwegs, die an der innerdeutschen Grenze Nahaufklärung betrieben. Das Bataillon wertete den Sprechfunk aus und versuchte, Verbände durch Peilung zu lokalisieren, zu identifizieren und ihre Bewegungen nachzuvollziehen.

Diese Fähigkeiten waren gefragt, als es mit dem „Prager Frühling“ zu Ende gehen sollte - offiziell riefen tschechoslowakische „Persönlichkeiten“ von Staat und Partei ihre „sozialistischen Brüder“ um Hilfe, um „konterrevolutionäre Kräfte“ zu bezwingen. Am 21. August 1968 marschierten Truppen des Warschauer Paktes ein. Auch die DDR war Aufmarschgebiet - auch wenn deren NVA nur am Rande beteiligt war. Insgesamt war eine halbe Million Soldaten der Sowjetunion, Polens, Ungarns und Bulgariens mobilisiert - es war die größte Militär-operation in Europa seit dem Kriegsende 1945, und das in einem Grenzstaat zur NATO.

Auch die Bundeswehr wurde in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt, Teile des II. Korps brachten sich in Süddeutschland in ihrem „Verfügungsraum“ in Stellung, zweimal täglich rief Verteidigungsminister Gerhard Schröder seine Generäle zum Lagevortrag zusammen.

Top-Berichte des Bataillons

Was sie auf der Bonner Hardthöhe berichteten, hatten auch Frankenberger Fernmelder zusammengetragen. Fast alle Horchzüge des Bataillons waren im Einsatz, im Zweischicht-System lieferten sie rund um die Uhr immer neue Meldungen, die ihre Vorgesetzten als hervorragend einstuften.

Der Kommandierende General des III. Korps, Generalleutnant Gerd Niepold, ließ sich sogar per Hubschrauber von Koblenz nach Frankenberg fliegen, um sich vor Ort zu informieren. Einer Außenstelle des Bataillons stattete der Generalinspekteur der Bundeswehr einen Besuch ab, General Ulrich de Maizière - der Vater des heutigen Verteidigungsministers Thomas de Maizière. Und Kanzler Georg Kiesinger besuchte am 12. Oktober 1969 die Burgwald-Kaserne.

Auch Dank der Aufklärungsarbeit der Frankenberger wussten Militärs und Politiker, dass der Westen nicht gefährdet war. Insofern hat das Bataillon auch einen Beitrag dazu geleistet, dass sich der Konflikt nicht noch weiter verschärft hat.

Die NATO respektierte den „Eisernen Vorhang“ und kam den Reformern nicht zu Hilfe.

In dieser Phase, zum Jahreswechsel 1968/69, wurde Oberstleutnant Günter Miosga ins Bon-ner Verteidigungsministerium versetzt - 1966 war er der zweite Kommandeur des Bataillons geworden. Seine Nachfolge trat für nur rund neun Monate Oberstleutnant Heinrich Müller an.

Bataillon verstärkt

Die Bundeswehr verstärkte nach der Prager Krise ihre Aufklärung. Am 1. April 1969 bekamen die Frankenberger 70 Soldaten mehr für den Schichtdienst. Zum 1. Januar 1970 wurden sie um weitere 150 Soldaten „Einsatzverstärkung“ aufgestockt. Im April wurde die Ausbildungskompanie 427 um 87 auf 269 Soldaten erweitert.

Platz in der Burgwald-Kaserne war ja frei geworden: Von Frühjahr bis Juni 1969 wurden die Artilleristen, wie berichtet, komplett nach Treysa verlegt.

Auch die Aufklärungsstellen wurden erweitert, die Besatzungen bekamen feste Quartiere, nachdem sie zunächst in Zelten untergebracht waren. In der Burgwald-Kaserne wurde zum Jahreswechsel 1972/73 das „Sondergebäude“ am neuen Antennenfeld bezogen. Technisch gab es einige Neuerungen.

Und auch wenn es noch weitere kritische Phasen gab: So ernst wie 1968 wurde es erst 1989 wieder...

Was ist EloKa?

Die Elektronische Kampfführung, kurz EloKa, dient zum einen der militärischen Aufklärung. Sie nutzt dabei das drahtlos übermittelte „elektromagnetische Spektrum“. Dazu gehören klassische Funkausstrahlungen ebenso wie die Strahlungen von Radargeräten oder von Feuerleitsystemen.

Eine Aufgabe ist, die Strahlungsquellen zu suchen, zu erfassen und zu identifizieren. Beispiel: Wo befinden sich Radarstellungen welcher Einheit? Wo hält sich der Verband X gerade auf?

In einem weiteren Schritt geht es darum, per Funk gesendete Botschaften zu „belauschen“ und auszuwerten. Etwa: Was teilt eine gegnerische Einheit über ihre Pläne mit? Zu diesem Zweck hat die Truppe Auswerter, die die Sprache der potentiellen Gegner kennen. Die gewonnenen Informationen nutzen vorgesetzte Führungsstäbe zumSchutz der Truppe oder für die Planung von Offensiven.

Zum zweiten verfügt die Truppe über die Technik, um einem Gegner durch Störaktionen die elektromagnetischen Ausstrahlungen zu verwehren oder ihn zu täuschen. Außerdem versucht die Truppe, gegnerische Störungen der eigenen Ausstrahlungen zu unterbinden.

Im Kalten Krieg gab es EloKa-Verbände in den drei Teilstreitkräften der Bundeswehr.

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